Mehrsprachige Vorlesestunde

Durch gemeinsames Lesen und Vorlesen in mehreren Sprachen bekommen Eltern von Kindergartenkindern die Möglichkeit, aktiv an mehrsprachigen Bildungs- und Lernprozessen ihrer Sprösslinge teilzunehmen und diese zu unterstützen.

Von Michael Achleitner

Eine wichtige Voraussetzung für eine gelingende Sprachförderung ist die Zusammenarbeit mit den Eltern. Aktivitäten, bei denen die Kompetenz und Sprache von Eltern einbezogen werden, vermitteln auf eine sehr natürliche Art und Weise Wertschätzung und Achtung der jeweiligen Familienkultur des Kindes.

Eltern als Lesevorbild

So können zum einen die Kinder ihre Eltern als Lesevorbild erleben, zum anderen erhalten die Eltern auch zahlreiche Anregungen für das gemeinsame Lesen und Entdecken eines Buches. Zugleich wird den Kindern ein wichtiger offener Zugang zu verschiedenen Sprachen vorgelebt. Dieser wertschätzende Umgang mit Mehrsprachigkeit begünstigt die sprachliche Entwicklung und vollzieht sich über die Möglichkeit der Verwendung aller Sprachen (Erst- und Zweitsprache). „Ein erfolgreicher Zweitspracherwerb baut auf erstsprachlichen Kompetenzen auf. Daher ist es wichtig, die Erstsprache weiterhin in der Familie zu festigen und ihr in den elementaren Bildungseinrichtungen einen Stellenwert zu geben“, weiß Astrid Jelencsits, Sprachförderin bei der Stadt Wien – Kindergärten. Bildungssprachliche Angebote auf Deutsch und in der jeweiligen Erstsprache sind besonders wichtig, um Kindern in ihrer Entwicklung gerecht werden zu können.

Papperlapapp im Kindergarten

Die Arbeit mit Papperlapapp im Kindergarten ist ein Beispiel, wie mehrsprachiges Lesen mit Eltern umgesetzt werden kann. Die grundlegende Idee der zweisprachigen Bilderbuchzeitschrift für Kinder ab 5 Jahren, besteht darin, die Freude am Vorlesen und an Sprache zu wecken. Und das ebenfalls nicht nur in der Bildungssprache Deutsch, sondern auch in vielen Erstsprachen jener Kinder, die Kindergärten und Kindergruppen besuchen. Auch Eltern können gut mit dem Material arbeiten. „Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen bestätigen uns immer wieder, dass sich Papperlapapp nicht nur für die Arbeit mit den Kindern, sondern auch für die Elternarbeit besonders gut eignet. Eltern mit Migrationshintergrund bauen Hemmschwellen ab und melden sich aktiv zu Vorleseaktionen im Kindergarten, wenn sie die Möglichkeit haben, in ihrer Erstsprache vorzulesen“, weiß Verlagsleiterin und Chefredakteurin Karin Hirschberger.

Als Grundvoraussetzung für die Elternarbeit muss sichergestellt werden, dass die Eltern das jeweilige Vorleseprodukt kennen. Im Falle der Bilderbuchzeitschrift wird diese auf Elternabenden vorgestellt. Somit werden Inhalte, Ziele und Möglichkeiten der Umsetzung transparent gemacht. Zudem werden gemeinsam mit den Eltern Ideen für das Lesen und Erzählen zu Hause erarbeiten.

Gestaltung eines Vorlesenachmittags

Wie funktioniert so ein Vorlesenachmittag? Eltern (auch Großeltern, Tanten, Onkel, Geschwisterkinder, Hortkinder) werden zum Vorlesen in ihrer Erstsprache in den Kindergarten einladen. Im Vorfeld wird abgesprochen, welche Geschichten erzählt, wie alt die Kinder und wie groß die Gruppe sein sollte. Abwechselnd wird in der Erstsprache und in Deutsch vorgelesen. Dabei ist es wichtig, die Geschichten auch jenen Kindern anzubieten, die die jeweilige andere Sprache nicht sprechen. Zur besseren Verdeutlichung und Vertiefung kann deshalb auch Anschauungsmaterial bereitgestellt werden. Mit den Kindern können beim Vorlesen einzelne Wörter gemeinsam übersetzt werden.

„Sprachkenntnisse auf Deutsch sind für die vorlesenden Eltern nicht zwingend nötig, was wiederum die Bereitschaft mancher, in die Bildungseinrichtung zu kommen, positiv beeinflusst und so manche Hemmschwelle überwinden lässt“, sagt Kindergarten- und Hortpädagogin Astrid Jelencsits. Der entstehende Kontakt und vertrauensvolle Beziehungsaufbau bereichert die Zusammenarbeit im Sinne einer gelingenden Bildungspartnerschaft. „Und die Kinder haben enormen Spaß dabei – dies ist die wichtigste Grundlage für positive und motivierende Lernprozesse“, so Jelencsits.

Mehrsprachige Angebote zuhause nutzen

In der aktuellen Situation befinden sich viele Familien zuhause und Vorleseaktionen im Kindergarten können vorerst nicht abgehalten werden. Aber auch zuhause können Eltern vorlesen. So hilft die Rubrik „Kinderbücher in vielen Sprachen“ auf schule-mehrsprachig.at bei der Suche nach geeignetem zwei- und mehrsprachigen (Vor)Lesestoff.

Genauso wie Schulen und Kindergärten können Eltern die mehrsprachigen und weiterhin bestellbaren Angebote des BMBWF für Zuhause nutzen:

  • Die dreisprachige Zeitschrift Trio enthält unterschiedliche Textsorten zu verschiedenen Themen, Rätsel, Witze und Buchtipps auf Deutsch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch und Türkisch.
  • Der Name PUMA steht für spielerisches und zugleich kompetenzorientiertes Sprachlernmaterial für Kinder im Alter von vier bis sieben Jahren. Zentrales Anliegen ist die Sprachförderung, insbesondere die Deutschförderung, an der Nahtstelle Kindergarten–Volksschule und eignet sich auch gut für Zuhause. PUMA steht als Download zur Verfügung und wird auch zugeschickt – solange der Vorrat reicht.