„Lernen erfolgt mit und durch Sprache“

Beim sprachsensiblen Unterricht geht es um den Erwerb der Bildungssprache, die für das Verständnis vieler Aufgaben in unterschiedlichen Fächern notwendig ist. Denn Fachunterricht ist eng an Sprache geknüpft.

Interview: Michael Achleitner

Sprachsensibler Unterricht

Schülerinnen und Schüler müssen sich im Unterricht fachgerecht ausdrücken können. Sie brauchen dafür bildungs- und fachsprachliche Kompetenzen sowie sprachsensible Lehrende, die neben Fachwissen auch die Sprache dazu kontinuierlich aufbauen – in allen Gegenständen. Der Erwerb von bildungssprachlichen Kompetenzen ist für Kinder mit der Zweitsprache Deutsch häufig eine Herausforderung, betrifft aber gleichermaßen Kinder mit der Erstsprache Deutsch. Carla Carnevale vom Österreichischen Sprachen-Kompetenz-Zentrum und Manuela Marchi, Deutsch- und Englischlehrerin an der HTL Mödling, erklären, was es mit dem sprachsensiblen Unterricht auf sich hat und welche Rolle dieser beim Aufbau von Bildungssprache spielt.

Worum geht es beim sprachsensiblen Unterricht?

Carla Carnevale: Es geht darum, dass Schülerinnen und Schüler lernen, zwischen Alltagssprache und der akademisch geprägten Bildungssprache des Schulunterrichts zu unterscheiden. Sie müssen die Gelegenheit haben, Bildungssprache kontinuierlich zu erwerben, damit sie fachlich und sprachlich angemessen z. B. ein Versuchsprotokoll schreiben, eine Textaufgabe lösen, ein Referat halten oder eine Grafik erklären können.

An wen richtet sich sprachsensibler Unterricht?

Manuela Marchi: Sprachsensibler Unterricht ist als durchgängiges Konzept auf allen Ebenen zu verstehen, also quer durch alle Fächer und Altersstufen, denn Bildungssprache geht nicht nur den Deutschunterricht etwas an.
Carnevale: Sprachsensibler Unterricht richtet sich an alle Pädagoginnen und Pädagogen, weil Wissensvermittlung primär in allen Gegenständen durch Sprache erfolgt. Schülerinnen und Schüler müssen sich in jedem Unterrichtsgegenstand fachgerecht und präzise ausdrücken. Fehlt diese Kompetenz, hat das Auswirkungen auf den Bildungserfolg.

In welchem Alter werden die Kompetenzen in der Bildungssprache aufgebaut?

Carnevale: Bildungssprachliche Fähigkeiten werden im Kindergartenalter angebahnt, in der Grundschule altersgemäß erworben und bis zur Reifeprüfung kontinuierlich erweitert. Der Erwerb von Bildungssprache endet auch im Erwachsenenalter nicht. Wenn ich mich plötzlich für den Tauchsport interessiere, muss ich mir die bildungssprachlichen Mittel aneignen, um Bücher und Unterlagen für die theoretische Prüfung inhaltlich zu erfassen.

Was stellt für Sie den Unterschied/die Abgrenzung zwischen Bildungssprache und Fachsprache dar?

Carnevale: Sprache ist vielfältig und existiert in unterschiedlichen Varietäten. Bildungssprache ist eine davon. Andere Varietäten sind z. B. Fachsprachen, Jugendsprache, Regionalsprachen, Dialekte und die Alltagssprache. Es macht einen Unterschied, ob ich sage: „Ich geh shoppen“ oder „Ich tätige einen Einkauf“. Je nach Adressat und Situation verwende ich unterschiedliche sprachliche Register. Daher ist es für Schülerinnen und Schüler wichtig zu lernen, in welchen Kontexten man wie sprachlich agiert – mündlich ebenso wie schriftlich. Bildungssprache ist von abstrakten Inhalten geprägt (z. B. Auftrieb in Flüssigkeiten, Bevölkerungsentwicklung …), enthält fachsprachliche Begriffe (Magnesiumoxid, Blutsenkgeschwindigkeit, Zunftordnung …) und viele trennbare Verben und Adjektive (ein-tauchen, ab-sondern, lös-bar, farb-los …). Es handelt sich um sprachliche Strukturen, die in fachlichen Lernumgebungen notwendig sind, z. B. „Der Körper sinkt“ statt „Er geht unter“.
Marchi: Ich verstehe Sprachkompetenz als handlungsorientiertes Verhalten. Man kann eine sehr hohe Sprachkompetenz im Alltag haben (z. B. wenn jemand in Englisch keinerlei Probleme hat, im Urlaub ein Hotel zu buchen, nach dem Weg zu fragen, einzukaufen, Gespräche über Alltägliches zu führen etc.); läuft das Gespräch jedoch auf fachsprachlicher Ebene (weil man sich zum Beispiel plötzlich im Urlaub mit einem Bekannten über die Herstellung von Motoren unterhalten muss), so wird man dies nur meistern können, wenn man an diese Termini herangeführt worden ist. Dabei geht es nicht nur um das erforderliche Fachvokabular, sondern auch darum, Prozesse (in diesem Fall Herstellungsprozesse) korrekt und verständlich zu beschreiben. Und selbst dann kommt es noch zu großen Unterschieden zwischen schriftlichen und mündlichen Anleitungen.

Welche Sprachhilfen/Methoden können den Schülerinnen und Schülern zur Verfügung gestellt werden, damit diese die Sprachsituationen im Fachunterricht bewältigen können?

Carnevale: Mit dem Prinzip des „Scaffolding“ können vielfältige Sprachhilfen angeboten werden. „Scaffold“ bedeutet „(Bau-)Gerüst“; gemeint ist eine Unterstützung von Lernprozessen durch sprachliche Hilfen, z. B. Wortlisten, Formulierungshilfen, Satzanfänge, Bildimpulse. Gelingt ein Kompetenzzuwachs, kann das Gerüst schrittweise wieder abgebaut werden (vgl. Kniffka, 2010; H.-J. Roth, 2007).

Beim Scaffolding geht es auch darum, den Lernenden einen „intellektuellen Schub“ zu geben, der es ihnen erlaubt, sich weiterzuentwickeln. Die Kunst der Lehrperson besteht darin, Schülerinnen und Schüler weder zu unter- noch zu überfordern. Daher ist eine Vereinfachung von Texten nicht immer zielführend. Methodenwerkzeuge wie Satzbaukästen, Textpuzzles, Zuordnungsübungen u. v. m. eignen sich sehr gut für ein Sprach- und Fachlernen in allen Gegenständen.

Inwiefern sollten/können Lehrkräfte auch Sprachvorbild sein?

Carnevale: Wesentlich ist wohl, dass Lehrpersonen bewusst auf ihr eigenes sprachliches Handeln achten und von Beginn an selbst konsequent Standard- und Bildungssprache verwenden. Sie arbeiten mit der Sprache der Schülerinnen und Schüler, die da ist, und bauen sie schrittweise aus. Sie beziehen bei der Klärung von Fachbegriffen und Formulierungen die Alltagssprache oder andere Erstsprachen der Kinder ein und thematisieren Unterschiede zwischen Bildungs- und Alltagssprache. Sie passen ihr Sprechtempo an, lassen den Kindern mehr Zeit für das Beantworten von Fragen. Sie stellen mehr offene Fragen (wie, warum) und vermeiden dadurch Ein-Wort-Antworten. Sie begegnen ihren Schülerinnen und Schülern wertschätzend und schaffen eine angstfreie Atmosphäre.

Wenn es beim sprachsensiblen Unterricht um den Erwerb der so wichtigen Bildungssprache geht – sollte im Regelunterricht dann nicht jede Lehrerin und jeder Lehrer sprachsensibel unterrichten, dies also auch Teil der Lehrer/innenausbildung sein?

Marchi: Absolut JA!
Carnevale: Ganz genau. Pädagogische Hochschulen (PH) und Universitäten setzen dazu Maßnahmen. Die Pädagogischen Hochschulen Steiermark und Oberösterreich bieten mit dem Bundeszentrum für Interkulturalität, Migration und Mehrsprachigkeit (BIMM) in Kooperation mit dem Österreichischen Sprachen-Kompetenz-Zentrum (ÖSZ) den bundesweiten Lehrgang „Sprachbewusster Unterricht“ für Lehrende aller Schularten. Im Bachelor-Studium für Primarpädagogik ist an der PH Steiermark seit dem Schuljahr 2018/19 ein Pflichtmodul zum sprachsensiblen/sprachbewussten Unterricht in Mathematik und Sachunterricht verankert. Der sprachsensible Unterricht ist auch in den DaZ-Lehrgängen integriert. In unterschiedlichen Studienfächern entstehen Masterarbeiten und Dissertationen. Künftig sollten alle Lehramtsstudierenden ein verpflichtendes Modul zu sprachlicher Bildung absolvieren.

Sprachsensibler Unterricht soll fächerübergreifend erfolgen. Wie kann man die Lehrkräfte einer ganzen Schule erfolgreich einbeziehen?

Carnevale: Indem in Klassenteams, Fachteams, Jahrgangsteams gearbeitet wird. Es gilt zu erkennen, wo die sprachlichen Stolpersteine liegen und welche davon im Fachunterricht, im Deutsch/DaZ- oder im erstsprachlichen Unterricht bearbeitet werden sollen. Ein Beispiel: Im Sachunterricht setzt die Lehrperson sprachsensible Aufgaben ein. Im Deutschunterricht übt sie mit allen Kindern explizit jene sprachlichen Strukturen, die im Sachunterricht schwierig waren, und macht auf Unterschiede zwischen Alltags- und Bildungssprache aufmerksam. Im DaZ-Unterricht arbeitet man an den sprachlichen Stolpersteinen der Schülerinnen und Schüler mit anderer Erstsprache zum Sachunterrichtsthema. Im Erstsprachenunterricht wird der Wortschatz zum Sachthema auf Basis der deutschsprachigen Übungsmaterialien in der Erstsprache aufgebaut. An manchen Schulen gibt es bilinguale Lernsettings oder auch Teamteaching im Fachunterricht mit der DaZ-Lehrperson. Projekte zur Förderung der Lesekompetenz könnten vom Deutschunterricht auf andere Gegenstände ausgeweitet werden. In Schulen mit hoher sprachlicher Diversität ist es ein Gebot der Stunde, dass sprachliches Lernen auch in anderen Gegenständen stattfindet.
Marchi: Wichtig wäre zunächst die Sensibilisierung der Schulleiterinnen und Schulleiter. Von Vorteil wäre es auch, jemanden mit umfassender DaZ-Ausbildung als Ansprechperson am Schulstandort zu haben. Aber auch einzelne Lehrpersonen bzw. Klassenlehrer/innen-Teams können schon viel bewirken. Empfehlenswert ist, Fortbildungen in der Schule zum Thema zu veranstalten und Lehrende aller Fächer miteinzubeziehen. Um niemanden zu verschrecken, sollten regelmäßig Erfahrungen ausgetauscht werden.