Die „Willkommensklasse“ in Salzburg

Schulpflichtige Flüchtlingskinder werden in Salzburg einer altersentsprechend passenden Klasse zugeteilt. Häufig haben diese Kinder noch Alphabetisierungs- und Basisbildungsbedarf und sprechen kein Wort Deutsch.

Von LSI Mag. Dr. Birgit Heinrich
Landesschulinspektorin für Pflichtschulen

Diese drei Mädchen aus Somalia haben in der VS Liefering 2 in der Stadt Salzburg neue Freunde gefunden.
Drei Mädchen aus Somalia in der VS Liefering 2 in der Stadt Salzburg

Schulpflichtige Flüchtlingskinder werden nach ihrer Aufnahme in eine Salzburger Schule einer altersentsprechend passenden Klasse zugeteilt. Häufig tritt jedoch die Situation auf, dass Kinder unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft noch Alphabetisierungs- und Basisbildungsbedarf haben. Zudem verstehen und sprechen sie in der Regel kein Wort Deutsch. Auch steht die Verarbeitung traumatischer Erlebnisse bei manchen Kindern im Vordergrund und verhindert Lernbereitschaft.

Grundsätzlich ist ein menschlich und pädagogisch adäquates Konzept für den schulischen Umgang mit Flüchtlingskindern im Bundesland Salzburg wichtig, welches sowohl für die Kinder selbst als auch für die aufnehmende Schule mitten im Schuljahr eine positive Entwicklungsperspektive eröffnen soll.

Im Sinne gelingender Integrationsbemühungen ist es notwendig, Ablaufbedingungen einer sinnvollen Beschulung festzulegen und, wenn möglich, mit anderen Unterstützungsstrukturen zu koordinieren, die den speziellen Bedürfnissen dieser Kinder und ihrer Situation gerecht werden.

Aus der aktuellen Sprachlehr- und -lernforschung weiß man, dass das Konzept des „Sprachbades“ als Sprachaneignungsmöglichkeit in diesem Alter nicht mehr funktioniert, es bedarf also spezieller und effizienter Strategien in mehreren Bereichen.

Kinder brauchen für ihren Spracherwerb sowohl konkreten, systematisierten Sprachunterricht als auch ausreichend Sprechanlässe in der altersgerechten Peergroup, um sozusagen Sprache anzuwenden und zu „üben“. Segregation ist dafür kein entsprechendes Modell, vielmehr verhindert sie Integration und erschwert den Spracherwerb der Zielsprache. Es gilt also, die beiden Forderungen zu berücksichtigen: zum einen gezielter Sprachunterricht in der Kleingruppe zum anderen ein Höchstmaß an sozialer Teilhabe in der altersentsprechenden Klasse.

  • Implementierung einer sogenannten „Willkommensklasse“, in welcher alters- und schulstufenübergreifend unabhängig von der Erstsprache Alphabetisierung und Basisbildung als Schwerpunktsetzung gelten. Für die Konzeption einer solchen Klasse benötigt man keinen eigenen Lehrplan, da der Status der Schüler/innen ein außerordentlicher ist und das Sprachenlernen generell im Mittelpunkt der Bemühungen steht.
  • Für die notwendige Integration verweilen die Kinder mehrere Stunden am Tag in ihren altersentsprechenden Klassen, sie nehmen am Unterricht und auch an den Angeboten der Ganztagsschule teil. Dafür ist es wichtig, dass die „Willkommensklasse“ an einem „Schulcampus“ installiert wird, da dort die Klassen aller Altersstufen von 6 bis 14 Jahren vorhanden sind und es durch den Wechsel von Klasse und „Willkommensklasse“ zu keinen unüberbrückbaren zeitlichen und lokalen Problemstellungen kommt.
  • Für zwei bis drei Stunden täglich finden sich die Kinder altersgemischt in der „Willkommensklasse“ ein, in welcher durch eine speziell ausgebildete Lehrkraft mit Schwerpunkt DaZ (Deutsch als Zweitsprache) und Grundalphabetisierungskompetenz die Kinder zunächst alphabetisiert werden, einen Grundwortschatz erlernen und die wesentlichen grammatischen Elemente der deutschen Sprache kennenlernen. Wesentlich dabei ist, dass es sich um eine Lehrperson handelt, das heißt, dass ein Betreuungskontinuum über die Woche gewährleistet ist, da man zusätzlich von gegebener Traumatisierung ausgehen muss.
  • Die Verweildauer in der „Willkommensklasse“ ist individuell unterschiedlich, da das Tempo des Spracherwerbs bei den Kindern variiert. Sobald ein Sprach- und Sprechniveau erreicht ist, das zumindest Verständigung erlaubt, wechseln die Kinder dauerhaft in ihre altersgemäß passenden Klassen, welche sie ja durch das Modell bereits kennen. Sollten sich spezielle Bedürfnisse bei Kindern im Beobachtungsverlauf ergeben, können selbstverständlich auch andere notwendige schulische Maßnahmen eingeleitet werden.