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Reden wir über Sprachen!

Wie viele Sprachen gibt es auf der Welt?
Was haben Sprachen mit Fahnen zu tun?
Wie viele Menschen in Österreich sprechen Indisch?
Was ist gemeint, wenn von Muttersprache die Rede ist?
Sind zweisprachige Kinder im Vorteil oder im Nachteil?

Wie viele Sprachen gibt es auf der Welt?

Etwa 6500 kann man in Wikipedia nachlesen. Bloß, wer bestimmt, was eine Sprache ist, was eine Sprachvarietät oder ein Dialekt? Vom Deutschen beispielsweise sagt man, es sei plurizentrisch, d. h. es wird je nach Land und Region in unterschiedlichen Varietäten verwendet (z. B. österreichisches Deutsch). Auch Serbokroatisch bzw. Kroatoserbisch galt früher als eine Sprache mit unterschiedlichen regionalen Varietäten. Heute heißt die Staatssprache in jedem Land anders: Bosnisch, Kroatisch, Montenegrinisch oder Serbisch.

Es gibt kein allgemeingültiges oder natürliches Kriterium, nach dem eindeutig unterscheidbar wäre, was eine Sprache ist, was eine Varietät. Sprachen sind nicht abzählbar. Was eine eigene Sprache ist und was nicht oder wer zu einer Sprachgemeinschaft dazugehört und wer nicht, wird in hohem Maß durch historische und politische Verhältnisse bestimmt und ist daher immer auch eine Frage von Macht. Sprachfragen spielen deshalb nicht selten mit eine Rolle, wenn es innerhalb eines Staates oder zwischen Staaten zu Konflikten kommt.

Was haben Sprachen mit Fahnen zu tun?

Nichts. Dennoch werden häufig nationalstaatliche Symbole herangezogen, um Sprachen optisch zu kennzeichnen. Deutsch bekommt – ob es den Deutschsprachigen in Österreich, der Schweiz und anderswo passt oder nicht – die deutsche Fahne, Spanisch die spanische. Dabei haben in Spanien auch andere Sprachen (allen voran Katalanisch, Baskisch, Galicisch) einen offiziellen Status, regional teilweise sogar einen dominierenden. Im Übrigen ist Spanisch Amtssprache in 21 weiteren Staaten. Allein in Mexiko, in den USA und in Kolumbien leben jeweils mehr SpanischsprecherInnen als in Spanien selbst. Ganz ähnlich verhält es sich mit anderen sogenannten Weltsprachen.

Die Vorstellung, wonach Sprachgrenzen mit den Grenzen von Territorialstaaten übereinzustimmen haben, hat in den letzten zwei Jahrhunderten viel Unheil angerichtet. Die Politik der Kolonialstaaten, den einverleibten Kolonien die eigene Sprache überzustülpen, hinterlässt in vielen ehemaligen Kolonien bis heute tiefe Spuren, hat aber auch dazu geführt, dass Sprachen längst nicht mehr „geistiges Eigentum” einer Nation sind. Ein Beispiel dafür ist das indische Englisch.

Weder lässt die Angabe einer bestimmten Umgangssprache Rückschlüsse auf ein bestimmtes Herkunftsland zu, noch weist ein bestimmtes Herkunftsland jemand als SprecherIn der dortigen Staatssprache aus. Daher ist es auch nicht möglich, jemanden allein aufgrund seiner Sprache einer bestimmten Nation oder einer ethnischen Gruppe zuzuordnen.

Wie viele Menschen in Österreich sprechen Indisch?

3582, sagt die Volkszählungsstatistik (STATISTIK AUSTRIA, Volkszählung 2001. Erstellt am: 1. 6. 2007). Allerdings gibt es erstens keine Sprache, die „Indisch“ heißt – die Verfassung Indiens führt neben Hindi und Englisch weitere 21 Sprachen an, die teilweise als regionale Amtssprachen anerkannt sind. Und zweitens scheint nur ein Bruchteil der EinwohnerInnen Österreichs, die bei der Volkszählung z. B. Hindi als Umgangssprache angegeben haben, in der Statistik auf. Das hat einen einfachen Grund: Weil in der Statistik jeder oder jede nur mit einer Sprache aufscheint – oder mit Deutsch und noch einer dazu –, wird jemand, der zum Beispiel Englisch und Hindi als Umgangssprachen angibt, in der Statistik automatisch den Englischsprechenden zugeschlagen. Englisch steht in der Liste weiter oben als „Indisch“ und hat deshalb Vorrang, unabhängig davon, dass Hindi (nach Chinesisch) die zweitmeist gesprochene Sprache der Welt ist.

Dieses Beispiel macht deutlich, dass Statistiken – ganz besonders, wenn es um Sprachen geht – mit Misstrauen zu begegnen ist. Aber, was noch wichtiger ist, es führt auch vor Augen, wie Sprachen je nach dem Prestige, das ihnen gesellschaftlich zuerkannt wird, unterschiedlich bewertet werden. Gerade außereuropäische Sprachen werden in Europa oft noch immer nicht als ebenbürtig anerkannt. Das kommt nicht zuletzt in unkorrekten Benennungen zum Ausdruck, in der österreichischen Statistik zum Beispiel durch die Benennung von Sprachen nach Staaten („Indisch“) oder herabsetzende Bezeichnungen wie „westafrikanische Eingeborenensprachen“.

Was ist gemeint, wenn von Muttersprache die Rede ist?

Muttersprache ist ein alltagssprachlicher Begriff, der in unterschiedlichen Bedeutungen verwendet wird. Manche Leute sagen von sich, sie hätten keine Muttersprache, andere, sie hätten zwei, wieder andere, sie hätten erst im Lauf ihres Lebens zu ihrer Muttersprache gefunden. Manchmal ist damit eine Standardsprache gemeint, manchmal ein vertrauter Dialekt, meistens geht es darum, ein besonders emotionales Verhältnis zu einer bestimmten Sprache zum Ausdruck zu bringen.

Der Begriff ist zudem dadurch belastet, dass Muttersprache oft mit Nationalsprache gleichgesetzt und der Nation so die Rolle der Mutter zugeschrieben wird. Nur MuttersprachlerInnen, hört man manchmal, seien in der Lage, eine Sprache wirklich zu beherrschen. Das ist ein Mythos, der einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhält.

Wenn es um präzise Fragen geht, ist der Begriff Muttersprache daher kaum tauglich. Besser als nach der Muttersprache fragt man nach Erstsprachen, Familiensprachen, im Alltag am häufigsten gebrauchten Sprachen usw. (immer in der Mehrzahl) – die Antwort kann, je nachdem, wonach man fragt, unterschiedlich ausfallen.

Sind zweisprachige Kinder im Vorteil oder im Nachteil?

Einsprachigkeit ist weltweit nicht die Norm. In Wien z. B. bringt rund die Hälfte der Kinder beim Eintritt in die Volksschule weitere Sprachen mit. Jeder Mensch, auch der sogenannt einsprachige, verfügt aufgrund seiner Lebensgeschichte und der Lebenswelten, in denen er sich bewegt, über ein breit gefächertes sprachliches Repertoire an Registern, Dialekten, Soziolekten, Jargons oder Fachsprachen. Dieses Repertoire ist ständig im Wandel begriffen, manchmal steht eine Sprache oder eine Art zu sprechen im Vordergrund, manchmal eine andere. Aus diesen Ressourcen schöpfen wir, um unser Sprechen zu modellieren – so, wie es uns in einer bestimmten Situation angebracht scheint, so wie wir von anderen wahrgenommen werden wollen.

Ob Mehrsprachigkeit als Vorteil oder als Nachteil erfahren wird, hängt vor allem davon ab, wie „mitgebrachte“ Sprachen von der Umgebung (z. B. in der Schule) bewertet werden. Wenn die Umgebung eine Sprache als unwichtig oder störend taxiert und mehrsprachige Kinder als sprachlich defizitär, untergräbt dies das Selbstwertgefühl und kann sogar dazu führen, dass sich Menschen selbst als „halbsprachig“ wahrnehmen. Wenn Sprachen und Mehrsprachigkeit von der Umgebung dagegen positiv bewertet werden, dann fällt es leicht, sie als Ressource zu begreifen, an deren Ausbau und Weiterentwicklung man zeitlebens weiterarbeitet.

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