Die Ressource Mehrsprachigkeit nutzen

Die Zahl mehrsprachiger Schülerinnen und Schüler in Österreich steigt und stellt Unterricht und Schule mitunter vor Herausforderungen. Kinder und Jugendliche, die andere Familiensprachen als Deutsch mitbringen, stellen aber eine Ressource dar, die sich in der Schule auch sehr positiv nutzen lässt.

In den letzten zehn Jahren wurden zahlreiche Unterrichtskonzepte entwickelt, die fachliches und sprachliches Lernen mit dem Ziel kombinieren, die bildungssprachlichen Kompetenzen aller (ein- und mehrsprachigen) Schülerinnen und Schüler zu stärken. Sprachbildung soll dabei als Querschnittsaufgabe aller Fächer im Unterricht etabliert werden. Empirische Studien (etwa Prediger 2019) belegen den Erfolg dieser Anstrengungen: Mit gezielten Maßnahmen kann das fachliche Lernen der mehrsprachigen, aber auch der einsprachigen Schülerinnen und Schüler gestärkt werden.

Auch der Europarat forderte die sprachlichen Ressourcen mehrsprachlicher Schülerinnen und Schüler in den Unterricht stärker einzubeziehen und andere Familiensprachen als die Unterrichtssprache im Fachunterricht zu fördern. In kalifornischen oder beispielsweise auch kanadischen Schulen ist das schon seit langem eine erfolgreich gelebte Praxis (Prediger & Redder 2019).

Mehrsprachigkeit zulassen

Am einfachsten können Familiensprachen im Unterricht einbezogen werden, wenn die Lehrkraft sowie die Schülerinnen und Schüler dieselben Sprache(n) sprechen (z. B. in englisch-spanischsprachigen Communitys in Kalifornien). In Österreichs Klassen werden mitunter jedoch viele verschiedene Erstsprachen gesprochen. Von Lehrkräften kann nicht verlangt werden, all diese Sprachen zu beherrschen. Sehr wohl können die Schülerinnen und Schüler aber die kommunikative Funktion der unterschiedlichen Erstsprachen untereinander nutzen: Empirische Studien haben gezeigt, dass das Zulassen von Zweitsprachen etwa in Phasen der Gruppenarbeit gerade bei Schülerinnen und Schülern mit geringerer Kompetenz in der Unterrichtssprache dazu führen kann, dass sie sich stärker einbringen.

Die Unterrichtsgespräche in und mit der gesamten Klasse sollten aber in Deutsch gehalten werden.

Mehrsprachigkeit anregen

Mehrsprachigkeit oder auch das Einbinden anderer alltagskultureller Erfahrungen kann als Anlass für einen Sprachenvergleich zu bestimmten Themen in Unterrichtsfächern herangezogen werden.

Mehrsprachigkeit anbieten

Ganz gezielt kann auch mehrsprachiges Unterrichtsmaterial angeboten werden. Interessant ist in dem Zusammenhang die Funktion von Sprache als Denkwerkzeug: Wer beispielsweise Mathematik nie in einer anderen als seiner Erstsprache betrieben hat, hat eine geringere Wahrscheinlichkeit, mathematisches Denken in einen Alltagszusammenhang in einer anderen Sprache zu überführen.

Das Mischen von Sprachen (Code-Switching) ist völlig normal, und auch im Unterricht eine Möglichkeit fachliches und sprachliches Lernen zu kombinieren. Verschiedene Sprachen fördern schließlich andere Denkweisen – auch dieser Aspekt lässt sich für eine kognitive Aktivierung nutzen.

Quelle: Prediger, S. (2019): Sprachbildender Mathematikunterricht in der Sekundarstufe - ein forschungsbasiertes Praxisbuch. Berlin.
Prediger, S. & Redder, A. (2019): Mehrsprachigkeit im Fachunterricht am Beispiel Mathematik. In: Gogolin, I. et al. (Hg.): Handbuch Mehrsprachigkeit und Bildung. Berlin.