1. Kurzer Überblick über die Sprache

1.1 Wie die Sprache genannt wird

Die armenische Sprache wird von ihren SprecherInnen Հայերեն/Hajeren genannt, die Eigenbezeichnung der Armenier lautet հայ/ hay und das Land wird als Հայաստան/Hajastan bezeichnet. Zur Etymologie dieser Bezeichnungen existieren verschiedene Meinungen: So sehen einige SprachwissenschaftlerInnen darin eine Ableitung von indoeuropäisch poti, was Herrscher bedeutet, während andere in hay den Reflex des altanatolischen Ethnonyms hatti (Hatten) oder der ebenfalls altanatolischen Regionalbezeichnung haiasa (in Ostanatolien vermutet) sehen. Die europäische Bezeichnung Armenisch, Armenier, Armenien geht auf die griechisch-iranische Benennung der Region (Armina) zurück.

1.2 Wo Armenisch gesprochen wird: Eckdaten zu SprecherInnen und Sprache

Zur Zahl der SprecherInnen mit Armenisch als Muttersprache gibt es unterschiedliche Angaben, die zwischen 6,5 und 9 Millionen variieren. Die Differenz kommt unter anderem daher, dass manche Quellen eine ethnische Selbstzuordnung und andere tatsächliche Sprecherzahlen zur Grundlage ihrer Schätzungen nehmen. Die größte Gruppe bilden die unterschiedlichsten Gemeinden der armenischen Diaspora. So können folgende Zahlen als Annäherungswerte betrachtet werden: Republik Armenien und Bergkarabach derzeit etwa 3 Mio. (Amtssprache), Russische Föderation 2 Mio., USA 1 Mio., Frankreich 400.000, Iran 180.000, Syrien 130.000, Libanon 120.000, Turkmenistan 60.000, Türkei 40.000, Kasachstan 20.000. Zu Österreich liegen keine verlässlichen Angaben vor.

Zur Genese der armenischen Sprache

Die altarmenische Sprache entstand wahrscheinlich in der Zeit um 1.000 v. Chr., allerdings gibt es keine schriftlichen Dokumente aus der vorchristlichen Zeit. Im 7. Jahrhundert v.Chr. hatte das Armenische großteils die älteren Sprachen des historischen Armenien verdrängt. Unter der Herrschaft des Königs Artasches I. (189–160 [?] v. Ch.) kam es zum ersten Versuch einer Einigung aller „armenischsprachigen“ Regionen, was die Entwicklung eines sprachbasierten Nationalbewusstseins begünstigte. Diese Entwicklung sowie ständige Konflikte zwischen dem Römischen Reich, den Sassaniden und den lokalen armenischen Herrschern (Dynastie der Arschakiden) ebneten den Weg für das Eindringen des Christentums als Medium der kollektiven Identitätsbildung. So wurde das Christentum im Jahre 301 unter dem König Trdat III. zur Staatsreligion. Die Verankerung der christlichen Religion hatte die endgültige Stabilisierung des Armenischen in der Region zur Folge und machte die Sprache zu einem wichtigen Identitätsfaktor. Auch die Schaffung der armenischen Schrift zur Übersetzung der Bibel ins Armenische steht damit im Zusammenhang. Mit dieser Aufgabe wurde der Hofschreiber und Mönch Մեսրոբ Մաշտոց / Mesrop Maschtoz betraut, der im 5. Jahrhundert das armenische Alphabet schuf und zusammen mit dem Katholikos Sahak die Bibel ins Armenische übersetzte.

Zugehörigkeit zu größeren Sprachgruppen und Sprachformen

Die armenische Sprache bildet innerhalb der indoeuropäischen Sprachfamilie einen eigenständigen Zweig. Sie weist etymologische Ähnlichkeiten mit dem Griechischen auf, enthält viele Entlehnungen aus den iranischen Sprachen (Parthisch, Mittelpersisch, Farsi), dem Französischen und dem Lateinischen und wurde im Laufe der Geschichte auch von (süd)kaukasichen Sprachen beeinflusst. Seit dem späten 19. Jahrhundert ist der Einfluss des Russischen auf das (Ost)Armenische stark präsent.

Man unterscheidet drei Sprachformen des Armenischen:

  1. Altarmenisch (Գրաբար – auch Grabar genannt), das seit dem 5. Jahrhundert in Schriftzeugnissen vorliegt. Als Literatursprache wurde es bis ins 19. Jahrhundert hinein verwendet und im kirchlichen Bereich ist es auch heute noch in Gebrauch (z.B. im Gottesdienst). In dieser Sprache wurde eine reichhaltige Literatur zu theologischen Themen, geschichtlichen Ereignissen, Poesie und Epik überliefert.
  2. Ostarmenisch (Արեւելյան հայերեն – Areweljan Hajeren), die Amtssprache der Republik Armenien und der international nicht anerkannten Republik Bergkarabach. Diese Varietät wird auch von der armenischen Gemeinschaft im Iran, in Russland und in den anderen Nachfolgestaaten der ehemaligen UdSSR gesprochen.
  3. Westarmenisch (Արեւմտեան հայերէն – Arewmtjan Hajeren), das ursprünglich in Anatolien beheimatet war, wird nach der Vertreibung der Armenier aus dem Osmanischen Reich noch von vielen Armeniern in der Diaspora gesprochen, vor allem im Libanon, in Frankreich und den Vereinigten Staaten.

Sprachliche Situation

Durch seine zweifache Repräsentation kann Armenisch als eine plurizentrische Sprache gesehen werden. Die Unterschiede zwischen Ost- und Westarmenisch haben historischen Ursprung. So wurde in der ersten Hälfte des 19. Jh. in Ostarmenien von den Schriftstellern Chatschatur Abovyan und Mikayel Nalbandyan eine Annäherung an die Umgangssprache und damit eine Abkehr von Altarmenisch initiiert, und der Erevaner Dialekt sowie der Dialekt der Ararat-Ebene wurden zur Grundlage für die Kodifizierung der neuen Schriftsprache genommen, wohingegen die Diaspora das Armenische von Istanbul zur Grundlage der Schriftsprache machte. Zu weiteren Faktoren zählen die westarmenische Lautverschiebung, wodurch stimmlose nicht-aspirierte Konsonanten aus dem Westarmenischen verschwunden sind, und die Rechtschreibreform des Ostarmenischen, welche in den Jahren 1922–1924 in der armenisch-sowjetischen Republik durchgeführt wurde.

Die meisten Unterschiede zwischen diesen beiden Sprachformen des Armenischen entfallen somit auf die Bereiche der Phonologie, der Orthographie sowie der Morphologie. Morphologische Unterschiede betreffen z.B.:

  • die Deklination (so hat das Ostarmenische mit 7 Kasus um einen Kasus mehr als das Westarmenische) die Bildung der Zeitformen (so wird das Präsens im Westarmenischen mit der Vorsilbe ke- gebildet, während im Ostarmenischen das Suffix -um vor den Personalendungen steht)
  • Personalpronomen und ihre Deklination


Außerdem existieren lexikalische Divergenzen, vor allem in der Umgangssprache sowie z.B. in der Sprache der Wissenschaft und Technik. Das ist vor allem auf den Einfluss des Russischen auf das Ostarmenische zurückzuführen. So enthält das Ostarmenische zahlreiche Kalkierungen (Glied-für-Glied-Übersetzungen) aus dem Russischen, z. B.: Ostarmenisch: ինքնաթիռ (wörtlich: Selbstflieger, wie auch im Russischen самолёт), Westarmenisch: օդանավ (wörtlich: Luftschiff).

Im Allgemeinen kann man aber davon ausgehen, dass die oben genannten Unterschiede die Verständigung zwischen den SprecherInnen dieser beiden Sprachformen nicht stärker beeinflussen als Unterschiede zwischen den jeweiligen regionalen Dialekten.

Die verschiedenen Dialekte des Westarmenischen auf dem Territorium der Türkei sind heute schwer zu erfassen. Das Ostarmenische gliedert sich in folgende regionale dialektale Gruppen: Choj-Maragha im Südosten, Ararat im Nordosten, Karabach-Schemancha im Osten und die Agulis-Meghri-Gruppe. Bestimmend ist der Erevaner Dialekt der Ararat-Gruppe, auf dem die ostarmenische Schriftsprache basiert.

1.3 Sprachbrücken Armenisch Deutsch (Englisch)

Durch die gemeinsame indoeuropäische Herkunft weisen diese Sprachen einzelne etymologische Ähnlichkeiten auf, wie z.B: դուռ/dur – Tür, door; դոստր/dustr – Tochter, daughter. Viele Wörter deutscher, englischer oder auch französischen Herkunft haben allerdings erst durch das Russische Einzug ins (vor allem Ost-)Armenische gefunden.

1.4 Namen und Anrede

Das Charakteristische für armenische Familiennamen ist die Endung յան, häufig transliteriert als -yan, oder auch -ian. Weitere Endungen sind ունց/unc, ունի/uni, die allerdings weniger häufig vorkommen. Charakteristisch ist auch die Vorsilbe Տեր/ter, was Herr bedeutet. Die Familiennamen leiteten sich oft vom Beruf, von der geographischen Herkunft oder auch vom Vornamen des Vaters der betreffenden Person ab. So heißt Պետրոսյան/Petrossian „Sohn von Petros“, Եղոյան/Yeghoyan deutet auf den Beruf eines Ölpressers hin. Häufige Familiennamen im Armenischen sind z.B: Առաքելյան/Arakelyan, Բաղդասարյան/Baghdassaryan, Հայրապետյան/Hayrapetyan, Սարգսյան/Sargsyan, Տաթեւոսյան/Tatevossyan.

Bei der Anrede wird zwischen der formellen und informellen Ebene deutlich unterschieden. So werden Personen im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis eher geduzt und mit dem Vornamen angesprochen. Dabei wird häufig an den Vornamen oder auch an die Bezeichnung des Angehörigen (z. B.: Bruder, Schwester, Oma – aber auch Freund usw.) das Wörtchen ջան/dschan angehängt, was ein Ausdruck von Zuneigung ist und in etwa mit den deutschen Diminutiva vergleichbar wäre. So würde eine liebevolle Anrede an die Mutter մայրիկ ջան, an eine Person Namens Tigran Տիգրան ջան lauten. Fremde Menschen werden im informellen Kontext (z.B. auf der Straße) mit Mutter (ältere Frauen), Tante oder Onkel, Bruder oder Schwester, Sohn oder Tochter angesprochen.

Im formellen Kontext sind տիկին/tikin (Frau) und der Familienname sowie պարոն/paron (Herr) und der Familienname als Anrede üblich. Weiters werden teilweise immer noch (vor allem von älteren Menschen) օրիորդ/oriord als Anrede für eine junge Frau und երիտասարդ/yeritasard für einen jungen Mann benutzt. Weniger im Gebrauch ist heute die in der sowjetischen Zeit übliche Anredeform ընկեր/enker (Genosse) in Verbindung mit dem Familiennamen.