„Mehrsprachigkeit ist der Normalfall”

Begonnen im „Referat für Gastarbeiterkinder“ hat sich Elfie Fleck 25 Jahre lang im Bundesministerium für Bildung für Mehrsprachigkeit eingesetzt und so manches Projekt mitinitiiert. Nun nahm sie pensionsbedingt Abschied. Ein Resümee.

Interview: Michael Achleitner

Mädchen schreibt an Tafel

Wie sind Sie zu Ihrem Aufgabenbereich im BMB gekommen?

Elfie Fleck: Ich war Lehrerin und privat in der NGO „Komitee für ein ausländerfreundliches Österreich“ in Wien engagiert. Aufgrund meiner Kontakte dort hat man mich gefragt, ob ich nicht im Bereich der Interkulturalität im Ministerium arbeiten möchte. Ich dachte mir, ich schau es mir mal an. Wenn es mir nicht gefällt, kann ich ja immer noch in die Schule zurückgehen, aber dann bin ich hängen geblieben, weil es mich so fasziniert hat.

In all der Zeit, in der Sie im Bereich der Integration arbeiten – was hat sich in der Wahrnehmung von Mehrsprachigkeit geändert, wenn sich etwas geändert hat?

Ursprünglich hat diese Stelle im Ministerium „Referat für Gastarbeiterkinder“ geheißen. Das sagt ja schon einiges. Als ich dann 1992 gekommen bin, war sie gerade in „Referat für interkulturelles Lernen“ umbenannt worden. Ich habe sie dann, mit Zustimmung meines damaligen Sektionschefs, zum „Referat für Migration und Schule“ gemacht. Zu Beginn meiner Tätigkeit ist auch tatsächlich das interkulturelle Lernen im Vordergrund gestanden. Von Sprache war da eigentlich noch nicht viel die Rede. Ich habe dann schnell gemerkt, dass es nicht nur um interkulturelle Kommunikation geht, sondern auch darum, denen, die noch nicht gut Deutsch können, die Möglichkeit zu geben, ihre Deutschkompetenz zu verbessern.

Dazu braucht man gut ausgebildete Lehrkräfte.

Ja, das kann nicht jeder. Das muss man eigens lernen. Deutsch für Muttersprachler zu unterrichten, ist halt etwas anderes. Und die zweite sprachliche Komponente ist dann die Stärkung der Muttersprache in der Schule in der Form des muttersprachlichen Unterrichts. Das heißt, es hat sich der Schwerpunkt etwas mehr verschoben von Interkulturalität auf Mehrsprachigkeit. Auch in der Diktion. Wobei die Mehrsprachigkeit natürlich größtenteils migrationsbedingt ist.

Sprache als Schlüssel zur Integration?

Ja, während man am Anfang eher die Sprache vernachlässigt hat, ist inzwischen die Interkulturalität etwas mehr in den Hintergrund gerückt. Das hat sicher auch mit dem gesamtgesellschaftlichen Diskurs zu tun: Sprache als Schlüssel zur Integration, gemeint ist natürlich Deutsch. Für mich ist es schon wichtig, dass man die Komponenten Deutsch als Zweitsprache, Mehrsprachigkeit, Förderung der Erstsprache und Interkulturalität gemeinsam sieht.

Die Erstsprache oder Deutsch lernen? Was ist wichtiger?

Es geht um ein sowohl/als auch und nicht um ein entweder/oder. Das ist im Gehirn eines zweisprachigen Kindes total vernetzt. Man hat da nicht eine Schublade für die Erstsprache und eine andere für Deutsch. Die Sprachen interagieren ja ständig, beeinflussen einander auf teilweise sehr originelle Art und Weise. Sie behindern einander und fördern einander. Das heißt, man kann Deutsch als Zweitsprache und die Erstsprache eigentlich nicht wirklich trennen.

Ein schönes Beispiel für dieses Miteinander ist ja auch Ihr Projekt der dreisprachigen Zeitschrift Trio.

Ja, das ist eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Trio lebt diesen verschränkten Ansatz, es enthält unterschiedliche Textsorten zu verschiedenen Themen, Rätsel, Witze und Buchtipps auf Deutsch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch und Türkisch. Dabei handelt es sich vielfach nicht um Übersetzungen, sondern um eigenständige Kurztexte zum jeweiligen Thema oder um Rätsel, zu deren Lösung die Kenntnis aller drei Sprachen erforderlich ist. Dieser Zugang soll zu Gruppenarbeiten anregen und das Knowhow der fremdsprachigen Kinder zum Nutzen aller einbeziehen. Jedes Heft hat eine Auflage von 50.000 Stück. Die Hefte werden nicht einfach verschickt, sondern von den Schulen aufgrund des Bedarfs an mehrsprachigem Unterrichtsmaterial bestellt. Dabei ist Trio gratis, bezahlt werden müssen nur die Versandkosten.

Wie kam es zum Projekt der Online-Plattform www.schule-mehrsprachig.at?

Als das Ministerium eine eigene Website bekam, war dort natürlich auch das Referat für Migration und Schule vertreten. Dann wurde für die muttersprachlichen Lehrkräfte und die Initiative „Interkulturalität und Mehrsprachigkeit – eine Chance!“ ein Onlineauftritt eingerichtet.


Nachdem 2006 Trio entstanden ist und ebenfalls eine kleine Website bekam, haben wir noch die Sprachensteckbriefe erfunden und die Empfehlungsliste für mehrsprachige Kinderliteratur, wobei diese beiden Ideen auf Anregungen von Lehrkräften zurückgehen. Jedenfalls gab es bald ein Sammelsurium an Websites, was nicht wirklich übersichtlich war. Deshalb haben wir uns intensiv damit auseinandergesetzt, wie eine gemeinsame Onlineplattform aussehen könnte, und sind mit dem Ergebnis im November 2012 online gegangen.

Was ist Ihnen bei der Plattform besonders wichtig?

Mir ist wichtig, dass die Leute, die dieses Service brauchen – also Schulleitungen, die Schulaufsicht, Lehrkräfte, inklusive die muttersprachlichen Lehrkräfte, aber auch Universitäten und die Pädagogischen Hochschulen und sonstige Interessierte –, dass diese Benützer die Informationen, die auf der Website vorhanden sind, schnell finden können und bei Fragen, aber auch bei Kritik, Lob und Anmerkungen mit uns in Kontakt treten können. Die Zugriffszahlen bestätigen den Erfolg der Website. Abgesehen davon bekomme ich auch am Telefon oder im persönlichen Gespräch Rückmeldungen, wie nützlich sie ist.

Was war Ihr größter Erfolg, der nachhaltigste?

Ich glaube, die kontinuierliche Informationsarbeit in Form der Informationsblätter wird sehr geschätzt. Natürlich die Unterstützungen in Form von Trio, in Form der Kinderliteraturempfehlungen, in Form der Sprachensteckbriefe, dass sich die Lehrkräfte ein bisschen besser auskennen mit den Herkunftssprachen ihrer Schülerinnen und Schüler. Natürlich auch die Ausweitung des muttersprachlichen Unterrichts auf viele neue Sprachen. Als ich angefangen habe, hat es Serbokroatisch, wie es damals noch hieß, und Türkisch gegeben, dazu vereinzelt Albanisch und Polnisch. Jetzt haben wir 26 Sprachen.

Haben Sie das Gefühl, hier einen Special-Interest-Bereich zu betreuen oder hat darüber hinaus Ihre Arbeit in der öffentlichen Wahrnehmung etwas bewirkt?

Ich glaube, es ist schon wichtig, dass man die Themen Migration und Mehrsprachigkeit nicht als Aufgabenfeld für Spezialisten sieht, sondern als eines, dass alle angeht. Fast jede Schule hat Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund oder kann welche bekommen. Das heißt, eigentlich müssen sich alle mit dem Thema auseinandersetzen. Und das wissen mittlerweile auch (fast) alle.

Können Sie verstehen, dass Eltern (auch Migranteneltern) wollen, dass für ihre Kinder Deutsch die Unterrichtssprache ist, und deshalb Schulen suchen, die mehrheitlich mit deutscher Muttersprache besucht werden?

Die Eltern wollen in der Regel alle das Beste für ihre Kinder. Man kann aber per se nicht sagen, dass eine Schule, die lauter mehrsprachige Kinder hat, bei PISA schlechter abschneidet als eine mit einem geringen Anteil an Migrantenkindern. Das hängt stark von den vorhandenen Ressourcen und den Lehrkräften an der jeweiligen Schule ab.

Welche Maßnahmen würden Sie vorschlagen, um den Bereich Migration und Schule zu stärken?

Man sollte schlicht und einfach davon ausgehen, dass Mehrsprachigkeit ein Normalfall ist. Weltweit gesehen verwenden die meisten Menschen mehr als eine Sprache in ihrem Alltag. Wenn man in der Bildungspolitik sagt, wir tun etwas, das für die mehrsprachigen Kinder gut ist, dann ist das für alle Kinder gut, auch für die Einsprachigen. Und vorstellen kann ich mir in dem Bereich vieles: In Hamburg kann man etwa in seiner Erstsprache maturieren. Bei uns kann man zwar auch Polnisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch und so weiter als zweite lebende Fremdsprache anbieten, aber in der Praxis wird davon kaum Gebrauch gemacht. Das ließe sich ausbauen. In Schweden wird „Schwedisch als Zweitsprache“ als eigenes Fach unterrichtet, was auch Auswirkungen auf die Leistungsbeurteilung hat. Man könnte sich das alles anschauen, sehen, ob solche Initiativen auch für uns passen würden.

Welche Sprache würden Sie gerne noch lernen?

Ich kann sehr rudimentär Bosnisch/Kroatisch/Serbisch. Das heißt, ich kann mich notdürftig verständigen. Ich freue mich wahnsinnig, wenn ich die Witze in Trio verstehe. Das würde ich gerne ausbauen. Was mich auch interessiert, ist Persisch. Persisch ist einfach, also das Mündliche. Es ist sehr logisch. Es gibt keine Artikel, kein Geschlecht. Ich mag den Klang des Persischen, ich höre es gern.