1. Kurzer Überblick über die Sprache

1.1 Wie die Sprache genannt wird

gradišćanskohrvatski – Burgenlandkroatisch
gradišćanskohrvatski jezik – die burgenlandkroatische Sprache
weiters: gradišćansko-hrvatski (burgenländisch-Kroatisch), hrvatski (kroatisch)

Die BurgenlandkroatInnen verwenden eine Varietät der kroatischen Sprache, das Burgenlandkroatische. Der Kodifizierungsprozess setzte erst in den 1980er Jahren ein, weshalb die Sprachbezeichnung Burgenlandkroatisch relativ neu ist. Obwohl sich in der Sprachwissenschaft in den letzten Jahrzehnten dieser Terminus eingebürgert hat, bezeichnen die SprecherInnen ihre Sprache meist nach wie vor als hrvatski (Kroatisch), während sie die kroatische Standarsprache als južni hrvatski (südliches Kroatisch) oder hrvatski književni jezik (kroatische Hochsprache) bezeichnen.

1.2 Wo Burgenlandkroatisch gesprochen wird: Eckdaten zu SprecherInnen und Sprache

Die BurgenlandkroatInnen sind in Österreich eine anerkannte autochthone Minderheit. Ihre Rechte sind im Staatsvertag von 1955 (https://www.bka.gv.at/DocView.axd?CobId=33764) verankert. Burgenlandkroatisch ist seit 1987 als Amtssprache in 6 von 7 burgenländischen Bezirken anerkannt und eine der offiziellen Liturgiesprachen der katholischen Kirche in der Diözese Eisenstadt. In den zweisprachigen Pflichtschulen fungiert Burgenlandkroatisch auch als Unterrichtssprache.

SprecherInnen

Im Laufe des 16. Jahrhunderts wurden die Vorfahren der BurgenlandkroatInnen im Gebiet des heutigen Burgenlands (und des angrenzenden Westungarn, Niederösterreich, Süd­mähren und der Südslowakei) angesiedelt, da ein großer Teil dieser Gebiete nach der Wirtschaftskrise im ausgehenden Mittelalter, nach zahlreichen Epidemien und infolge der Türkenkriege von 1529 und 1532 verödet und verwüstet war. Die SiedlerInnen, die ebenfalls auf der Flucht vor den Osmanen waren, kamen aus Kroatien sowie Bosnien und Herzegowina. Nach dem Ende der Kolonisation betrug der Bevölkerungsanteil der KroatInnen im burgenländischen Siedlungsgebiet etwa ein Viertel.

Bei der Volkszählung von 2001 (Statistik Austria) gaben österreichweit 19.374 Menschen an, Burgenland-Kroatisch zu sprechen, wobei 16.245 im Burgenland selbst ansässig waren. Das sind ca. 6 % der burgenländischen Gesamtbevölkerung. Nach Selbsteinschätzung der Volks­gruppe beträgt die Anzahl der SprecherInnen mindestens 30.000. 

Der Großteil der BurgenlandkroatInnen lebt in Österreich auf dem Gebiet des heutigen Burgenlands (52 Ortschaften). Außerhalb des Burgenlands leben vorsichtigen Schätzungen zufolge ca. 15.000 BurgenlandkroatInnen in Wien. Sie bzw. ihre Vorfahren haben ihre Dörfer in der Zwischen- und Nachkriegszeit aus wirtschaftlichen Gründen verlassen. Es wird angenommen, dass in Westungarn noch ca. 8.000 KroatInnen in 13 und in der Slowakei in vier Ortschaften ca. 2.000 KroatInnen leben.

In Niederösterreich und in Südmähren sind die kroatischen Dialekte verschwunden, da die SprecherInnen im Laufe der Jahrhunderte assimiliert wurden. Die KroatInnen aus Süd­mähren, genannt Moravski Hrvati (Mährische Kroaten), wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat vertrieben.

Die heutigen Siedlungsgebiete im Burgenland sind auf fünf Sprachinseln verteilt:

  1. Die Sprachinsel der Hati (Heidebodenkroaten) umfasst insgesamt zehn Dörfer. Davon befinden sich vier Ortschaften im Bezirk Neusiedl in Österreich:
    Pandrof/Parndorf, Novo selo/Neudorf, Bijelo selo/Pama, Gijeca/Kittsee
    Zu dieser Gruppe werden sprachlich auch die KroatInnen in der Slowakei und in Ungarn gezählt:
    in der Slowakei: Hrv. Jandrof/Jarovce, Čunovo/Čunovo, Devinsko Novo Selo/Devinska Nova Ves, Hrvatski Grob/Chorvatsky Grob
    in Ungarn: Bizonja/Bezenye, Hrv. Kemlja/Horvátkimle
  2. In den Bezirken Eisenstadt und Mattersburg befindet sich die zahlenmäßig größte Sprachinsel, die Poljanci genannt wird. Die heutigen kroatischen Ortschaften sind:
    Vorištan/Hornstein, Štikapron/Steinbrunn, Celindof/Zillingtal, Cikleš/Sigleß, Prodrštof/ Wulka­prodersdorf, Trajštof/Trausdorf, Uzlop/Oslip, Cindrof/Siegendorf, Cogrštof/ Zagers­dorf, Klimpuh/Klingenbach, Otava/Antau, Rasporak/Draßburg, Pajngrt/ Baumgarten
    Zu dieser Sprachgruppe wird auch ein Dorf aus Ungarn gezählt: Koljnof/Kopháza.
  3. Die Dolinci (Unteren) leben auf österreichischer Seite im Bezirk Oberpullendorf. Diese Sprachinsel bilden folgende Ortschaften:
    Veliki Borištof/Großwarasdorf, Mali Borištof/Kleinwarasdorf, Filež/Nikitsch, Gerištof/ Kroatisch Geresdorf, Mjenovo/Kroatisch Minihof, Šuševo/Nebersdorf, Longitolj/ Langen­tal, Dolnja Pulja/Unterpullendorf, Pervane/Kleinmutschen, Mučindrof/Groß­mutschen, Frakanava/Frankenau, Bajngrob/ Weingraben, Kalištrof/ Kaisersdorf
    Zu dieser Sprachinsel zählen auch die KroatInnen aus dem benachbarten Westungarn zwischen Ödenburger und Günser Gebirge:
    Unda/Und, Prisika/Peresznye, Hrv. Židan/Horvátzsidany, Plajgor/Ólmod
  4. Im Bezirk Oberwart leben die Vlahi. Die einzelnen Ortschaften heißen:
    Rauhriegel/Rorigljin, Marof/Mönchmeierhof, Rupišće/Rumpersdorf, Podgorje/ Ober­podgoria, Parapatićev Brig/Parapatitschberg, Stari Hodas/Althodis, Bošnjakov Brig/ Unterpodgoria, Širokani/Allersgraben, Hrv. Cikljin/Spitzzicken, Ključarevac/ Allersdorf, Poljanci/Podler, Bandol/Weiden bei Rechnitz
  5. In den Bezirken Oberwart und Güssing sind die Štoji (Štokaver) und Južni čakavci (Südčakaver) beheimatet. Die heutigen Ortschaften heißen:
    Sabara/Zuberbach, Čemba/Schandorf, Čajta/Schachendorf, Vincjet/Dürnbach im Burgenland, Hrv. Čenča/Kroatisch Tschantschendorf, Pinkovac/Güttenbach, Nova Gora/Neuberg im Burgenland, Veliki Medveš/Großmürbisch, Žamar/Reinersdorf, Žarnovica/Heugraben, Santalek/Stegersbach, Stinjački vrh/Hackerberg, Stinjaki/ Stinatz
    Zu dieser Sprachinsel zählen auch die ungarischen Gebiete zwischen dem Rechnitzbach und der Pinka:
    Mala Narda/Kisnarda, Velika Narda/Nagynarda, Dolnji Čatar/Alsócsatár, Gornji Čatar/ Felsöcsatár, Hrv. Šice/Horvátlövö, Petrovo Selo/Szentpeterfa

Sprache

Die Sprache stellt ein wichtiges Identitätsmerkmal der Volksgruppe dar. Während sie bis ins 20. Jahrhundert relativ gut bewahrt werden konnte, erlitt sie durch das Aufbrechen der geschlossenen Dorfstruktur (Mobilität, Eheschließungen mit Anderssprachigen, deutsch­sprachige Arbeitsumgebung, Einfluss des Fernsehens) in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg einen Prestigeverlust. Zusätzlich hatte die Dorfflucht große demographische Veränderungen zur Folge. So wurden mit der Zeit aus ehemals fast ausschließlich ein­sprachigen Ortschaften zweisprachige, in denen die BurgenlandkroatInnen oftmals nur mehr eine Minderheit darstellen. Diese Veränderungen begünstigten und begünstigen auch heute noch einen Rückgang der Sprecherzahlen.

Der Terminus Burgenlandkroatisch stellt in erster Linie einen territorialen Sprachbegriff dar, da die Sprachstruktur nach linguistischen Kriterien der kroatischen Sprache zugeordnet und genetisch aus den nordwestkroatischen Mundarten des 15. bis 17. Jahrhunderts abgeleitet wird.

Die Sonderstellung der burgenlandkroatischen Schriftsprache ist auch durch eine unter­schiedlich verlaufende Sprachentwicklung bedingt. Im Kroatischen haben – nach der Emigration der BurgenlandkroatInnen – dialektale Verschiebungen sprachliche Ver­änderungen bewirkt, welche im Burgenlandkroatischen nicht realisiert wurden.

Die Dialekte des Kroatischen werden in drei Großgruppen eingeteilt, die nach der jeweiligen Form des Frageworts was? (ča, kaj, što) benannt sind. Bis ins 19. Jahrhundert gab es in Kroatien drei literatursprachliche Traditionen – die štokavische, die čakavische und die kajkavische. Seit den 1830er Jahren bildet der štokavische Dialekt die Grundlage der kroatischen Schriftsprache, die Einflüsse aus den kajkavischen und čakavischen Dialekten sind marginal. Außerdem verdrängten Entlehnungen aus den Nachbarsprachen den alt­kroatischen Wortschatz, welcher im Burgenlandkroatischen besser erhalten ist.

Obwohl ab dem 19. Jahrhundert Bestrebungen seitens der burgenländischen KroatInnen erkennbar waren, ihre Schriftsprache jener aus Kroatien anzugleichen und es besonders in der Zwischen- und unmittelbaren Nachkriegszeit zu einer großen Annäherung (in Ortho­graphie und Wortschatz) an den kroatischen Standard kam, konnte das auf dem štokavischen Dialekt basierende Kroatisch bei den BurgenlandkroatInnen nie wirklich Fuß fassen. Aufgrund der besonderen geographischen Lage begann sich bei den burgen­ländischen KroatInnen schon ab dem 17. Jahrhundert eine regionale kroatische Literatur­sprache herauszubilden, welche auf dem mittleren čakavischen Dialekt (srednjočakavski) basiert und die jahrhundertealte čakavische sprachliche Tradition weiterentwickelte. Hierbei kam es auch zu zahlreichen Interferenzen aus dem Ungarischen, vor allem aber dem Deutschen, welche im kroatischen Standard unbekannt sind.

Schließlich wurde das Burgenlandkroatische im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts zu einer regionalen čakavischen Standardvarietät des Kroatischen ausgebaut. Ab den 1970er Jahren zeichnete sich auf Grund der geänderten gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten, besonders jedoch nach der Realisierung eigener Hörfunk- und Fernsehsendungen (1978 bzw. 1989) sowie mit der Einführung von (Burgenland-)Kroatisch als Amtssprache (1987) die Notwendigkeit ab, eine Standardisierung der burgenländisch-kroatischen Literatursprache durchzuführen. In den 1980er Jahren wurde schließlich mit der Kodifizierung des Burgen­land­kroatischen begonnen. 1982 erschien das Deutsch-burgenländischkroatisch-kroatische Wörterbuch, 1991 das Burgenländischkroatisch-kroatisch-deutsche Wörterbuch, 2003 die umfassende Grammatik Gramatika gradišćanskohrvatskoga jezika und 2010 die Recht­schreib­fibel Pravopis gradišćanskohrvatskoga jezika.

1.3 Sprach- und Kulturbrücken

Der Sprachkontakt zwischen dem Burgenlandkroatischen und dem Deutschen, aber auch dem Ungarischen, Slowakischen und Slowenischen, ist besonders im burgenlandkroatischen Wortschatz bemerkbar. So wurde eine beträchtliche Anzahl an Lehnwörtern aus diesen Sprachen übernommen. Aus dem Kroatischen entlehnte Wörter werden, wenn nötig, an das Burgenlandkroatische (Čakavische) angepasst.

Burgenlandkroatisch–Kroatisch

Entlehnungen für den Zivilisationswortschatz: činovnik (Beamter), pismonoša (Briefträger), letak (Flugblatt), nogomet (Fußball), prazniki (Ferien), televizor (Fernseher), pisaći stol (Schreibtisch), spavaonica (Schlafzimmer), spis (Akt), ulica (Gasse), zajam (Kredit), rukavica (Handschuh), rukopis (Manuskript), plinovod (Gasleitung), struja (Strom), mišalica (Mischmaschine), željeznica (Eisenbahn) etc.

Burgenlandkroatisch–Deutsch

Wortentlehnungen aus dem Bereich des Zivilisationswortschatzes: tepih (Teppich), luster (Luster), floša (Flasche), maruljice (Marille, dial. Marün), študenat (Student), parlamenat (Parlament), inštrumenat (Instrument), štrikati (stricken), hekljati (häkeln), farbati (färben), pucati (putzen), špičast (spitz), folišan (falsch), feš (fesch), fit (fit), špontan (spontan) etc.

Weiters gibt es eine Vielzahl an wörtlichen Übersetzungen aus dem Deutschen, die im Kroatischen nicht bekannt sind: nutrzimanje (Einnahmen, kr. primitak), vandavanje (Ausgaben, kr. izdatak), ognjobranac (Feuerwehrmann, kr. vatrogasac), najpr dojti (vorkommen, kr. dogoditi se), van dati (ausgeben, kr. izdati), kraj zeti (wegnehmen, kr. uzeti), skupa zeti (heiraten, kr. vjenčati se) etc.

In der Syntax wird die Satzgliedordnung häufig nach deutschem Muster gebildet und das Verb an das Satzende gestellt: Denas si moram još kruha kupiti anstatt (kr.) Denas si još moram kupiti kruha (Heute muss ich noch Brot kaufen).

Besonders in der gesprochenen Sprache ist ein Code-Switching üblich. Ausdrücke aus dem modernen Zivilisationsbereich werden meistens aus dem Deutschen entlehnt, z.B. špitalj (Spital) statt bolnica, šoljtr (Schalter) statt prekidač, vošmašin (Waschmaschine) statt stroj za pranje rublja.

Burgenlandkroatisch–Ungarisch

Das Ungarische übte bis in das 20. Jahrhundert einen besonders großen Einfluss aus, da der Großteil der Siedlungsgebiete administrativ der ungarischen Reichshälfte unterstellt war. Zahlreiche Entlehnungen können jedoch noch aus der Zeit vor der Umsiedlung stammen: aldov (áldozat – Opfer), djundje (gyöngy – Perlen), hasan (haszon – Nutzen), oroslan (oroszlán – Löwe), kinč (kincs – Schatz), oblok (ablak – Fenster), tanač (tanács – Rat), varoš (város – Stadt), virostovati (virraszt – Wache halten) etc.

1.4 Namen und Anrede

Personennamen werden im Burgenlandkroatischen wie folgt angegeben:

Vater: Ivan MiletićIn Dokumenten wird der Name meist wie folgt geschrieben: Johann Miletich/Miletits. Familiennamen auf -ić werden generell mit -ich, -its, -ics, -itz oder -itsch wiedergegeben, z.B. Gerbasits, Resetarits, Petrakovics, Solich, Ivanschitz, Vukowitsch
Mutter: Jelka MiletićHelene Miletich
Tochter: Zlatka MiletićAurelia Miletich
Sohn: Franjo MiletićFranz Miletich

Kroatische weibliche Vornamen enden hauptsächlich auf ein -a: Marica, Katarina, Zlatka, Milica, Terezija, Liza, männliche auf einen Konsonanten: Petar, Kristijan, Štefan, seltener auf einen Vokal: Jandre, Ive, Pave, Mirko, Nikola. Männliche Vornamen werden gerne in Kosenamen auf -ica umgewandelt: Petar–Perica, Jure–Jurica, Ivan–Ivica, Tomas–Tomica. Heutzutage tragen BurgenlandkroatInnen aber häufig in Österreich geläufige Vornamen.

Anhand der Familiennamen ist nicht ersichtlich, ob jemand Burgenlandkroate bzw. Burgenlandkroatin ist: Einserseits gibt es unter BurgenlandkroatInnen viele Familiennamen deutschen Ursprungs (Bintinger, Linzer, Unger, Deutsch, Müller), andererseits müssen die TrägerInnen typisch (burgenland)kroatischer Familiennamen (Horvath, Ivanschitz, Krobath, Pintarits, Jandrisevits, Zsifkovits, Vukowitsch) keine BurgenlandkroatInnen sein.

Im Burgenlandkroatischen gibt es, wie im Deutschen, zwei Anredeformen: ti (du) und die Höflichkeitsform Vi (Sie). Die Anwendung der beiden Formen entspricht heute dem Deutschen. Bis vor einigen Jahrzehnten wurden jedoch Respektspersonen auch innerhalb der Familie gesiezt. Ältere SprecherInnen sprechen ihre Onkel und Tanten daher immer noch in der Höflichkeitsform an: Strina, kada ćete dojti k nam? (Tante, wann kommen Sie zu uns?)

Im Gegensatz zum Deutschen werden die Vornamen und männlichen Familiennamen dekliniert: Nominativ: Ivan Miletić, Genitiv: Ivana Miletića, Dativ: Ivanu Miletiću. Weibliche Familiennamen werden nicht dekliniert: Nominativ: Jelka Miletić, Genitiv: Jelke Miletić, Dativ: Jelki Miletić.

Anrede

Titel werden wie im Deutschen abgekürzt, allerdings klein geschrieben oder in Groß-buchstaben wiedergegeben: prof., mag., dr., BA, MAS