Kinder beim Mehrsprachigen Unterricht

Oft gefragt: Muttersprachlicher Unterricht

Wieso ist die schulische Förderung der Erstsprachen wichtig?

Die Sprachkompetenz eines Menschen ist unteilbar. Das bedeutet, dass bei zwei- und mehrsprachigen Personen alle beteiligten Sprachen untrennbar miteinander verbunden sind und einander beeinflussen. Deutsch und die im Familienverband erworbene(n) Sprache(n) stehen also in keinem Konkurrenzverhältnis, sondern in einer ständigen Wechselbeziehung zueinander.

Daher ist es sinnvoll, den Erstsprachen in der Schule einen Platz einzuräumen. Genau aus diesem Grund gibt es den muttersprachlichen Unterricht. Eine gute Kompetenz in der Erstsprache erleichtert vielfach auch den Deutscherwerb. Und natürlich ist die Kenntnis jeder weiteren Sprache für viele Berufe von Vorteil.

Was versteht man unter muttersprachlichem Unterricht?

Der muttersprachliche Unterricht ist ein freiwilliges kostenloses Angebot für SchülerInnen mit anderen Erstsprachen als Deutsch oder für familiär zweisprachige SchülerInnen. Er ist – wie andere unverbindliche Übungen und Freigegenstände – Teil des Regelschulwesens. Ziel des Unterrichts ist es, die Erstsprachen der Kinder zu festigen und weiterzuentwickeln sowie die mündliche Sprachkompetenz durch die schriftliche zu erweitern (vgl. Lehrplanbestimmungen).

In der Vorschulstufe kann im Rahmen der verbindlichen Übung „Sprache und Sprechen, Vorbereitung auf Lesen und Schreiben“ eine besondere Förderung in der Muttersprache des Kindes im Ausmaß von drei Wochenstunden parallel zum Unterricht oder integrativ angeboten werden.

In der Volksschule und an der Unterstufe der Allgemeinen Sonderschulen wird muttersprachlicher Unterricht als unverbindliche Übung abgehalten. Dass bedeutet, dass im Zeugnis (in der Schulnachricht, in der Schulbesuchsbestätigung) keine Note steht, sondern der Vermerk „Teilgenommen“.) Ab der Sekundarstufe I kann der muttersprachliche Unterricht auch als Freigegenstand angeboten werden. Dann gibt es auch eine Note.

Ausführlichere Informationen finden sich in der Nummer 1 der Informationsblätter zum Thema Migration und Schule.

Wer darf am muttersprachlichen Unterricht teilnehmen?

Teilnahmeberechtigt sind alle SchülerInnen mit anderen Erstsprachen als Deutsch sowie SchülerInnen, die im Familienverband zweisprachig aufwachsen. Staatsbürgerschaft, Aufenthaltsstatus und -dauer in Österreich sowie die Deutschkompetenz spielen keine Rolle.

Unter welchen Voraussetzungen kann muttersprachlicher Unterricht angeboten werden?

Muttersprachlicher Unterricht kann grundsätzlich in jeder Sprache angeboten werden, sofern das Interesse seitens der SchülerInnen bzw. ihrer Eltern vorhanden ist, eine qualifizierte Lehrkraft zur Verfügung steht und die Möglichkeit der Anstellung innerhalb des vorgegebenen Stellenplans besteht.

Wird muttersprachlicher Unterricht an allen Schularten angeboten?

Für den muttersprachlichen Unterricht existieren Lehrpläne für die allgemein bildenden Pflichtschulen sowie für die allgemein bildenden höheren Schulen (Unter- und Oberstufe). Für berufsbildende mittlere und höhere Schulen (BMHS) wurden keine Lehrpläne verordnet, es ist jedoch möglich, dass SchülerInnen dieser Schularten an einem Kurs für die AHS teilnehmen, wobei sie bei der Mindestteilnehmerzahl nicht mitgezählt werden.

An welchen Schulen wird muttersprachlicher Unterricht angeboten?

Die Standorte, an denen muttersprachlicher Unterricht angeboten wird, finden sich hier. Diese Datei wird jeweils zu Beginn eines Schuljahres aktualisiert. (Aus erhebungstechnischen Gründen bezieht sich der Eintrag immer auf das vorangegangene Schuljahr.) Interessierte Eltern wenden sich am besten an die Schule, die ihr Kind besucht.

In welchen Sprachen wird muttersprachlicher Unterricht angeboten?

Das Sprachenangebot variiert von Jahr zu Jahr, da neue Sprachen dazukommen können bzw. eine Sprache mangels Nachfrage nicht mehr angeboten wird. Eine statistische Übersicht über die Anzahl der Sprachen, Lehrkräfte, SchülerInnen, Unterrichtsstunden und Schulstandorte findet sich im Informationsblatt Nr. 5. (Aus erhebungstechnischen Gründen bezieht sich der Eintrag immer auf das vorangegangene Schuljahr.)

Muss man sich für den muttersprachlichen Unterricht anmelden?

Ja, da es sich um ein freiwilliges Angebot (unverbindliche Übung oder Freigegenstand) handelt, ist eine Anmeldung erforderlich – und zwar bereits im Sommersemester vor dem jeweils folgenden Schuljahr. Die zweisprachigen Anmeldeformulare in allen derzeit angebotenen Sprachen finden Sie hier. Das Formular „Deutsch“ kann für Sprachen verwendet werden, die derzeit im Rahmen des muttersprachlichen Unterrichts (noch) nicht angeboten werden.

Im Regelfall werden die Formulare in der Schule ausgeteilt. Sofern die Eltern wünschen, dass ihr Kind am muttersprachlichen Unterricht teilnimmt, füllen sie das Formular aus und geben es in der Schule ab. SchülerInnen der AHS-Oberstufe können das Formular selbst ausfüllen. Die Schule leitet die gesammelten Formulare an den zuständigen Landesschulrat bzw. an den Stadtschulrat für Wien weiter, damit der Lehrereinsatz zeitgerecht geplant werden kann. An der Schule erfährt man auch, wann und wo der Unterricht stattfindet bzw. ob überhaupt ein Unterricht stattfinden kann.

Nachmeldungen, etwa zu Beginn des Schuljahres, sind möglich, wenn in den vorhandenen Gruppen noch Platz ist. Die Einrichtung neuer Gruppen ist jedoch nicht zulässig.

SchülerInnen, die erst im Lauf eines Schuljahres in eine österreichische Schule aufgenommen werden (SeiteneinsteigerInnen), können unter den gleichen Bedingungen in eine bestehende Gruppe aufgenommen werden.

Ab welcher Teilnehmerzahl kommt eine Gruppe für den muttersprachlichen Unterricht zustande?

Die Mindestteilnehmerzahl für die Eröffnung einer Gruppe wird an allgemein bildenden Pflichtschulen durch Landesgesetze geregelt, an allgemein bildenden höheren Schulen gilt bundesweit eine Mindestteilnehmerzahl von 12.

Wenn der muttersprachliche Unterricht in Kursform angeboten wird, können die TeilnehmerInnen auch aus unterschiedlichen Klassen, Schulstufen, Schulstandorten und Schularten stammen. Allerdings sollte bei schulstufenübergreifenden Gruppen darauf geachtet werden, dass der Altersunterschied zwischen den SchülerInnen innerhalb der Gruppe nicht zu groß ist.

Wie viele Wochenstunden stehen für den muttersprachlichen Unterricht zur Verfügung?

Laut Lehrplanverordnung kann der Unterricht an Volksschulen, Sonderschulen, Hauptschulen bzw. Neuen Mittelschulen im Ausmaß von zwei bis sechs Wochenstunden angeboten werden. In der Praxis wird meistens eine Doppelstunde am Nachmittag abgehalten.

An Polytechnischen Schulen beträgt das wöchentliche Ausmaß drei Unterrichtsstunden, an der AHS-Unterstufe sind es 8 bis 21 im Lauf von vier Jahren, an der AHS-Oberstufe 2 bis 8 im Lauf von vier Jahren.

Wann findet der muttersprachliche Unterricht statt?

Wenn der Unterricht in Kursform stattfindet, wird – analog zu anderen Freigegenständen bzw. unverbindliche Übungen – meistens eine Doppelstunde am Nachmittag abgehalten. Wenn SchülerInnen aus verschiedenen Herkunftsschulen in einer Gruppe zusammengefasst werden, findet der Unterricht oft nicht an der Schule statt, die der Schüler/die Schülerin am Vormittag besucht.

Findet der muttersprachliche Unterricht immer am Nachmittag statt?

Wenn in ein- und derselben Klasse bzw. in den Parallelklassen einer Schulstufe eine ausreichende Anzahl von SchülerInnen derselben Herkunftssprache vorhanden ist, kann der Unterricht auch integrativ am Vormittag abgehalten werden. Hier arbeitet die muttersprachliche Lehrkraft im Team mit der Klassenlehrerin. Die Unterrichtsinhalte werden gemeinsam geplant und auf Deutsch sowie für die betreffenden Kinder in der jeweiligen anderen Sprache vermittelt.

In der Praxis betrifft das vor allem die beiden hierzulande größten Migrantensprachen Bosnisch/Kroatisch/Serbisch und Türkisch an Wiener Volksschulstandorten. Hier stehen in der Grundstufe I fünf Wochenstunden für den muttersprachlichen Unterricht zur Verfügung, da die Kinder unter Einbeziehung ihrer Erstsprachen alphabetisiert werden.

An einigen Wiener NMS-Standorten werden die erstsprachlichen Ressourcen auch für den Fachunterricht – etwa in Biologie, Chemie, Geografie oder Geschichte – nutzbar gemacht. Hier arbeiten die Lehrkräfte ebenfalls im Team und präsentieren die Unterrichtsinhalte in den betreffenden Sprachen.

Wird die Teilnahme am muttersprachlichen Unterricht auch im Zeugnis vermerkt?

Wenn der Unterricht als Freigegenstand angeboten wurde, steht im Zeugnis (in der Schulnachricht am Ende des ersten Semesters) bzw. in der Schulbesuchsbestätigung für außerordentliche SchülerInnen eine Note. Falls es sich um eine unverbindliche Übung handelt, findet sich der Vermerk „Teilgenommen“.

Was kann ich tun, wenn in der Sprache meines Kindes kein muttersprachlicher Unterricht angeboten wird?

Sollte an Ihrem Wohnort derzeit noch kein muttersprachlicher Unterricht in der Sprache Ihres Kindes angeboten werden, wird empfohlen, das Anmeldeformular auszudrucken und andere Eltern auf dieses Angebot aufmerksam zu machen.

Wenn sich genügend InteressentInnen finden (in der Regel mindestens 12, die unterschiedliche Schulen besuchen können, aber in etwa das gleiche Alter haben sollten), geben Sie die ausgefüllten Formulare an der Schule Ihres Kindes ab, um den Bedarf nachzuweisen. Die Schule leitet die gesammelten Formulare an den zuständigen Landesschulrat bzw. an den Stadtschulrat für Wien weiter. Falls eine geeignete Person, die den Unterricht erteilen kann, gefunden wird und der Stellenplan des Landes die Neuanstellung einer Lehrkraft erlaubt, steht der Einrichtung einer neuen Sprache nichts im Wege.

Kann man in der Muttersprache auch maturieren?

Falls der muttersprachliche Unterricht an der AHS-Oberstufe als Freigegenstand im Ausmaß von mindestens vier Wochenstunden während der gesamten Oberstufe bis mindestens zur vorletzten Schulstufe besucht wurde, kann die mündliche Reifeprüfung, jedoch nicht die schriftliche, abgelegt werden. Beispiel: Ein Schüler/die Schülerin, der/die in der 6. und 7. Klasse am Freigegenstand „Muttersprachlicher Unterricht“ teilgenommen hat, darf zur mündlichen Reifeprüfung in diesem Gegenstand antreten. Falls jedoch der Unterricht als unverbindliche Übung abgehalten wurde, ist das nicht möglich.

Ab der 10. Schulstufe kann eine AHS eine zusätzliche (3.) lebende Fremdsprache als Wahlpflichtgegenstand oder als Freigegenstand anbieten. Diese Sprache kann auch die Muttersprache von einzelnen SchülerInnen sein. In diesem Fall ist eine mündliche Reifeprüfung ebenfalls möglich, sofern insgesamt mindestens sechs Wochenstunden nachgewiesen werden können.

Darf die vorwissenschaftliche Arbeit in der Muttersprache verfasst werden?

An allgemein bildenden höheren Schulen ist es möglich, im Einvernehmen mit der/dem BetreuerIn die Arbeit in einer von der Prüfungskandidatin oder vom Prüfungskandidaten besuchten lebenden Fremdsprache zu verfassen (vgl. Prüfungsordnung für die AHS, § 8 Abs. 4.) Auch die Präsentation und Diskussion können mit Zustimmung aller Kommissionsmitglieder in dieser Sprache abgehalten werden (vgl. Prüfungsordnung für die AHS, § 8 Abs. 6).

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit man als muttersprachliche Lehrkraft arbeiten kann? An welche Stelle richtet man eine Bewerbung?

Wer als muttersprachliche(r) LehrerIn arbeiten möchte, bewirbt sich – wie alle anderen Lehrkräfte auch – beim Landesschulrat bzw. beim Stadtschulrat für Wien. Die zuständigen Ansprechpersonen finden Sie hier. In der Regel wird eine pädagogische Ausbildung vorausgesetzt. Da die (pädagogische) Ausbildung häufig im Ausland erworben wurde, werden die meisten muttersprachlichen LehrerInnen mittels Sondervertrag angestellt, was eine dienst- und besoldungsrechtlich schlechtere Einstufung zur Folge hat.