„Sprachen öffnen nicht nur Türen, sondern auch Herzen“

Achim Braun ist für die Förderung der Mehrsprachigkeit in der EU zuständig. Im Interview spricht er über die sprachliche und kulturelle Vielfalt als eine Verpflichtung und über sein neuestes Projekt: Pinocchio in 40 Sprachen.

Interview: Michael Achleitner

Herr Braun, was macht man als Sprachbeauftragter in der Vertretung der Europäischen Kommission in Österreich, womit beschäftigen Sie sich?

Achim Braun: In erster Linie ist das eine Übersetzer-Stelle. Für meine in Brüssel und Luxemburg ansässige Generaldirektion „Übersetzung“ koordiniere ich österreichweit die beiden Projekte „Europäischer Tag der Sprachen“ und „Juvenes Translatores“, einen Übersetzer-Nachwuchswettbewerb für 17-jährige Schülerinnen und Schüler. Neben meiner Tätigkeit als Übersetzer bin ich für die Förderung der Mehrsprachigkeit in der EU zuständig und arbeite daher eng mit Schulen, Universitäten, Kulturinstituten, Botschaften, Berufsverbänden und Bildungseinrichtungen zusammen.

Ihr neuestes Projekt ist ab sofort im EU-Haus in der Wiener Wipplingerstraße zu sehen: Pinocchio in 40 Sprachen. Worum geht es bei dem Projekt?

Es geht um Mehrsprachigkeit und um unser Kulturerbe. Pinocchio ist transkulturell und ermöglicht so eine möglichst breite Teilhabe. Das Projekt ist nachhaltig, denn es ist als Wanderausstellung konzipiert, die noch heuer nach Graz, Sofia, Bratislava und Helsinki reist. Nicht zuletzt wollen wir Neugier wecken und die Lust am Lesen fördern.

Warum heutzutage immer noch Pinocchio? Fortschrittliche Pädagogen kreiden Collodis Buch an, dass es zu sehr der autoritären Zucht und Ordnung huldige.

Das sehe ich anders. Man muss das Buch ja auch, ähnlich wie Märchen, in seinem zeitlichen Kontext sehen. Es ist schließlich 130 Jahre alt. Und Christine Nöstlinger hat in ihrem „Neuen Pinocchio“ bereits entsprechende Akzente gesetzt. Im Zeitalter von „Fake News“, Prokrastination und allen möglichen äußeren Ablenkungen ist Pinocchio aktueller denn je. Die Moral von der Geschicht' lautet doch schließlich: „Fehler machen und daraus lernen.“ An diesem Grundsatz hat sich nicht viel geändert. Die Trennlinie zwischen Kindsein und Erwachsensein ist fließend und verschwimmt zunehmend. Wir reifen stetig und bewahren hoffentlich immer auch das Kind in uns.

Was können Sie über die unterschiedlichen Übersetzungen berichten? Hält man sich immer strikt ans Original?

Das ist schwer zu sagen, da sehr viele unterschiedliche Fassungen und Ausgaben auf dem Markt sind. Das Pinocchio-Bild wurde nicht zuletzt stark durch den Walt-Disney-Film geprägt. Die „blaue“ Fee ist hier blond. Blau sind nur noch ihre Flügel, ihr Kleid und ihr Haarreif. Interessant ist auch, wie die Eigennamen in den verschiedenen Sprachfassungen variieren. Der Pudel „Medoro“ beispielsweise heißt in den deutschsprachigen Ausgaben zumeist „Cäsar“.

Sie waren auch Schulbuchredakteur. Was zeichnet ein gutes Schulbuch aus, worauf sollten Lehrkräfte bei der Bestellung achten?

Ein Schulbuch ist für mich dann gut, wenn es ein Begleiter ist, ein Freund, ein Lesebuch, das selbstständiges Arbeiten im Verbund mit Freude am Lernen, am Lesen und am Entdecken ermöglicht.

Stichwort Digitalisierung und Lesen: Wie stehen Sie zu eBooks und elektronischen Schulbüchern?

Ich bin da eher altmodisch. Mir fehlt das haptische Erlebnis, das, so denke ich, auch für Schülerinnen und Schüler wichtig ist.

Die Lust auf Internationalität und damit auch sprachliche Vielfalt scheint in Europa eher abzunehmen. Das Nationale und Regionale wird immer stärker betont. Wollen Sie diesem Trend etwas entgegenhalten?

Natürlich! Die einzelnen europäischen Nationalstaaten haben im Weltmaßstab viel zu wenig Gewicht, um etwas ausrichten zu können. Wenn wir, in welchen Bereichen auch immer, eine Vorreiterrolle spielen wollen, müssen wir uns viel stärker auf unsere Gemeinsamkeiten besinnen.

Was fasziniert Sie persönlich an Sprachen?

Sprachen ermöglichen es, in eine andere Haut zu schlüpfen, jemand anderes zu sein. Sprachen öffnen nicht nur Türen, sondern auch Herzen.