1. Kurzer Überblick über die Sprache

1.1 Wie die Sprache genannt wird

Im Chinesischen ist eine Reihe unterschiedlicher Begriffe für die chinesische Sprache gebräuchlich. Zhōngwén (中文) ist ein allgemeiner Begriff für die chinesische Sprache, der in erster Linie für die geschriebene Sprache verwendet wird. Hànyǔ (汉语) wird dagegen  für die gesprochene Sprache verwendet. In der Regel bezeichnet der Begriff „chinesische Sprache“(zhōngwén oder hànyǔ) die Standardsprache Hochchinesisch (Pǔtōnghuà 普通话 in der Volksrepublik China, Guoyu国语 auf Taiwan).

Häufig wird im Deutschen „Mandarin“ als Bezeichnung für die chinesische Hochsprache verwendet. Das Wort „Mandarin“ stammt über portugiesische Vermittlung von Sanskrit mantrin „Ratgeber eines Fürsten“. Von den Portugiesen wurde es in der Form mandarin auf chinesische Verhältnisse übertragen. Die Entlehnung dieser Form ins Deutsche mit der Bedeutung „chinesischer Würdenträger“ erfolgte im 17. Jh. Mandarin hat in der westlichen Sprachwissenschaft zwei Bedeutungen: 1. Das Bündel der nordchinesischen Dialekte; 2. Die chinesische Hochsprache Putonghua.

1.2 Wo Chinesisch gesprochen wird: Eckdaten zu SprecherInnen und Sprache

Die chinesische Sprache gehört zur sinotibetischen Sprachfamilie und ist eine der meistgesprochenen Sprachen der Welt. Chinesische Sprachen werden heute von ca. 1,3 Milliarden Menschen gesprochen, von denen die meisten in der Volksrepublik China und in Taiwan leben. Die chinesische Hochsprache pǔtōnghuà (普通话) wird von 850 Mio. Muttersprachlern und weiteren 300 Mio. Zweitsprechern gesprochen. Es gibt in China 56 offiziell anerkannte ethnische Gruppen, die 80 verschiedene Sprachen sprechen. Das Chinesische kennt sieben große Hauptdialektgruppen: der große Dialektbündel Mandarin (die nördlichen Dialekte), Wu, Gan, Xiang, Hakka, Yue und Min Dialekte. In verschiedenen Gebieten Südostasiens, vor allem in Singapur, Malaysia, Indonesien und Thailand gibt es größere chinesischsprachige Minderheiten. Auch außerhalb Asiens, insbesondere in den Vereinigten Staaten und Kanada, leben große chinesische Gemeinden. Chinesisch ist ebenfalls eine der offiziellen Amtssprachen der Vereinten Nationen.

Geographische Verteilung der chinesischen Sprache in China.
Grafik: geographische Verteilung der chinesischen Sprachen in China.
Übersicht über chinesische Sprachen und Verbreitung
SpracheAlternative NamenSprecherVerbreitung
MandarinBeifanghua875 Mio.China, Taiwan, Singapur
YueKantonesisch70 Mio.China: Guangxi, Wuzhou, Guangdong, Hongkong, Macau
WuShanghai90 Mio.China: Yangtse-Mündung
Min60 Mio.China: Fujian, Hainan, Taiwan
XiangHunanhua36 Mio.China: Hunan
HakkaKejiahua33 Mio.Südchina, Taiwan
GanKan21 Mio.China: Jiangxi, Hubei, Hunan, Anhui, Fujian

Chinesisch ist seit der Mitte des 2. Jh. v. Chr. kontinuierlich überliefert und damit gehört das Chinesische zu einer der ältesten Sprache der Welt.

Die chinesische Schrift fungiert als dialektübergreifendes Verständigungsmittel und ist das einzige logographische Schriftsystem, das noch heute benutzt wird. Anders als die meisten Sprachen, die alphabetische Systeme benutzen, verwendet das Chinesische Schriftzeichen, die überwiegend Form-Laut-Zeichen sind, d. h. sie bestehen aus einer phonetischen Komponente, die einen Hinweis auf die Aussprache des Schriftzeichens gibt und einer semantischen Komponente, die auf das Bedeutungsfeld verweist, zu dem das  Schriftzeichen gehört. So besteht das Zeichen für das hochchinesische ma „Mutter“ aus nü „Frau“ als Bedeutungskomponente und ma „Pferd“ als Aussprachekomponente. In der Regel werden Synonyme durch unterschiedliche Zeichen repräsentiert, z.B. haben die Wörter quan und gou beide die Bedeutung „Hund“, sie werden aber mit völlig unterschiedlichen Zeichen geschrieben.

Ein chinesisches Schriftzeichen entspricht einer Silbe und im Allgemeinen stellt ein Schriftzeichen auch ein Morphem dar. Die Zahl aller chinesischen Zeichen ist aufgrund des morphemischen Prinzips hoch. Das Yiti Zidian异体字典 (Das Chineische Wörterbuch) von 2004 enthält 106.230 Zeichen, von denen sehr viele nicht mehr in Gebrauch sind. Ein Chinese mit Universitätsabschluss beherrscht durchschnittlich weniger als 5000, etwa 3000 sind für das Lesen einer hochchinesischen Zeitung erforderlich.

Neben der chinesischen Schrift gibt es zahlreiche auf dem lateinischen Alphabet basierende Transkriptionssysteme für Hochchinesisch. In der Volksrepublik China wird Hanyu Pinyin, kurz Pinyin, als offizielle Romanisierung für das Hochchinesische verwendet. Ein weiteres, besonders vor der Einführung von Pinyin sehr weit verbreitetes Transkriptionssystem ist das Wade-Giles-System.

1.3 Sprachbrücken Chinesisch – Deutsch (Englisch)

Aufgrund der jahrtausendelangen Koexistenz mit anderen, genetisch nicht verwandten Sprachen haben sich das Chinesische und verschiedene südost- und ostasiatische Sprachen gegenseitig stark beeinflusst. Diese Einflüsse haben sich in besonders hohem Maße auf Korea, Vietnam und Japan ausgewirkt, wo zudem auch die chinesische Schrift Anwendung findet und das klassische Chinesisch über Jahrhunderte als Schriftsprache benutzt wurde.

Es sind nicht viele Wörter, die direkt aus der chinesischen Sprache in den deutschen Sprachgebrauch übernommen wurden. Oft entspricht die deutsche Aussprache kaum der Hochchinesischen, weil das Wort entweder aus einem chinesischen Dialekt oder über eine andere Sprache übernommen wurde.

China:
Der deutsche Landesname China für das Reich der Mitte (中国zhōngguó) kam über das lateinische Sina vom Namen der Qin-Dynastien秦 Qín (Aussprache in etwa: tchin).

Chop-Suey:
Der Name des chinesischen Gerichts, das eigentlich aus der Goldgräberzeit in Kalifonien stammt, kommt aus dem Kantonesischen und bedeutet zerbrochenes Allerle 杂烩záhuìi.

Dim Sum:
Dím Sām ist die kantonesische Aussprache von 点心diǎnxīn, Kleinigkeiten zu Essen.

Feng Shui:
Die Bezeichnung für die chinesische Geomantik bedeutet Wind凤fēng und Wasser水shuǐ.

Kongfu:
功夫gōngfu bedeutet große Anstrengung.

Qigong:
Wörtlich „Leistung des/durch Qi气qì“. Man versteht darunter ein Übungssystem zur Bewegungsmeditation, basierend auf dem Modell des Qi (Luft, Lebenskraft). Oft in einem Kontext mit 太极拳tàijíquán (Schattenbox) gesehen.

Tee:
Die nordchinesische Aussprache des Schriftzeichens 茶 ist chá und wurde unter anderem von den Russen, den Arabern und den Japanern übernommen. Die Aussprache te aus dem Xiamen-Dialekt der Provinz Fujian wurde von den meisten europäischen Sprachen übernommen.

Tofu:
豆腐dòufu bedeutet so viel wie Bohnenquark.

Wok:
Aus dem Kantonesischen wohg.  ist ein spezielles kantonesisches Wort, welches aber wahrscheinlich mit Mandarin 锅 guō (Kochtopf, Bratpfanne) verwandt ist.

Yin:
Das weibliche Prinzip bezeichnet ursprünglich den Nordhang阴yīn eines Berges.

Yang:
Das männliche Prinzip bezeichnet ursprünglich den Südhang阳 yáng eines Berges.

Auch das Chinesische selbst weist eine große Anzahl fremder Einflüsse auf. So sind einige wesentliche typologische Züge des modernen Chinesisch vermutlich auf Fremdeinfluss zurückzuführen, darunter die Ausbildung eines Tonsystems, die Aufgabe ererbter morphologischer Bildungsmittel und die obligatorische Anwendung von Zählwörtern. Fremdeinfluss zeigt sich auch in der Aufnahme nicht weniger Lehnwörter.

Besonders groß wurde die Zahl von Lehnwörtern im Chinesischen während der Han-Dynastie, als auch aus westlichen und nordwestlichen Nachbarsprachen Wörter übernommen wurden, beispielsweise 葡萄pútao (Weintrauben) aus einer iranischen Sprache.

Durch den starken Einfluss des Buddhismus während des 1. nachchristlichen Jahrtausends drang eine Vielzahl indischer Lehnwörter ins Chinesische ein: 旃檀 zhāntán (Sandelholz), 沙门 shāmén (buddhistischer Mönch) aus dem Sanskrit. Nur wenige Lehnwörter hinterließ die mongolische Herrschaft der Yuan-Dynastie (1279–1368), beispielsweise 蘑菇 mógū (Pilz) aus dem Mongolisch.

Im 16. Jahrhundert setzte ein starker europäischer Einfluss ein, der sich auch im chinesischen Wortschatz niederschlug. So wurden in dieser Zeit christliche Termini ins Chinesische entlehnt: 弥撒 mísa (Messe) aus dem spätlateinischen missa. Seit dem 19. Jahrhundert wurden auch Bezeichnungen für Errungenschaften der europäischen Technik übernommen, wobei sich das Chinesische jedoch gegenüber Entlehnungen als wesentlich resistenter erwies als etwa das Japanische. Beispiele hierfür sind: 马达mǎdá aus dem Englischen motor, 幽默 yōumò aus dem Englischen humour. In manchen Fällen fanden Lehnwörter über Dialekte den Weg ins Hochchinesische: z.B. 沙发 shāfā aus dem Shanghai-Dialekt safa vom Englischen sofa.

Es gibt normalerweise drei Methoden, dass ein Begriff vom Englischen ins Chinesische übersetzt wird: 1. Sinngemäß; 2. halb sinngemäß und halb phonetisch, z. B. Mini skirt, 迷你裙mínǐqún; 3. phonetisch, z. B. Coca Cola,可口可乐kěkǒukělè.  Heutzutage werden viele moderne Begriffe, vor allem die Abkürzungen direkt aus dem Englischen übernommen, z. B. CEO, GDP usw.

1.4 Namen und Anrede

Wie die meisten Namen bestehen chinesische Namen aus zwei Teilen: dem Familiennamen (xing) und dem Vornamen (ming). Gewöhnlich tragen Kinder den Nachnamen des Vaters, heute manchmal auch den Nachnamen der Mutter. Den Vornamen wählen die Eltern nach ihren eigenen Wünschen. Anders als in europäischen Sprachen wird der Familienname dem Vornamen vorangestellt. In der Volksrepublik China behalten die Frauen nach der Heirat ihre Mädchennamen bei.

Es gibt mehr als tausend chinesische Familiennamen. Zu den am meisten verbreiteten Nachnamen zählen Zhang, Wang,  Li,  Zhao und Liu.  Der Name Zhang ist mit über 70 Millionen Namensträgern der häufigste.

Die meisten Familiennamen bestehen aus einem einzelnen Schriftzeichen, einige wenige wie Ouyang oder Sima aus zwei Schriftzeichen. Diese wurden als „zweisilbige Familiennamen“ oder „Familiennamen mit zwei Schriftzeichen“ (fuxing) bezeichnet. Bei den Vornamen sind sowohl ein- als auch zweisilbige Vornamen üblich. Aufgrund der beschränkten Anzahl an Familiennamen und der Kürze der Vornamen kommt es in China häufig vor,  dass verschiedene Personen denselben Namen tragen.

Die Anrede unterscheidet sich stark zwischen den formellen und informellen Ebene. Auf der formellen Ebene werden Frauen mit Familiennamen +女士nǚshì (Frau), Männer mit Familiennamen+先生xiānsheng (Herr) angeredet.  Unter Arbeitskollegen wird man je nach dem Alter mit 老 lǎo (alt) oder 小xiǎo(klein, jung)+Familiennamen angeredet. Im Familien- und Freundeskreis wird man mit Vornamen bzw. der Bezeichnung für die Familienangehörigen angeredet. In China gibt es für jedes Verwandtschaftsverhältnis ein eigenes Wort, z.B. Oma mütterlicherseits (外婆wàipó )unterscheidet sich mit Oma väterlicherseits (奶奶nǎinai) , Tante von der Mutter(姨 yí) heißt anders als Tante vom Vater (姑 gū) . Auf der Straßen und im Geschäft wird auch mit der Bezeichnung der Familienangehörigen angeredet, z.B. Oma, Opa, Tante, Onkel, ältere oder jüngere Schwester, älterer oder jüngerer Bruder.