„Kompetenz heißt Mehrsprachigkeit”

Interview: Robert Dempfer, Thomas Aistleitner

Die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Diversität und die Verbesserung der Chancengerechtigkeit durch Maßnahmen im Bildungssystem – so definiert Dr. Rüdiger Teutsch eine Aufgabe der Integration. Denn alle LehrerInnen sind auch SprachlehrerInnen, sagt der Bildungsexperte.

Dr. Rüdiger Teutsch
Porträt Dr. Rüdiger Teutsch

Herr Dr. Teutsch, ist Österreich ein Einwanderungsland?
Rüdiger Teutsch: Ja. Und zwar eines mit einer sehr langen Einwanderungstradition.

Ist Österreich dafür zuständig, dass die Kinder in der Schule Deutsch lernen?
Das „Wo” ist nicht so sehr die Frage. Aus meiner Sicht sollen Kinder Deutsch lernen von der Geburt weg bis zumindest dem Ende der Schulpflicht. Den Schwerpunkt sehe ich besonders zwischen dem 3. und  10. Lebensjahr.

Deutsch ist die wichtigste Sprache?
Ich halte es für sinnvoll, dass wir die Kompetenzentwick­lung in der Bildungssprache Deutsch in den Mittelpunkt stellen. Ziel sollte sein, dass jedes Kind im Alter von etwa zehn Jahren über eine altersgemäße Bildungs­sprache verfügt. Es ist mir aber auch wichtig, dass die Erstsprachen der Kinder wertgeschätzt und gefördert werden. Schließlich sind auch Fremdsprachen von Bedeutung. Die Frage nach der wichtigsten Sprache führt immer zu einer Polarisierung, die dem komplexen Prozess der Sprachentwicklung nicht gerecht wird. Sprachen sind aus vielerlei Gründen wichtig, nicht zuletzt auch für die Reflexion und gesellschaftliche Teilhabe. Zum Beispiel, dass Jugendliche mit 16 Jahren ein Qualitätsmedium lesen und verstehen können ...

... und sich für die Entscheidungen in der Wahlzelle eine Meinung bilden kann.

Mir geht es um Citizenship, um Teilhabe, Mitgestal­tung und Verantwortung des Einzelnen in einer Gesellschaft.

Was bedeutet das im Unterricht?
Der Unterricht hat integratives Potenzial. Kinder kommen zusammen, lernen zusammen, leben miteinander in einem öffentlichen Raum, einem gemeinsamen Bildungsraum. Wenn es eine Gruppe gibt, die eine Intensivsprachförderung braucht, dann soll sie die zusätzlich bekommen. Ich glaube aber nicht, dass man eine Gruppe nur wegen mangelnden Deutschkenntnissen getrennt unterrichten muss.

Wie sehen Sie die Rolle der Eltern?
Die Aufgabe der Schule als Dienstleister liegt heute stärker in der Wahrnehmung der Eltern. Früher gab die Schule die Vorgaben. Heute sind Eltern selbstbewuss­ter, legen den Finger auf die Problemzonen und verlangen von der Schule Leistungen.

Liegen unsere Probleme nicht eher bei Eltern, die sich zu wenig Kinder kümmern?

Ich würde die Probleme nicht der einen oder anderen Seite zuordnen. Wir müssen verstehen, warum manche Eltern ihre Kinder weniger fördern können als andere, warum manche Familien viele Bücher zu Hause haben und andere nicht. Wir müssen Eltern als Bildungspartner einladen, die Kommunikation mit ihnen und den Dialog zwischen Schule und Familien stärken.

Können Sie das näher erklären?
Ich wünsche mir einen „Schulderlass“ zwischen den Institutionen. Wir sollten den Wechsel vom Kindergarten in die Volksschule nicht mehr Schnitt­stelle nennen, sondern „begleiteter Übergang“.

Was unterscheidet einen Übergang von einer Schnittstelle?
Wenn ein Kind vom Kindergarten in die Schule kommt, könnte es ein Portfolio mitbringen, in dem es zeigt, was es kann. Bei der Schuleinschreibung könnten Schule und Kindergarten besser zusammenwirken und Fachleute aus der Sprachförderung und der Sonderpädagogik einbeziehen. Es geht um Diagnose und Förderung, nicht um Einordnung in separierte – scheinbar homogene – Gruppen.

Wie wichtig ist muttersprachlicher Unterricht? Man sagt, das Ausbilden der Erstsprache hilft beim Erlernen der Zweitsprache.
Ich trete sehr für den muttersprachlichen Unterricht ein. Aber nicht so sehr als Hilfsunterricht für Deutsch, sondern als eine eigene Kompetenz, die einen Wert an sich hat. Diese Kompetenz heißt Mehrsprachigkeit.

Wie sehen Sie Österreich im internationalen Vergleich?
Wenn ich mit Ländern vergleiche, die ein ähnliches Setting haben, sehe ich, dass Deutschland seine muttersprachlichen LehrerInnen aus anderen Ländern rekrutiert, die nur zum Unterrichten kommen und eher Kulturbotschafter ihrer Herkunftsländer sind als dass sie in den interkulturellen Verständigungsprozess eingreifen. Wir dagegen machen den muttersprachlichen Unterricht mit bei uns lebenden und bei uns ausgebildeten Profis. Da hat Österreich ein gutes Modell.

Ein Gedankenspiel: Sie haben ein Gesetz frei. Was würden Sie beschließen?
Ich wünsche mir eine durchgängige Sprachförderung vom 3. bis zum 18. Lebensjahr, in der Erstsprache, in der Bildungssprache und in Fremdsprachen. Verwirklicht durch SprachberaterInnen, die in den Schulen den Bedarf jedes einzelnen Kindes erkennen.