„Das Potenzial mehrsprachiger Kinder fördern”

Catherine Carré-Karlinger, Professorin für Mehrsprachigkeit und Migration an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich und Dženita Özcan, die im Wiener Stadtschulrat für den muttersprachlichen Unterricht zuständig ist, sprechen im Interview über die Bedeutung der Erstsprache.

Heuer hat zum 18. Mal der „Internationale Tag der Muttersprache” stattgefunden. Der muttersprachliche Unterricht ist ein wertvolles pädagogisches Angebot zur Entwicklung von bereits vorhandenen sprachlichen Kompetenzen bei Kindern. Warum ist er so wichtig?

Carré-Karlinger: Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass der Spracherwerb vernetzt verläuft. Unser Sprachvermögen wird durch sehr komplexe Prozesse gebildet und der Erwerb einzelner Sprachen kann nicht voneinander getrennt werden. Die bereits vorhandenen sprachlichen Kompetenzen beeinflussen den Erwerb einer neuen Sprache – ob bewusst oder unbewusst. Deshalb sollte das gesamte sprachliche Repertoire der Kinder berücksichtigt werden. Sprache muss auch gepflegt und aktiv benutzt werden, damit die Fähigkeit, sie zu verwenden, nicht langsam verkommt. Die sprachlichen Kompetenzen in der eigenen Muttersprache stellen eine große persönliche und gesellschaftliche Ressource dar: Sie weiterhin entwickeln zu können sollte jedem Menschen gewährt werden. Aus diesen Gründen ist es eine wichtige Aufgabe der Schule, das Potenzial mehrsprachiger Kinder zu fördern und ihre gesamten sprachlichen Ressourcen anzuerkennen. Der muttersprachliche Unterricht bietet eine solche Möglichkeit.
Dženita Özcan: Eine angemessene Sprachförderung setzt bei den mehrsprachig aufwachsenden Kindern in erster Linie eine entsprechende Berücksichtigung der gesamten sprachlichen Entwicklung voraus. In diesem Zusammenhang kann durch den Muttersprachenunterricht die Förderung der Erstsprache und deren Anknüpfung an die Deutschförderung erfolgen und damit ein umfassender Aufbau von schul- und bildungssprachlichen Fähigkeiten erreicht werden.
Carré-Karlinger: Darüber hinaus könnte die schulische Anerkennung der Herkunftssprachen institutioneller Diskriminierung entgegenwirken und damit ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einer breiteren sozialen Akzeptanz sowie ein Motor für gelingende Integration werden.

Österreich ist ein Zuwanderungsland. Etwa ein Viertel aller SchülerInnen in Österreich sprechen eine andere Erstsprache als Deutsch. Dennoch gibt es eine Tradition, die der Mehrsprachigkeit mit Vorbehalten gegenübersteht.

Dženita Özcan: Die Vorstellung von einer Gesellschaft, die sprachlich, religiös, oder kulturell homogen aufgebaut ist, ist interessanterweise immer noch in der traditionellen Denkweise in vielen Ländern vertreten und bildet einen Widerspruch zu heterogenen Realitäten. Dennoch nehme ich als Koordinatorin der MuttersprachenlehrerInnen in Wien bei den Schulteams viel Offenheit und Sensibilität gegenüber den gesellschaftlichen Veränderungen wahr. So wird aktuell der Muttersprachenunterricht an über 200 Wiener Schulstandorten in 24 Sprachen angeboten. Über 80 Prozent aller Stunden werden auf Wunsch der Schulteams im Rahmen des Regelunterrichts, in der sogenannten integrativen Form, gestaltet. Diese hohe Akzeptanz gegenüber dem Muttersprachenunterricht in Wien zeigt, dass die Begleitung und Förderung von mehrsprachigen und kulturdynamischen Prozessen der SchülerInnen in den Schulen ernst genommen und sorgfältig behandelt werden.

Ein Kind, das Englisch und Deutsch spricht, erweckt unsere Bewunderung. Wir sehen seine hoffnungsvolle berufliche Zukunft. Ein Kind, das Rumänisch und Deutsch spricht, erweckt unsere Sorge. Warum?

Carré-Karlinger: Es ist eine unbestrittene Tatsache, dass bestimmten Sprachen mehr Prestige verliehen wird, und dies hat ursprünglich mit historischen und soziokulturellen Zusammenhängen zu tun. Menschen tendieren dazu, Kategorien zu bilden, um sich selbst zu definieren. Dabei haben sie stets mit Verallgemeinerungen, Zuschreibungen und Vorurteilen zu kämpfen. Andererseits wurden aus dem postkolonialen Erbe viele Einstellungen unreflektiert übernommen. Nicht zuletzt spielen ökonomische Faktoren eine bedeutende Rolle. Rumänisch erweckt offensichtlich negativere Bilder als Englisch. Die Sorge um das Kind, das weniger Zukunftsperspektiven haben könnte, weil es nicht mit den „richtigen“ Sprachen aufwächst, ist legitim. Diese Situation hat aber mit dem Kind an sich weniger zu tun als mit schulischen Erwartungen und der gesellschaftlichen Vorstellung von beruflichem Erfolg. Dabei wird vergessen, dass gerade solche sprachlichen Kompetenzen sehr wertvoll für die österreichische Gesellschaft sein könnten.

Ist die sprachliche Kompetenz von Kindern, die mehrsprachig aufwachsen, höher?

Dženita Özcan: Die sprachliche Entwicklung von Kindern, die gleichzeitig mehrere Sprachen erwerben, ist als dynamischer Prozess zu sehen und aufgrund seiner Komplexität schwer zu erfassen. Die wenig präzisen Ergebnisse der in der Regel monolingual konzipierten Instrumente für die Sprachdiagnostik können nur punktuell als Grundlage für die Förderung genutzt werden. Grundsätzlich ist einer angemessenen Sprachförderung von mehrsprachig aufwachsenden Kindern eine große Bedeutung zu schenken.

Wie wird mit Mehrsprachigkeit in Unterricht und Schule umgegangen, was sind die größten Herausforderungen?

Carré-Karlinger: Im Schulalltag wird tendenziell Folgendes beobachtet: Der Fokus vieler Lehrpersonen liegt auf der Zweitsprache Deutsch, die im Unterricht nicht systematisch und aktiv in Verbindung mit der gesellschaftlichen und individuellen Mehrsprachigkeit ihrer Schülerinnen und Schüler gebracht wird. Die grundlegende Vermittlung von Deutschkenntnissen hat zum Ziel, dass die Schülerinnen und Schüler „dem Unterricht folgen“ können. Kompensatorische Maßnahmen im Bereich „Deutsch als Zweitsprache“ sollen unzureichenden schulischen Leistungen entgegenwirken, wobei Mehrsprachigkeit nicht selten aus einer defizitorientierten Perspektive wahrgenommen und als ein triftiger Grund für unzureichende bildungssprachliche Kompetenzen in Deutsch verstanden wird. Heutzutage ist Mehrsprachigkeit zum Normalzustand in der Schule geworden und sollte den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechend als Ressource im Kontext der Sprachförderung und im Sinne einer durchgängigen Sprachbildung ihren Platz finden. Sie trägt auch das wertvolle Potenzial in sich, einen reflektierten Umgang mit ethnokulturellen Differenzen bei allen Beteiligten zu fördern. Geeignete Modelle, die das gesamte sprachliche Repertoire der Kinder verbinden und die Prinzipien einer interkulturellen Bildung berücksichtigen, brauchen für eine erfolgreiche Implementierung die Bündelung von fachlichem Wissen und praktischem Know-how, die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Schulstufen und Bildungsinstitutionen, die kollegiale Teamarbeit aller Lehrpersonen und die gezielte Unterstützung durch die Schulleitung. Dies ist bestimmt eine zentrale Herausforderung. Darüber hinaus braucht der flexible Umgang mit Diversität Unterrichtsformen, die Individualisierungsstrategien durch kooperatives und forschendes Lernen in den Mittelpunkt stellen.

Steht die schulische Förderung der Erstsprache (also der muttersprachliche Unterricht) im Widerspruch zu der Notwendigkeit, die Landessprache auf hohem Niveau zu erwerben?

Dženita Özcan: Sprachliche Förderung von mehrsprachigen Kindern ist im Idealfall im Gesamten zu sehen und setzt eine koordinierte Förderung der Erst- und Zweitsprache voraus. In der Praxis weisen Schulmodelle, die eine ausgewogene Förderung der Erst- und Zweitsprache ermöglichen, eine sehr positive Auswirkung auf die Sprachentwicklung der Kinder auf und finden dementsprechend einen großen Anklang bei den Schulteams.

Wissenschaftliche Erkenntnisse (z. B. Univ.-Prof. Hans-Jürgen Krumm) kommen häufig zu dem Ergebnis, dass der Erwerb einer zweiten Sprache nur gelingt, wenn dieser nicht als Bedrohung der (erst-)sprachlich geprägten Identität empfunden wird. Sehen Sie das ähnlich?

Carré-Karlinger: Ja, das sehe ich auch so. Spracherwerb wird durch bestimmte Faktoren begünstigt, und dazu gehören emotionale und volitionale Aspekte. Sich in seiner sprachlichen Identität bedroht zu fühlen würde den Selbstwert verletzen und die Lernmotivation ernsthaft gefährden, denn Sprachentwicklung ist eng mit der Persönlichkeitsentwicklung und der Entfaltung kognitiver Prozesse verwoben. Die Bedeutung der Erstsprache(n) liegt dabei auf der Hand: Durch die Sprache kann die Beziehung zum Anderen und zur Welt Gestalt annehmen und sich allmählich vertiefen. Demzufolge stellen die lebensweltliche Mehrsprachigkeit und die individuellen Lebenserfahrungen in der Erstsprache unverzichtbare Ressourcen dar. Internationale Organisationen und politische Instanzen wie die UNESCO und der Europarat empfehlen immer wieder Bildungskonzepte für mehrsprachige Kinder, die ihre Erstsprache(n) berücksichtigen, wenn sie in einer anderen Sprache unterrichtet werden.
Dženita Özcan: Der Lernfortschritt und ein damit verbundener Schulerfolg hängen eng mit dem Selbstbewusstsein eines Kindes zusammen. Wird irgendein Teil der Identität eines Kindes in Frage gestellt, werden seine gesamte Persönlichkeitsentwicklung und damit sein Selbstbewusstsein darunter leiden. Die sprachliche Identität als wesentlicher Teil einer Person kann durch die positive Bewertung und Anerkennung gestärkt werden.

Was wünschen Sie sich in Bezug auf Muttersprache und Mehrsprachigkeit?

Carré-Karlinger: Die Diskussionen um das Thema Muttersprache und Mehrsprachigkeit zeugen von starker Polarisierung und zeigen, dass gesellschaftspolitische Interessen auch auf die Qualität schulischer Bildung einen bestimmenden Einfluss haben. Ich würde mir das Gegenteil wünschen: eine Schule, die durch die Qualität ihrer Arbeit zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beiträgt. Mehrsprachigkeit ist kein Symptom, sondern eine Tatsache.


[Der Beitrag ist eine gekürzte Fassung des Interviews mit Prof. Carré-Karlinger und Dženita Özcan.]