Sprachliche Frühförderung mit Musik und Spielen

Karin Weitzer (ÖSZ), Sprachwissenschaftlerin Barbara Rössl-Krötzl und Ferdinand Auhser (Bakabu) sprechen über PUMA und Bakabu und damit über das sprachdidaktische Potenzial von Liedern und über spielerische und zugleich kompetenzorientierte Sprachlernmaterialien für Kinder.

Interview: Michael Achleitner

Was ist PUMA bzw. Bakabu?

Ferdinand Auhser: Bakabu, der Ohrwurm, ist eine Figur, die im Rahmen eines Projektes zur Sprachförderung entwickelt wurde: Hier geht es um eine neue Methode der sprachlichen Frühförderung durch Musik. Es entstehen neue Kinderlieder und Texte, wobei jedes Lied einen bestimmten Sprachaspekt in den Fokus rückt.
Karin Weitzer: Zentrales Anliegen des vom Bildungsministerium beauftragten PUMA ist die Sprachförderung, insbesondere die Deutschförderung, an der Nahtstelle Kindergarten – Volksschule. Die Vorteile von PUMA sind der unkomplizierte, schnelle Einsatz, die Handlichkeit der Produkte (Spiele, Aktivitäten, methodisch-didaktische Tipps – alles auf nur einem Plakat) und die Qualitätsgarantie (sämtliche PUMA-Produkte entsprechen den Bildungszielen im bundesländerübergreifenden BildungsRahmenPlan bzw. in den Lehrplänen für die Volksschule).

Für Kinder welchen Alters ist das Angebot konzipiert?

Karin Weitzer: Grundsätzlich wurden die PUMA-Materialien für Kinder im Alter von vier bis sieben Jahren entwickelt. Alle PUMA-Produkte können aber ganz unaufwendig adaptiert und dem individuellen Sprachstand der Kinder angepasst werden.
Barbara Rössl-Krötzl: Die Lieder der Bakabu-Alben sind für verschiedene Altersgruppen und Sprachentwicklungsstufen konzipiert. Es stehen sowohl einfache Lieder für die sehr jungen Kinder bzw. SprachlernanfängerInnen als auch textlich und musikalisch anspruchsvollere Lieder für die älteren bzw. sprachlich fortgeschritteneren Kinder zur Verfügung. Das heißt: Mit den Liedern werden Kinder ab dem 2. Lebensjahr bis weit in die Grundschule hinein angesprochen.
Wichtig ist, dass sprachliche Inhalte und Musik auf das jeweilige Alter, auf die jeweiligen Sprachkompetenzen des Kindes abgestimmt sind und das Kind weder unter- noch überfordert wird.

Wie unterstützen PUMA und Bakabu den Spracherwerb der Kinder?

Ferdinand Auhser: PUMA möchte Kinder auf mehreren unterschiedlichen Ebenen erreichen. Im neuen PUMA-Faltplakat sollen Kinder auf mehreren unterschiedlichen Ebenen erreicht werden. Auf dem Plakat „PUMA – der Weltenbummler“ gibt es eine Bildgeschichte mit bunten, sehr klaren Bildern, die von den Kindern angeschaut wird und erstmal die Fantasie anregt. Dann gibt es die Geschichte als Text zum Vorlesen und auch gesprochen als Hörbuch – mit relativ wenig Text und einfachen Worten, dafür aber in vier verschiedenen Sprachen, damit auch Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache und deren Eltern leichter Zugang zur Story bekommen. Und zusätzlich gibt es bei einer Station der Bildgeschichte auch noch ein Bakabu-Lied zum Anhören und Mitsingen. Es geht also um das Sehen, Geschichten-Ausdenken, Zuhören, Nacherzählen und Singen.
Karin Weitzer: Man darf nicht vergessen, dass der Aufbau der Bildungssprache schon im Kindergarten beginnt. Mit den verschiedenen PUMA-Aktivitäten werden wichtige Wahrnehmungs- und Sensomotorikbereiche in Vorbereitung auf den späteren (Schrift)sprachenerwerb trainiert. Über allem gilt aber immer das PUMA-Motto: Es soll den Kindern Freude machen.
Barbara Rössl-Krötzl: Grundsätzlich wirkt schon allein das Hören von Musik förderlich auf die Voraussetzungen des Spracherwerbs, es werden die gleichen Hirnareale aktiviert, Konzentration und Aufmerksamkeit gefördert. Das (gemeinsame) Singen von Liedern fördert zudem das „Miteinander“, die soziale und emotionale Kompetenz, wirkt daher auch kontaktstiftend und in weiterer Folge sprachanregend. Im Konkreten sind die Liedtexte nach spracherwerbstheoretischen Gesichtspunkten verfasst, d. h., die dargebotenen sprachlichen Inhalte und Elemente folgen den evidenzbasierten Aneignungsphasen des Deutschen, im Erst- und Zweitspracherwerb. Die Liedtexte und ihre Vertonung rücken jeweils ganz bestimmte Sprachlerneinheiten in den Vordergrund, was dem Kind im Übrigen nicht bewusst wird. Es ist sozusagen der geheime Plan hinter den Liedern. Vordergründig behandeln sie Themen aus der Erlebnis- und Gefühlswelt der Kinder.

Gibt es differenzierte Angebote für unterschiedlich sprachbegabte Kinder?

Karin Weitzer: Ja, alle PUMA-Angebote wurden bewusst so gestaltet, dass sie den sprachlichen Fähigkeiten der Kinder angepasst werden können. Die PUMA-Palette umfasst ja die unterschiedlichsten Aktivitäten: Vom Würfelspiel über Bildgeschichten, Hörbücher in verschiedenen Sprachen, analogen und optional auch digitalen Sprachaktivitäten, Wimmelbildern, Spekulier- und Philosophierfragen, Liedern, Reimen bis hin zu einer kleinen Sprachlerndokumentation ist alles mit dabei. Die Würfelspiele werden zum Beispiel meistens in Teams gespielt, was bedeutet, dass die Kinder auch voneinander lernen und sich sprachlich unterstützen können.
Barbara Rössl-Krötzl: Ja. Es stehen z. B. Lieder zur Verfügung, die das metasprachliche Bewusstsein, d. h. die bewusste Beschäftigung, das Reflektieren über Sprache fördern: Etwa ein Lied zur Pluralbildung („100.000 Mal“), oder das „Varianten-Lied“, in dem eine Reihe von Komposita (Wortzusammensetzungen) angeboten werden. Eine darüber hinausgehende, weiterführende kreative Auseinandersetzung wäre von der Pädagogin/dem Pädagogen idealerweise anzuregen. Dies gilt ebenfalls für inhaltlich anspruchsvollere, „philosophische“ Lieder.

Was sind die Vorteile von spielerisch einsetzbarem Sprachlernmaterial?

Ferdinand Auhser: Der größte Vorteil von spielerischem Material und Musik liegt meiner Ansicht nach auf der Interessensebene der Kinder. Es geht darum, sie nicht mit etwas Dogmatischem zu konfrontieren, sondern ihr Interesse zu wecken, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich zu begeistern, Spaß und Freude zu haben. Wenn das gelingt, passiert die Sprachförderung ganz wie von selbst.
Karin Weitzer: Der Vorteil für die Kinder ist, dass sie mit PUMA ohne jeglichen Zwang oder Erfolgsdruck die bunte Welt der Sprachen kennenlernen. Die PUMA-Produkte wollen die natürliche Neugier der Kinder an Zeichen, Lauten, Reimen, Zungenbrechern etc. befeuern. Ganz nebenbei und „unbemerkt“ bauen die Kinder beim Spielen, Plaudern, Singen Bildungssprache auf und haben Spaß dabei. PädagogInnen und Eltern stellen wir mit den unterschiedlichen Spielen qualitativ hochwertige Sprachangebote zur Verfügung, die sie gut in ihren Alltag integrieren können.

Wie hilft es dem Kind in Sachen Sprachförderung, wenn Texte und Musik in Lieder verbunden werden, sprich, welches sprachdidaktische Potenzial haben Lieder?

Barbara Rössl-Krötzl: Grundsätzlich teilen sich gesprochene Sprache und Musik einige Gemeinsamkeiten: Sie bestehen aus Rhythmus, d. h. Längen und Kürzen, bestimmten Betonungsmustern sowie Melodiebögen. Ihre Wahrnehmung erfolgt über den auditiven Sinneskanal. Wir wissen aus der Forschung, dass sich vor allem junge Kinder und SprachlernanfängerInnen grammatische Strukturen und Formen aus Rhythmus und Melodie der gesprochenen Sprache erschließen, sie sind in ihrem Spracherwerb auf die musikalischen Eigenschaften der Sprache stark angewiesen. Darauf nimmt die Vertonung der Bakabu-Liedtexte Rücksicht: Sie folgt der natürlichen Sprechweise des Deutschen, verstärkt sie durch pointierte kompositorische Mittel und sich wiederholende Motive, die wie Muster wirken.

Sind auch die Liedtexte nach sprachdidaktischen Gesichtspunkten verfasst?

Barbara Rössl-Krötzl: Ja, es wird jeweils eine bestimmte sprachliche Einheit („Sprachlernfokus“) besonders häufig „präsentiert“ und sogenannte „Ablenker“ vermieden. Neben themenbezogenem Wortschatz sind dies vor allem grammatische Formen und Strukturen, z. B. ein bestimmter Satzbau oder ein bestimmter Fall. Durch entsprechende musikalische Aufbereitung soll dem Kind das Erkennen der zu lernenden Sprachelemente erleichtert werden.
Die Liedtexte zeichnen durch den Einsatz von sprachanregenden Fragetechniken eine dialogische Interaktion nach, sie kann in die gesprochene Sprache übertragen werden.
Durch die sprachdidaktische Aufbereitung und die Behandlung kindgerechter Themen können die Liedtexte für die PädagogInnen als wertvolle Modelle für die entsprechenden Interaktionen in der gesprochenen Sprache des Kindergartenalltags fungieren.

Untersuchungen zeigen, dass musizierende Kinder deutlich höhere Lese- und Rechtschreibkompetenz und weniger Sprachprobleme haben. Warum ist das so?

Ferdinand Auhser: Die Bakabu-Lieder bauen auf dem natürlichen Rhythmus der Sprache auf und verstärken diesen durch musikalische Rhythmisierung und durch Reime, sodass es den Kindern deutlich leichter fällt, die lautlichen und sinntragenden Elemente der Sprache auf verschiedenen Komplexitätsebenen (Silben und Morpheme, Wörter, Satzteile, Sätze) zu identifizieren, diese sinnvoll zusammenzusetzen und im Gedächtnis zu behalten. Die so erlernten Muster können bei Bedarf leicht wieder abgerufen und modifiziert werden, um sie auch für die aktive Sprachproduktion zu nutzen. Auf diese Weise kommt es zu einer Förderung der phonologischen Bewusstheit, die wiederum eine wesentliche Grundvoraussetzung der Sprach- sowie auch der Lese-Rechtschreib-Kompetenz darstellt.
Barbara Rössl-Krötzl: Dies ist auf die Parallelen zwischen Musik und Sprache zurückzuführen. Es sind gerade die musikalischen Merkmale der Sprache (Rhythmus, Intonation, Tonhöhe, Klangfarbe), auf deren Basis sich Sprache segmentieren, das heißt, in Einzelteile zerlegen lässt. Somit trägt die musikalische Beschäftigung dazu bei, Satzglieder, Wortgrenzen, Silben oder auch Einzellaute erkennen zu können – wichtige Einsichten und Voraussetzung für den Lese- und Schreiblernprozess.

Von den drei PUMA-Faltplakaten wird das erste („Meine Sprachen“) in 11 Sprachen angeboten. Die beiden aktuellen Plakate zielen auf „den Aufbau der Bildungssprache Deutsch“ ab. Andere Sprachen kommen nicht mehr vor. Warum?

Karin Weitzer: Dem muss ich ein bisschen widersprechen. Es ist richtig, dass das erste Plakat in 11 Sprachen übersetzt wurde. Die anderen beiden Plakate, also „PUMA Pocket XXL“ und „PUMA – der Weltenbummler“, gibt es lediglich auf Deutsch, allerdings beinhalten beide Plakate ganz viele Anregungen, wie man andere Sprachen – seien es nun die Familiensprachen der Kinder oder Fremdsprachen – sichtbar und hörbar machen kann. Das Weltenbummler-Plakat enthält zudem ein Hörbuch, das in vier Sprachen abrufbar ist. Und das neueste Produkt, „PUMA für Eltern“, werden wir in fünf Sprachen anbieten.
Trotz des vorrangigen Ziels, mit PUMA die Deutschkompetenz der Kinder zu stärken, sind alle PUMA-Produkte auch für den Einsatz im muttersprachlichen Unterricht geeignet bzw. können und sollen von Eltern zur alltagsintegrierten Sprachförderung ihrer Kinder genutzt werden. Ziel ist es, mit dem PUMA-Material zu zeigen, dass Deutsch- und Erstsprachenförderung einander nicht ausschließen, sondern im besten Fall ergänzen.

Richtet sich das Material in erster Linie an PädagogInnen, oder kann es auch von Eltern benutzt werden?

Ferdinand Auhser: Das Material richtet sich in erster Linie an PädagogInnen, ist aber auf jeden Fall so gestaltet, dass es auch zuhause – also von Eltern, Großeltern oder Tageseltern – verwendet werden kann.
Karin Weitzer: Wie gerade erwähnt, richten wir uns mit dem neuesten PUMA-Material direkt an Eltern und Bezugspersonen. Das Spiralheftchen „PUMA für Eltern“ enthält Sprachfördertipps für den Alltag und möchte Eltern dazu animieren, ihren Alltag möglich „sprachvoll“ zu gestalten. Alle enthaltenen Tipps lassen sich im Handumdrehen ohne Vorbereitung oder Materialbedarf umsetzen. Wir wollen zeigen, dass das tägliche Leben so vieles bereithält, was sich mit ein paar einfachen Kniffen und Tricks zur Sprachförderung eignet. Man muss nur darauf aufmerksam werden und Lust haben, Dinge auszuprobieren. Dazu braucht es gar keine Kopiervorlagen, Materialien etc. Ein paar Steine, Kastanien, Nüsse oder ein bewusster Blick auf Plakate und Schaufenster beim nächsten Stadtbummel genügen schon, um mit dem Kind in ein sprachförderliches Plaudern zu kommen.

In „PUMA – der Weltenbummler“ trifft PUMA nun auf Bakabu.

Ferdinand Auhser: Ja, ab sofort sollen PUMA und Bakabu gemeinsame Abenteuer erleben und Kinder gemeinsam beim Spracherwerb unterstützen. Nachdem Bakabu in nahezu allen österreichischen Kindergärten bekannt und im Einsatz ist, war es naheliegend, eine Kooperation zu starten.
Karin Weitzer: Wir werden die beiden Figuren „Bakabu“ und „PUMA“ auf unseren Materialien als Freunde zusammenzubringen. Und so viel kann ich schon verraten: Die beiden werden in Zukunft noch weitere Sprachabenteuer miteinander erleben.