So spricht die Wissenschaft

Ohne Englisch läuft heutzutage in Schule und Wissenschaft gar nichts mehr. Aber nur mit Englisch läuft es nicht gut genug. Zu diesem Schluss kommen die Wiener Sprachwissenschaftler Gerlinde Mautner und Rudolf de Cillia und brechen einmal mehr eine Lanze für die Mehrsprachigkeit.

Englische Wörterbücher

Wo in der Wissenschaft über Länder- und Sprachgrenzen hinweg gearbeitet wird, vor allem aber in wissenschaftlichen Publikationen, passiert das heute fast ausschließlich in englischer Sprache. Das Englische wurde quasi zum gemeinsamen Nenner der Fremdsprachenkenntnisse von „Non-natives“ des Englischen erkoren, zeigt Gerlinde Mautner auf ORF ON Science auf. Grund dafür ist, dass wir es an unseren Schulen mit Mehrsprachigkeit zu tun haben, die durch Fremdsprachenunterricht entsteht. Und dieser beschränkt sich großteils auf Zweisprachigkeit:

In der Volksschule lernen 98 Prozent der Kinder im Rahmen der verbindlichen Übung „Lebende Fremdsprache“ Englisch, obwohl auch andere Sprachen laut Lehrplan möglich wären, und in der Sekundarstufe I wird als 1. lebende Fremdsprache nahezu ausschließlich Englisch angeboten. Aber auch in der Sekundarstufe II lernen 60 Prozent der SchülerInnen nur eine Fremdsprache – das Englische. Dabei soll schon seit Jahren die Formel „1+2“ für die Pflichtschule, d. h. zur eigenen Muttersprache noch zwei Fremdsprachen zu lernen, angewandt werden, weist Rudolf de Cillia auf eine EU-Empfehlung aus dem Jahr 1995 hin.

Wissenschaftssprache Englisch

In der Wissenschaft hat man es meist nicht einmal mehr mit Zweisprachigkeit zu tun, sondern oft nur mehr mit Einsprachigkeit in einer Zweit-/Fremdsprache, dem Englischen. Weit über 90 Prozent der

naturwissenschaftlichen Publikationen erscheinen in englischer Sprache. Russisch, Japanisch, Französisch und Deutsch bewegen sich zwischen ein und zwei Prozent. Eine Folge dieser Situation: Forschungsprojekte müssen in der Regel auf Englisch eingereicht werden, skurrile Auswüchse inbegriffen: Deutschsprachige Gutachter verfassen englische Gutachten für von deutschsprachigen Antragssteller auf Englisch formulierte Projektanträge in Disziplinen, in denen Deutsch noch eine vitale Wissenschaftssprache ist.

„Außersprachliche Realität“

Auf die Mehrsprachigkeit in den Wissenschaften zu verzichten, ist problematisch, ist de Cillia überzeugt. Stellt doch jede der hoch entwickelten Wissenschaftssprachen, deren Herausbildung Jahrhunderte gedauert hat, „einen spezifischen Zugriff auf die außersprachliche Realität dar, auf die die Wissenschaft nicht verzichten sollte. Um das zu verdeutlichen: Die Theoriebildung eines Jürgen Habermas oder gar eines Martin Heidegger auf Englisch ist genauso wenig vorstellbar wie die eines Pierre Bourdieu auf Deutsch oder eines Noam Chomsky auf Französisch.“
Ein differenzierterer Umgang mit der lebensweltlichen Mehrsprachigkeit von SchülerInnen und Studierenden sollte daraus folgen, und auch in der Wissenschaft, die derzeit zur Einsprachigkeit in Englisch tendiert, sollte anderen Sprachen wieder ein größerer Stellenwert eingeräumt werden,  sind sich die Sprachwissenschaftler einig.

Quelle: ORF ON Science