„Der Wert ist der Inhalt“

Christian Schregers Mehrstufenklassen gestalten seit zehn Jahren „Kleine Bücher“. Jetzt präsentierte er einige davon mit ihren jungen Autorinnen und Autoren.

Von Thomas Aistleitner

SchülerInnen beim Gestalten der kleinen Bücher

Die Universitätsbibliothek Wien, Fachbereich Bildungswissenschaft, Sprachwissenschaft und Vergleichende Literaturwissenschaft in der Wiener Sensengasse ist an diesem Abend brechend voll. Heute gibt es hier weder Platz noch Ruhe, dafür Kinder, Eltern, LehrerInnen und viele kleine Bücher. Diese und ihre AutorInnen sind die Stars des Abends, und ihr Lehrer stellt sie vor. Ja, es ist ein (!) Lehrer, der mit mehrsprachigen Mädchen und Buben im Lauf der Jahre 750 Ausgaben der „Kleinen Bücher“ gestaltet hat.

Christian Schreger von der Volksschule Ortnergasse im 15. Wiener Bezirk hat das Konzept entwickelt: „Fünf Texte, fünf Bilder, ein Umschlag – das ist ein klarer Plan, der für jedes Alter nachvollziehbar ist. Die Vielschichtigkeit einer mehrsprachigen Klasse braucht so einen klaren Projektrahmen. Am Ende steht ein fertiges Produkt zur Verfügung, das als ,Kleines Buch‘ einer Familie anderer ,Kleiner Bücher‘ angehört. Unabhängig von Muttersprache, Lernjahr und Thema verdeutlicht es die Leistung des Autors oder der Autorin und bietet dabei durch Text und Bilder einen mehrdimensionalen Zugang zum Inhalt.“

Schregers Projekt wurzelt in der Reformpädagogik von Celestin Freinet. „Das Produzieren und Veröffentlichen von eigenen Texten gehört zu den wichtigen Bestandteilen schulischer Aktivität. Doch die mediale Darstellung ist nicht das Wesentliche: Immer noch macht der Inhalt den eigentlichen Wert aus, nicht die Darstellungsmethode – ein Faktum, das leider oft vergessen wird.“

Bei der Präsentation in der Bibliothek erzählt Daniel, dass er sich gerne vom Fernsehen beeinflussen lässt. „Bei einem Buch hat mir mein Opa geholfen, es auf Rumänisch zu schreiben.“ Manche Kinder schreiben regelmäßig „Kleine Bücher“ und haben schon Werke in zweistelliger Zahl hergestellt. Ein besonders inspirierendes Beispiel ist die Nr. 325 der „Kleinen Bücher“ von Ilja. Er hat dafür fünf Zaubersprüche erfunden und mit eigenen Zeichnungen illustriert: „Poseisma, Izilatus, Torotoles, Tirakules, Minekris.“

Stand die Idee der „Kleinen Bücher“ am Anfang oder hat sich die Idee aus der Arbeit mit einer Klasse entwickelt?
Christian Schreger: Zu Beginn der 1990er-Jahre habe ich mit meiner damaligen Klasse eine mehrsprachige Klassenzeitung hergestellt, die „Plapperkiste”. Ich konnte dabei zwei Jahre lang Erfahrungen sammeln im Produzieren von Texten mit Kindern verschiedenster Muttersprachen und einer effizienten und ansprechenden Präsentationsform.
Diese Erfahrung kam dann dem Konzept der „Kleinen Bücher” zu Gute. Da ich einer der Autoren des Schulversuchs „Wiener Mehrstufenklassen“ bin, habe ich seit 1998 eigentlich immer nur eine Klasse gehabt, die M2 – allerdings mit wechselnden Kindern. Die „Kleinen Bücher” sind jedoch bei allen Generationen von Kindern einfach gut angekommen. Wäre es nicht so, gäbe es das Projekt schon längst nicht mehr, denn ohne das Interesse der Kinder lässt sich kein Projekt verwirklichen.

Sind die Kinder in der Themenwahl völlig frei? Was müssen sie tun, um ein „Kleines Buch“ zu beginnen? Gibt es dafür bestimmte Zeiten?
Es gibt keine thematischen Einschränkungen und der Einstieg ist ganz bewusst niederschwellig gewählt. Es stehen immer Zettel im A6-Format (der Größe eines fertigen Buches) zur Verfügung und die Kinder können jederzeit ein Buch beginnen. Das Format der Zettel ist bewusst so gewählt, damit man immer vor sich hat, wie groß das Bild im fertigen Buch sein wird. Natürlich müssen die Pflichtarbeiten erledigt werden, aber grundsätzlich kommen ja Einfälle auch nicht nach Stundenplan, sondern wenn es eben geschieht – so muss es auch bei den „Kleinen Büchern” sein. Auch Fehler dürfen gemacht werden und bleiben stehen, wenn eine Korrektur nicht gewünscht wird. Manchmal nehmen Kinder einen ganzen Zettelvorrat mit nach Hause, weil sie am Wochenende vielleicht Ideen zu einem Buch haben werden.

Spielen die Mehrsprachigkeit einer Klasse und die verschiedenen Muttersprachen der Kinder in dem Projekt eine besondere Rolle?
Die Mehrsprachigkeit stellt meist eine Bereicherung dar, vor allem ist sie spannend und eröffnet einen Blick auf andere Kulturen. Manche Bücher werden in der Muttersprache der Kinder geschrieben und anschließend übersetzt, andere gehen den umgekehrten Weg. Dabei bilden die Zeichnungen oder Fotos einen spontanen Anlass zum Sprechen. Genau darauf kommt es an. Im Dialog aller Beteiligten entsteht ein fruchtbares Lernklima, das durchaus mehr als bloße Sprachlehre vermittelt und im sozialen Bereich Türen öffnet. Geschichten definieren sich nicht durch die Sprache, in der sie erzählt werden, sondern durch ihren Inhalt.
Das hat sich auch in den Ländern gezeigt, in denen die „Kleinen Bücher” präsentiert wurden, wie in Schweden und Finnland, wo „Kleine Bücher” in Saami-Sprachen geschrieben wurden, oder auch in Südafrika, wo Xhosa und Englisch zum Einsatz kamen. Wichtig ist vor allem, dass die Kinder ein Medium vorfinden, in dem sie sich ausdrücken können und dürfen. Die Geschichten entstehen dann wie von selbst, wenn ihnen nichts im Wege steht.

Auf der Website Ihrer Klasse lässt sich eine Vielzahl von Projekten verfolgen. Von Literatur und Film bis zum Kochen am Freitag. Dahinter stecken viele Ideen, aber auch viel Aufwand und Mühe. Haben Sie Helfer?
In unserer Mehrstufenklasse arbeite ich im Team mit meiner mehrsprachigen Kollegin Gülçin Kiliç, ohne die Vieles nicht möglich wäre – mehr Unterstützung gibt es nicht. Für das „WeltABC“ war ein Programmierer nötig. Manchmal bekomme ich Unterstützung von ehemaligen SchülerInnen und von Eltern, die dankbar für die Mühe sind, die wir in die Arbeit mit ihren Kindern stecken. So ist auch eine intensive Zusammenarbeit mit dem Verein „mutâků“ entstanden, mit dem in den letzten Jahren wunderbare Projekte verwirklicht werden konnten. Natürlich versuchen wir, Fördergelder zu bekommen, aber leider wird gerade im Bereich Mehrsprachigkeit momentan eingespart. Von offizieller Seite gibt es keine Unterstützung, ich stecke auch privat immer wieder große Summen in die Möglichkeit, Ideen und Projekte zu realisieren. Wenn die gelingen, gibt es natürlich lobende Worte seitens der VertreterInnen des Bildungssystems, die gerne bereit sind, der Presse die Ergebnisse als Leistung des Schulsystems zu erklären.

Man hat den Eindruck, dass es für Projekte wie dieses nicht nur gute Ideen braucht, sondern auch ein besonderes Engagement der Lehrperson und ein besonderes Interesse für die Kinder. Würden Sie das auch so sehen? 
Ich denke, der Lehrberuf verlangt deutlich mehr als einen erfolgreichen PH-Abschluss. Ohne Bereitschaft, sich auf die Kinder und ihre Wahrnehmung einzulassen, geht es gar nicht. Da die Curricula leider nie zeitgemäß sind, bleibt Studierenden keine andere Wahl, als sich eigenengagiert, aber lebensnah zu informieren – wer mit dem an der Pädagogischen Hochschule Gebotenen bereits zufrieden ist, sollte den Lehrberuf eher nicht ergreifen.
Es ist bedauerlich, dass Engagement heute gar nicht mehr so gerne gesehen wird: Professionalisierung lautet das neue Zauberwort, das wohl der Bruder der Standardisierung ist und eher ein routiniertes Abwickeln von Problemszenarien nach standardisierten Schemata propagiert, anstatt sich tatsächlich auf Augenhöhe mit der „unstandardisierten” kindlichen Klientel zu begeben.
Die „Kleinen Bücher” dokumentieren in meinen Augen neben den unglaublichen Einblicken in das Denken von Kindern vor allem die Notwendigkeit, jedes Kind (und damit jedes Buch) ernst zu nehmen, um ihm die Möglichkeit zum Wachsen zu geben.
Leider erkennt unser lehrerzentriertes Schulsystem keine Dringlichkeit zur Öffnung hin zu den Kindern, die eigentlich in den Mittelpunkt gerückt werden müssten. Solange sich daran nichts ändert, wird es immer größere systemimmanente Probleme geben, die alle selbstproduziert sind, denn selbst die engagiertesten LehrerInnen werden bei allem Interesse für die Kinder nur die gröbsten Symptome lindern können.