1. Kurzer Überblick über die Sprache

1.1 Wie die Sprache genannt wird

Af-Soomaaliga – das Somalische (formale Variante)
Af-Soomaali – Somali (kolloquiale Variante)

1.2 Wo Somali gesprochen wird: Eckdaten zu SprecherInnen und Sprache

Somali wird am Horn von Afrika gesprochen und ist dort als überregionale Sprache im Gebrauch. Verbreitet ist es in Somalia, der seit 1991 de facto unabhängigen (international aber nicht anerkannten) Republik Somaliland, Djabouti, Kenia und Äthiopien. Während in Somalia, Djibouti und Somaliland der überwiegende Teil der EinwohnerInnen Somali spricht, wird Somali in Äthiopien vorwiegend im östlichen und in Kenia im nordöstlichen Landesteil verwendet.

Die Aufteilung der Somali-SprecherInnen auf fünf Länder und die heute gültigen Staats­grenzen gehen auf die Kolonialzeit zurück: 1884/85 wurden die somalisprachigen Gebiete bei der so genannten Kongo-Konferenz in fünf Teile geteilt: Britisch-Ostafrika (Kenia), Britisch-Somaliland (Somaliland), Italienisch-Somaliland (Somalia), Französisch-Somaliland (Djibouti) und Abessinien (Äthiopien). Das somalisprachige Gebiet am Horn von Afrika ist eines der wenigen afrikanischen Regionen mit einer klar dominierenden Mehrheitssprache. Sprachliche Minderheiten in Somalia, wie beispielsweise die Bajuni, sprechen oft (aber nicht immer) auch Somali. Somalia war auch eines der wenigen afrikanischen Länder, die nach der Unabhängigkeit auf die Verwendung der ehemaligen europäischen Kolonial­sprachen verzichteten. In Somalia und in Somaliland wird Somali heute als Amts- und Unterrichts­sprache in öffentlichen Einrichtungen verwendet.

Neben den genannten afrikanischen Ländern, in denen Somali gesprochen wird, ist Somali auch die Kommunikationssprache der somalischen Diaspora. Diese ist nach dem Sturz des Präsidenten Siad Barre im Jahr 1991 und dem darauffolgenden Bürgerkrieg in den USA und Europa entstanden und wächst zahlenmäßig nach wie vor an. Eine zentrale Rolle in Bezug auf die Diaspora spielen, neben Fernsehsendern wie BBC Somali und VOA Somali, insbesondere Radiokanäle wie Radio Hormuud (http://www.radiohormuud.dk) und im Internet zugängliche Plattformen. Dazu gehören z. B. Nachrichtensender wie http://www.somalidiasporanews.com sowie Online-Foren wie http://www.somalinet.com.

Insgesamt wird angenommen, dass es heute ca. 12 Millionen SprecherInnen des Somali gibt. Schätzungen sind aber gerade aufgrund der instabilen Lage in Somalia und der zahlen­mäßig großen Diaspora schwierig. In Österreich leben derzeit ca. 3.000 Somali-SprecherInnen. Seit dem Schuljahr 2012/13 gibt es muttersprachlichen Unterricht in Somali; 32 SchülerInnen nahmen im ersten Schuljahr daran teil.

Das Somali kennt, wie alle anderen Sprachen auch, unterschiedliche regionale Varietäten. Häufig werden die nördlichen Varietäten des Somali von den eher im Süden gesprochenen unterschieden. LinguistInnen unternahmen zudem in der Vergangenheit den Versuch, das Somali in unterschiedliche Dialektgruppen zu klassifizieren. Die Tatsache, dass von ver­schiedenen SprachwissenschaftlerInnen unterschiedliche Formen der Unterteilung vorge­nommen wurden, zeigt, wie schwierig Klassifikationen dieser Art sind und dass nicht generell von klar ziehbaren Grenzen zwischen den einzelnen Varietäten ausgegangen werden kann. Vielmehr trifft auch auf das Somali das Bild eines so genannten Dialekt­kontinuums zu. Gerade aufgrund der instabilen politischen Lage in Somalia und der großen Bedeutung der Diaspora kann davon ausgegangen werden, dass sich die Sprechweisen von Somali-SprecherInnen nicht immer eindeutig einer bestimmten regional definierten Varietät zuordnen lassen.

In der Gestalt des heute gesprochenen Somali wird sichtbar, dass die somalisprachigen Gebiete am Horn von Afrika in der Vergangenheit Teil unterschiedlicher translokaler Handels­netzwerke und überregionaler Herrschaftssysteme waren. Neben den ehemaligen Kolonial­sprachen (insbesondere Italienisch und Englisch) weist Somali besonders viele Lehnwörter aus dem Arabischen und anderen „orientalischen“ Sprachen auf. Diese Einflüsse reichen sehr lange zurück. Während der Zeit des Königreichs von Aksum, welches sich vom 4. bis zum 6. Jahrhundert nach Chr. bis in den Nordwesten des heutigen Somalia erstreckte, kamen die Somalis durch den Seehandel über Küstenstädte wie Saylac mit arabischen und persischen Einflüssen in Berührung, ab dem 7. Jahrhundert auch verstärkt mit dem Islam.

In dieser frühen Zeit wurde Somali mündlich weitergebenen; der schriftliche Gebrauch des Somali ist aber bereits ab dem 13. Jahrhundert belegt. Aufgrund des großen Einflusses des Arabischen wurden Texte in Somali lange Zeit in arabischer Schrift, der so genannten Wadaad-Schrift, verfasst.1 Die Wadaad-Schrift zeichnet sich dadurch aus, dass einige Wörter des Somali mit (grammatikalisch oft nicht korrektem) Arabisch vermischt werden. Vor allem in den Bereichen Religion und Handel war die Wadaad-Schrift lange Zeit sehr bedeutsam und wurde z. B. für den Briefverkehr oder das Verfassen von Petitionen verwendet. Da jedoch – im Vergleich zum Arabischen – Somali sehr reich an Vokalen ist, die oft bedeutungs­unter­scheidend sind, sind die Texte in der Wadaad-Schrift sehr schwer les- und verstehbar.

Neben der Wadaad-Schrift gab es zahlreiche weitere Versuche, ein eigenes Schriftsystem für das Somali zu etablieren. Beispielsweise entwickelte Cismaan Yuusuf Keenadiid in den 1920er Jahren das Osmania-Alphabet, welches in Somalia als far soomaali (somalisches Schreiben) bekannt ist. Dieses Alphabet erlangte v. a. nach der Unabhängigkeit Bedeutung, als somalische Nationalisten darum bemüht waren, die arabische und lateinische Schreib­weise des Somali durch ein eigenes, somalisches, Schriftsystem zu ersetzen. Das Osmania-Alphabet wurde bis in die 1970er Jahre und wird teilweise auch noch heute vor allem für private Korrespondenz verwendet. Es wurden aber auch einige Bücher und Zeitschriften damit publiziert.

Etabliert hat sich letztlich die lateinische Schreibweise des Somali. 1972 beschloss ein Komitee aus internationalen SprachwissenschaftlerInnen, v. a. aus praktischen Gründen, die Verwendung der lateinischen Schrift. In der Folge wurde das lateinische Alphabet für das Somali angepasst und wird streng phonetisch verwendet. Es beinhaltet jedoch abgesehen vom Apostroph keine Sonderzeichen. Die Reihenfolge der Buchstaben stützt sich auf jene des arabischen Alphabets.

1 Anzumerken ist, dass sich Somalis immer auch an der arabischen Textproduktion beteiligten. Eine kleine Minderheit der Somalis verfügte stets über sehr gute schriftliche Kenntnisse des Arabischen und verfasste vor allem sufistische Literatur in arabischer Sprache.

1.3 Namen und Anrede

Somalische Namen bestehen aus drei aufeinanderfolgenden Namen: (1) Name der bezeichneten Person, (2) Name des Vaters und (3) Name des Großvaters. Zudem ist es auch üblich, dass als Nachname lediglich der Name des Vaters mit einem Zusatz verwendet wird. Ina Ahmed bedeutet z. B. Sohn von Ahmed oder lma Ahmed steht für Familie von Ahmed. Frauen behalten nach einer Heirat ihre Familiennamen (sprich den Namen des Vaters und ev. des Großvaters).

Titel stehen im Somali, wie auch in Österreich üblich, vor dem Namen. Neben den akademischen Titeln, z. B. Doktor und Ingenieur, werden im Somali auch religiöse Titel wie Sheikh/Sheik oder Haji verwendet. Den Titel Sheik trägt eine Person, die im religiösen Kontext eine wichtige Funktion innehat. Haji darf sich nennen, wer mindestens ein Mal Mekka besucht hat.