Muttersprachlicher Unterricht:

„Erstsprachen unterrichten im Kontext von Migration“. Ein bundesweiter Lehrgang.

Schülerin an der Tafel

Der muttersprachliche Unterricht ist seit 1992 Teil des österreichischen Regelschulwesens. Indem Österreich die Verantwortung für die schulische Förderung der Erstsprachen der SchülerInnen übernimmt, wird ein deutliches Zeichen gesetzt. Die Botschaft lautet: Das Bekenntnis zur lebensweltlichen Mehrsprachigkeit ist ein bildungspolitisches Anliegen. Die Sprachen der Lernenden haben Platz in der Schule und sollen sich dort entfalten dürfen.

Die muttersprachlichen LehrerInnen werden – wie alle anderen Lehrkräfte auch – von österreichischen Schulbehörden angestellt und bezahlt und unterliegen der Qualitätskontrolle durch österreichische Schulaufsichtsorgane.

Allerdings hat die Mehrheit der Lehrkräfte, die im muttersprachlichen Unterricht eingesetzt sind, ihre Erstausbildung im Herkunftsland absolviert, wobei die erworbenen Qualifikationen äußerst unterschiedlich sind. Einige haben ein Studium für einen bestimmten Gegenstand für die Sekundarstufe I abgeschlossen, sind aber an einer Volksschule tätig, andere können etwa eine mathematisch-naturwissenschaftliche Ausbildung, aber kein Sprachstudium nachweisen, wieder andere sind (in Österreich oder im Ausland) ausgebildete DolmetscherInnen / ÜbersetzerInnen, SprachwissenschaftlerInnen, SozialarbeiterInnen.

Im Zuge des Language Education Policy Profile wurde Österreich von ExpertInnen des Europarats empfohlen, auf „eine adäquate linguistische und fachdidaktische Ausbildung“ der muttersprachlichen Lehrkräfte zu achten.¹ Es versteht sich von selbst, dass der Unterricht mit Kindern, die im zweisprachigen Umfeld aufwachsen, andere Herausforderungen bereit hält als die Arbeit im Herkunftsland, wo die Familiensprache und die Unterrichtssprache meist, wenn auch nicht immer (man denke an nationale Minderheiten), identisch sind.

Der Empfehlung des Europarats wurde mit der Entwicklung eines Curriculums zur berufsbegleitenden Weiterbildung der muttersprachlichen LehrerInnen entsprochen. Im Studienjahr 2012/13 startete der erste bundesweite Lehrgang „Muttersprachlicher Unterricht: Erstsprachen unterrichten im Kontext von Migration“ im Ausmaß von 30 ECTS an der Pädagogischen Hochschule Wien, der von 22 TeilnehmerInnen erfolgreich abgeschlossen wurde und in den meisten Fällen auch eine dienstrechtliche Besserstellung zur Folge hatte. Auf Grund des enormen Interesses wird dieser Lehrgang ab dem Studienjahr 2014/15 zum zweiten Mal angeboten. 

In insgesamt sechs Modulen à fünf ECTS werden unter anderem Grundlagen aus der Spracherwerbsforschung, der Soziolinguistik und der Migrationsforschung, sprach-didaktische Aspekte sowie Fragen der Kommunikation in mehrsprachigen und multikulturellen Settings vermittelt und gemeinsam erarbeitet, wobei innovative pädagogische Konzepte und die Auseinandersetzung mit der Schulrealität nicht zu kurz kommen.

Die Präsenzphasen in sechs Wochenblöcken (teilweise in der unterrichtfreien Zeit) werden durch einen 50-prozentigen Selbststudienanteil ergänzt. Voraussetzung für den erfolgreichen Abschluss ist die Vorlage eines Portfolios, in dem die erfüllten Arbeitsaufträge aus den einzelnen Modulen dokumentiert werden.

Eine wissenschaftliche Begleituntersuchung des ersten Durchgangs dieses Lehrgangs auf Basis von leitfadengestützten Einzelinterviews mit den TeilnehmerInnen und mit den Verantwortlichen des Lehrgangs hat eine hohe Zufriedenheit mit Inhalt, Ablauf und Zielen ergeben.


¹ Vgl. bm:ukk und BM.W_F (Hg.): Language Education Policy Profile: Länderbericht. Sprach- und Sprachunterrichtspolitik in Österreich: Ist-Stand und Schwerpunkte. Wien 2008. S. 102.