„Auch einmal Kind sein können“

Das Rote Kreuz ist in Österreich auch für die Versorgung von Flüchtlingen und Asylwerbern verantwortlich. Die psychosoziale Betreuung ist ein Teil der Versorgungsmaßnahmen. Doch wie sieht die Betreuung aus und welche speziellen Maßnahmen gibt es für die Betreuung von Kindern? Monika Stickler, organisatorische Leiterin der Abteilung Psychosoziale Dienste im Roten Kreuz, beschäftigt sich täglich mit diesen Fragen.

Die Heimat und die Freunde zu verlieren, eine lange und traumatische Flucht, eine unsichere Zukunft zu haben – all das macht besonders auch für Kinder eine psychosoziale Betreuung notwendig.
Familie auf der Flucht

Die Betreuung von Flüchtlingen ist nicht immer einfach. Macht die Tatsache, dass sich viele Kinder unter den Flüchtlingen befinden, es noch schwieriger?

Am Anfang waren junge Männer die Hauptgruppe der Flüchtlinge. Das hat sich im Laufe der Zeit ein wenig geändert. Es sind viele Familien mit kleinen Kindern und Babys gekommen. Zum Teil Babys, die auf der Flucht zur Welt gekommen sind. Die Mütter hatten keine Möglichkeit, die Kinder wirklich gut zu versorgen. Auch das war für uns eine große Herausforderung: Baby-Nahrung, Windeln und viele andere Babyutensilien in kurzer Zeit für eine relativ große Anzahl an Menschen zur Verfügung zu stellen.

Welche Maßnahmen gibt es im Speziellen für die psychosoziale Betreuung von Flüchtlingskindern?

Da muss man zwischen Kindern, deren Eltern einen Asylantrag gestellt haben, das heißt die noch im Asylverfahren sind und damit in der Grundversorgung des Staates, und Familien mit Kindern, die bereits Asylstatus haben, die in der Versorgung aber auf sich gestellt sind, unterscheiden. Auch in der Grundversorgung funktioniert die Versorgung unterschiedlich. Deshalb haben wir uns im Roten Kreuz von Beginn an sehr bemüht, auch für Kinder in Transitquartieren geschützte Räume zu schaffen. Damit sie auch einmal Kind sein können und Dinge, die sie vor und auf ihrer Flucht erlebt haben, besser verarbeiten können. Wir haben in fast allen größeren Flüchtlingsunterkünften so etwas wie einen Kindergarten aufgebaut. Die schulpflichtigen Kinder werden von uns beim Deutschlernen unterstützt. Zum Teil sind sie auch mit Schulstartpaketen versorgt worden. Das ist eine sehr gute Integrationsmaßnahme. Denn beginnt man schon bei den Kindern mit regelmäßigem Deutschunterricht, dann klappt auch die Integration viel besser.

Inwieweit unterscheiden sich diese Maßnahmen von jenen für die Betreuung und Integration von Erwachsenen?

Die Maßnahmen unterscheiden sich natürlich, weil Kinder keine kleinen Erwachsenen sind. Kinder haben einen anderen Zugang zu vielen Dingen. Kinder halten manche Dinge nicht so lange aus wie Erwachsene, werden dafür ganz häufig schneller damit fertig. Ein sichererer Ort für die Betreuung ist sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern wichtig. Wenn sich die Menschen sicher und angenommen fühlen, dann funktioniert auch die psychosoziale Betreuung. Leider gibt es zu wenige Betreuungsplätze für traumatisierte Flüchtlinge oder AsylwerberInnen. Das ist ein generelles Problem, aber noch viel mehr für Kinder, weil Kinder einfach eine speziellere Betreuung brauchen.

Mit welchen Problemen müssen die Kinder und Jugendlichen, ihre Flucht betreffend, zurechtkommen, die eine psychosoziale Betreuung notwendig machen?

Die Heimat zu verlieren, die gewohnte Umgebung zu verlassen, die Freunde zu verlieren und eine unsichere Zukunft zu haben. All diese Dinge haben natürlich auch Einfluss auf Kinder. Und wenn sich die Erwachsenen fürchten, dann fürchten sich auch die Kinder.

In einem Aktivitätenkatalog für Kinder in der Flüchtlingsbetreuung wurden alle wichtigen Maßnahmen zur Betreuung von Kindern und Jugendlichen in einer Ausnahmesituation wie der Flucht zusammengetragen. Wie kann nun die Umsetzung dieser schriftlich festgehaltenen Maßnahmen gelingen?

Das ist eine Ressourcenfrage. Dort wo es engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gibt, dort wird es gelingen. Dort wo sich keiner darum kümmert, wird es nicht gelingen. Das hängt ganz stark vom persönlichen Engagement derer ab, die in diesem Bereich arbeiten. Wir schulen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor allem auch in nonverbaler Kommunikation, die bei Kindern sehr wichtig ist. Wir versuchen damit Voraussetzungen zu schaffen, damit die Umsetzung gelingen kann. Ob sie gelingt, werden wir wahrscheinlich erst in ein paar Jahren sehen.

Hat man überhaupt genug Zeit für die Betreuung, bevor die Kinder wieder in ein anderes Quartier weiterziehen müssen oder einen positiven Asylbescheid erhalten?

Es reicht oft schon eine kleine Geste, eine Viertelstunde zuzuhören, ein Stofftier zu schenken oder mit dem Kind zu spielen – all das sind Maßnahmen, die einiges in den Kindern auslösen. Wir wünschen uns, mehr tun zu können, aber es ist ein kleiner Schritt. Und besser ein kleiner Schritt als gar keiner. 

Maßnahmen zur psychosozialen Betreuung von Kindern werden meist nur in der Grundversorgung ergriffen. Wie geht die Betreuung weiter?

Das ist leider in den Bundesländern und von Organisation zu Organisation unterschiedlich. Es gibt ja zum Glück sehr viele private Initiativen, die Flüchtlingsfamilien betreuen und aufnehmen. Leider läuft das oft nicht sonderlich strukturiert ab. Wir versuchen nun dem Ganzen durch die Maßnahmenkataloge eine Struktur zu geben. Es ist vor allem eine Frage des geeigneten Personals. Menschen zu finden, die für die psychosoziale Betreuung geeignet sind und die das auch machen möchten. Nach der Grundversorgung, in der die Betreuung oft sehr gut funktioniert, zerreißt ganz häufig auch dieses Sicherheitsnetz. Da gibt es ganz sicher noch Nachholbedarf seitens der Betreuung.

Welche Maßnahmen wären für die Zukunft, hinsichtlich der Betreuung von Flüchtlingskindern, unerlässlich?

Ganz sicher die weitere Begleitung, im Sinne von Spracherlernen. Wenn ich die Landessprache kann, dann habe ich auch mehr Selbstvertrauen, mich in diesem Land zu bewegen – es stärkt die Psyche. Die Sprache ist auch ein wichtiges Mittel, um Freunde in dem fremden Land zu gewinnen und in der Gesellschaft aufgenommen zu werden. Und natürlich wäre es wesentlich, für traumatisierte Kindern eine vernünftige Therapie und Betreuung zu organisieren.