Kinder beim Mehrsprachigen Unterricht

Oft gefragt: Migration und Sprache

Was versteht man unter Migrationshintergrund?

Laut Statistik Austria sind Menschen mit Migrationshintergrund Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit sowie Personen, die selbst bzw. deren Eltern im Ausland geboren wurden. Dieses Merkmal sagt nicht automatisch etwas über die Erstsprache(n) der betreffenden Person aus, da auch Zuwanderer aus Deutschland, der deutschsprachigen Schweiz oder deutschsprachige Personen aus Südtirol einen Migrationshintergrund aufweisen.

Zum Weiterlesen: Wie nennen wir das Kind? In: BMUKK (Hg.) (2011): Interkulturalität und Mehrsprachigkeit – eine Chance! Impulsprojekte aus dem Schuljahr 2010/11. S. 6 f.

Wird der Migrationshintergrund von SchülerInnen in der Schulstatistik erhoben?

Nein, denn laut Bildungsdokumentationsgesetz (in Kraft seit 2003/04) werden nur die Staatsbürgerschaft und die „im Alltag gebrauchte(n) Sprache(n)“ erhoben, wobei bis zu drei Sprachen angegeben werden können. Mit der expliziten Möglichkeit einer Mehrfachnennung von Sprachen wird der lebensweltlichen Mehrsprachigkeit vieler SchülerInnen auch in der Statistik entsprochen. Im Fall von Mehrfachangaben ist die Datenbasis für die Feststellung der Anzahl von SchülerInnen mit anderen Erstsprachen als Deutsch die jeweils erste Angabe zum Erhebungsmerkmal „im Alltag gebrauchte Sprache(n)“ (vgl. Nr. 2 der Informationsblätter zum Thema Migration und Schule).

Was versteht man unter Muttersprache?

Für die Sprache, die Kinder als erste erwerben, werden unterschiedliche Bezeichnungen verwendet: „Muttersprache“, „Erstsprache“, „L1“, „Primärsprache“, manchmal auch „Familiensprache“ oder „Herkunftssprache“, wobei damit auch Bedeutungsunterschiede verbunden sind (zitiert nach Nr. 3 der Informationsblätter zum Thema Migration und Schule, S. 3, Fußnote). Es handelt sich um jene Sprache, die während der Primärsozialisation – meist im Familienverband – erworben wird.

In der Sprachwissenschaft ist man vom Begriff „Muttersprache” wegen seiner begrifflichen Unschärfe und der emotionalen Aufgeladenheit abgerückt und gibt stattdessen den neutralen Bezeichnungen Erstsprache oder L1 den Vorzug.

Fallweise versteht man unter Muttersprache auch eine Sprache, zu der eine besonders intensive emotionale Bindung besteht, oder jene Sprache, in der die höchste Kompetenz erreicht wurde.

Kann man mehr als eine Muttersprache haben?

Ein Kind kann mehrere Erstsprachen simultan erwerben, etwa wenn die Eltern in unterschiedlichen Sprachen mit ihm kommunizieren oder wenn die Umgebungssprache eine andere als die in der Familie gesprochene(n) Sprache(n) ist. In diesem Fall handelt es sich um frühe Bilingualität. Mintunter spricht man auch davon, dass ein Kind zwei (oder mehrere) „Muttersprachen” hat, und gelegentlich wird der Ausdruck „Vatersprache“ verwendet.

Zum Weiterlesen:

  • Rudolf de Cillia (2014): Nr. 3 der Informationsblätter zum Thema Migration und Schule (vgl. PDF)
  • Rudolf de Cillia (2011): Spracherwerb in der Migration – Deutsch als Zweitsprache. bifie. (vgl. PDF)
  • Antje Leist-Villis (2008): Elternratgeber Zweisprachigkeit. Informationen & Tipps zur zweisprachigen Entwicklung und Erziehung von Kindern. Stauffenberg Verlag, Tübingen.

Was versteht man unter Zweitsprache?

Zweitsprache (L2) ist eine Umgebungssprache, die erst später – hauptsächlich in Form des ungesteuerten Spracherwerbs – erworben wird. Sie unterscheidet sich durch die Erwerbsform von einer eventuellen Fremdsprache, wobei es sich im Migrationskontext bei Deutsch auch um die Dritt- oder Viertsprache handeln kann. (Zitat nachlesen).

Wodurch unterscheidet sich Deutsch als Zweitsprache (DaZ) von Deutsch als Fremdsprache (DaF)?

DaZ (Deutsch als Zweitsprache) bezieht sich auf jene Menschen, die in einer anderen Muttersprache aufwachsen, zugleich aber Deutsch aus einem deutschsprachigen Umfeld erwerben, einem Umfeld, in dem sie aus freien Stücken leben oder leben müssen. DaZ ist gekennzeichnet durch starke Anteile natürlichen Erwerbs, durch sozialen Druck, eine breite Streuung des Lernalters, eine lebensweltliche Zweisprachigkeit und die Lernsituation in einem deutschsprachigen Land. (Zitat nachlesen)

DaF (Deutsch als Fremdsprache) betrifft eine Lernsituation, die sich entweder durch die Entfernung vom deutschsprachigen Umfeld auszeichnet bzw. die eine Distanz zum Erst-sprachengebrauch und zur Erstsprachenkompetenz aufweist. DaF wird überwiegend schulförmig erworben; DaF-Lernende haben eine eher instrumentelle Motivation und ein mittleres Lernalter. (Zitat nachlesen) (Lesen Sie dazu auch: Was ist der Unterschied zwischen Spracherwerb und Sprachenlernen?)

Was versteht man unter Zweisprachigkeit bzw. Mehrsprachigkeit?

Ein Mensch ist zweisprachig bzw. mehrsprachig, wenn er in seinem Alltag mehr als eine Sprache verwendet, etwa im Familienverband eine andere als in der Öffentlichkeit oder im Berufsleben. Das trifft übrigens nicht nur auf die Kinder und Enkel von fremdsprachigen MigrantInnen zu, sondern auf die Mehrheit der Weltbevölkerung. In der Sprachwissenschaft hat sich dafür der Begriff „lebensweltliche Mehrsprachigkeit“ durchgesetzt.

Im Lauf des Lebens kann eine neu hinzugekommene Sprache emotional ebenso wichtig (oder wichtiger) werden als jene, die man als erste gelernt hat (etwa durch eine enge Beziehung mit einem/einer SprecherIn oder durch Migration), bzw. kann sich die Kompetenz in einer Sprache verändern. Eine Sprache kann in den Hintergrund treten, weil man sie auf Grund geänderter Lebensumstände weniger häufig benötigt. Lebensweltliche Mehrsprachigkeit bedeutet daher nicht, dass die Kompetenz in allen verfügbaren Sprachen gleichmäßig ausgeprägt sein muss. Es kann auch vorkommen, dass eine oder mehrere Sprache(n) nur mündlich beherrscht wird/werden. Dabei handelt es sich vielfach um Sprachen, die nie verschriftlicht wurden, oder um Minderheitensprachen, die schulischerseits nicht angeboten werden.

Kann man in mehreren Sprachen eine hohe Kompetenz erwerben?

Ja, das menschliche Gehirn ist dazu bestens ausgestattet. Sprachen lassen sich sowohl simultan als auch aufeinander folgend erwerben bzw. erlernen. Es wäre daher unzulässig, einem Menschen, dessen Erstsprache eine andere als Deutsch ist, automatisch eine mangelnde Deutschkompetenz zu unterstellen. Gerade bei mehrsprachigen Kindern wird nach mehrjährigem Schulbesuch oft die deutsche Sprache dominant, während die Kompetenz in der Muttersprache (falls sie nicht schulisch gefördert wird) stagniert, da sie ausschließlich der familiären Kommunikation dient. In diesem Fall verfügen die Kinder bzw. Jugendlichen in ihrer Erstsprache oft nur über mündliche Kompetenzen, vor allem dann, wenn die Familiensprache nicht die lateinische Schrift verwendet.

Was ist der Unterschied zwischen Spracherwerb und Sprachenlernen?

Spracherwerb zeichnet sich in hohem Ausmaß durch eine informelle Aneignung der Sprache im Kontakt mit SprecherInnen dieser Sprache aus. Das trifft in jedem Fall auf die erste(n) Sprache(n) zu, mit der bzw. mit denen ein Baby konfrontiert ist, aber auch auf weitere Sprachen, die im Kindergarten- oder frühen Schulalter dazukommen. Es ist jedoch auch möglich, dass sich ältere Jugendliche oder Erwachsene die (neue) Umgebungssprache ohne ein formales Lernsetting (z. B. durch Schul- oder Kursbesuch) aneignen und dabei sogar eine hohe Kompetenz, vor allem in den mündlichen Fertigkeiten, erreichen können.

Sprachenlernen hingegen bezieht sich auf strukturierte Sprachangebote im schulischen oder außerschulischen Unterricht. Das gilt sowohl für Deutsch als Zweitsprache bzw. Deutsch als Fremdsprache (im nicht deutschsprachigen Ausland) als auch für die in den Lehrplänen vorgesehenen lebenden Fremdsprachen bzw. Fremdsprachen, die in Einrichtungen der Erwachsenenbildung angeboten werden.

In der Praxis sind die Grenzen vielfach fließend. Für den Unterricht empfiehlt es sich auf alle Fälle, außerschulische Spracherfahrungen nicht außer Acht zu lassen, sondern in die Unterrichtsarbeit zu integrieren. Im Fall von – schulischen – Fremdsprachen können Auslandsaufenthalte den Unterricht sinnvoll ergänzen. (Lesen Sie dazu auch: Wodurch unterscheidet sich Deutsch als Zweitsprache (DaZ) von Deutsch als Fremdsprache (DaF)?)

Ist es günstig, wenn man Deutsch so früh wie möglich erwirbt?

Es ist gewiss von Vorteil, wenn man bereits in sehr jungen Lebensjahren mit einer Sprache in Berührung kommt, aber Kinder, die erst im Schulalter ins österreichische Schulsystem einsteigen, sind nicht zwangsläufig benachteiligt, was den Erwerb der Unterrichtssprache betrifft. Ältere SeiteneinsteigerInnen, die – falls sie in ihrem Herkunftsland die Schule besucht haben (und dort keiner sprachlichen Minderheit angehörten) – in ihrer Erstsprache alphabetisiert wurden, können auf diesen Kompetenzen aufbauen. Ein erfolgreicher Spracherwerb ist außerdem nicht nur vom Lebensalter, sondern von zahlreichen anderen Faktoren (z. B. reichhaltiger sprachlicher Input, förderliches Umfeld) abhängig.

Wie viel Zeit nimmt der Erwerb der Zweitsprache Deutsch in Anspruch?

In der Sprachwissenschaft geht man von einem Zeitraum von etwa sechs bis acht Jahren unter günstigen Bedingungen aus. Während der Erwerb kommunikativer Kompetenzen für den Alltagsgebrauch gerade bei Kindern oft erstaunlich schnell vonstattengeht, braucht es längere Zeit, um die so genannte Bildungssprache, die für den schulischen Erfolg ausschlaggebend ist, aufzubauen. Lehrkräfte sollten sich daher weder von der „perfekten“ mündlichen Kompetenz dieser Kinder blenden noch von schriftlichen Äußerungen, die vielfach noch nicht zielsprachenadäquat sind, entmutigen lassen.

Dürfen SchülerInnen in der Pause ihre Muttersprache verwenden?

Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention, die in der österreichischen Verfassung verankert ist, fordert die Achtung des Privat- und Familienlebens. Da es sich bei Pausengesprächen um Privatgespräche handelt, wäre es unzulässig, für diese Kommunikation eine bestimmte Sprache (z. B. Deutsch) vorzuschreiben und andere Sprachen zu verbieten. Im Fall von Konflikten, die übrigens auch in ausschließlich einsprachigen Kontexten auftreten, wäre pädagogisch zu intervenieren.

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