1. Kurzer Überblick über die Sprache

1.1 Wie die Sprache genannt wird

Magyar, magyar nyelv, magyarul

magyar (Hauptwort) – Ungar, Madjare, Magyare / Ungarin, Madjarin, Magyarin

magyar (Adjektiv) – ungarisch, madjarisch, magyarisch
magyar nyelv – die ungarische Sprache
magyarul (Adverb) – ungarisch

Én beszélek magyarul. – Ich spreche Ungarisch.
Ön beszél magyarul? – Sprechen Sie Ungarisch?

Die heute verwendeten Formen (H)ungarus, (H)ungarn, Uhri, Vengry, Hungarian, Hongrois usw. gelangte durch germanische Vermittlung in die europäischen Sprachen. Das Wort lässt sich auf die bulgarische Stammesbezeichnung onogur (on = zehn + ogur = Stamm) zurückführen, die dadurch entstand, dass die Vorfahren der Ungarn im 5. und 6. Jahrhundert in enger Verbindung mit dem Onogurenreich lebten, dessen führender Stammesverband Onoguren hieß.

Die Selbstbezeichnung der Ungarn – „magyar“ – leitet sich von einem ihrer sieben Stammesfürsten aus der Zeit ab, die von den Ungarn als „Landnahme“ bezeichnet wird; jene Zeit also, in der die Ungarn im Karpatenbecken einmarschierten, um schließlich sesshaft zu werden. Nach Historikermeinung muss diese „Landnahme“ zwischen 888 und 900 erfolgt sein. Dass man heute offiziell von 896 spricht, geht auf die Millenniumsfeierlichkeiten Ende des 19. Jahrhunderts zurück.

„Megyer“ oder „Mogyer“ soll der namensgebende Fürst geheißen haben. Demnach ließe sich das Wort „Magyar“ als „die von unserem Stamme sind“ erklären.

Das Wort magyar (früher megyeri) ist heute die Selbstbezeichnung der Magyaren. Es taucht schon im 9. und 10. Jahrhundert in muslimischen Quellen auf. Es ist wahrscheinlich ein Kompositum aus magy (< ugrisch *mańćε = Mensch, Mann, Geschlecht) und er(i) (ebenfalls Mensch, Mann, Geschlecht). Andere Forscher behaupten, dass das Wort magyar ursprünglich „Männer der Erde“ bedeutete.

1.2 Wo Ungarisch gesprochen wird: Eckdaten zu SprecherInnen und Sprache

Die ungarische Sprache gehört zum ugrischen Zweig der zur uralischen Sprachfamilie zählenden finno-ugrischen Sprachen und wird auch Magyarisch genannt. Ursprünglich wurde die Sprache in den Gebieten östlich des Urals gesprochen. Heute ist es die Staatssprache Ungarns, wird aber auch in den angrenzenden Ländern von Minderheiten gesprochen. Das ungarische Sprachgebiet weist nur relativ geringe dialektale Unterschiede auf, die hauptsächlich auf der phonetischen Ebene liegen.

Ungarisch (magyar nyelv) wird weltweit von knapp 14 Millionen Menschen als (eine) Erstsprache gesprochen. Der größte Teil davon lebt in Ungarn (etwa 9,5 Millionen), weitere 2,4 Millionen als große Minderheiten seit 1918 außerhalb Ungarns in den Nachbarländern Rumänien (Erdély, Siebenbürgen, Transsylvanien), Slowakei, Tschechien, Slowenien, Kroatien, Serbien (Vajdaság Vojvodina), Ukraine (Kárpátalja), Österreich, Deutschland usw. sowie ca. 2,1 Millionen in Israel, Südamerika und Nordamerika. Ungarisch ist seit 2004 (Beitritt Ungarns zur EU) eine EU-Sprache.

Die Szekler (ungar. Székely, Plural Székelyek) sind eine besondere Gruppe, die in Siebenbürgen (Rumänien) lebt und einen eigenen ungarischen Dialekt spricht. Ihre Zahl liegt bei rund 670.000. fast in Vergessenheit geratene ethnische und sprachliche Minderheit Rumäniens, die auch heute noch in sehr bescheidenen Verhältnissen lebt, sind Csángós(sprich: Tschangos) in der Moldau.

Wie alle finno-ugrischen Sprachen ist das Ungarische eine agglutinierende Sprache: Ein Wort besteht aus einem Stamm, an den ein oder mehrere Suffixe angehängt werden. Dem Ungarischen am nächsten stehen die am Fluss Ob in Nordwestsibirien gesprochenen uralischen Sprachen Vogulisch und Ostjakisch. Im Lauf der Zeit nahm Ungarisch zahlreiche Lehnwörter auf, zunächst vor allem aus den Turksprachen, den iranischen Sprachen und den kaukasischen Sprachen. Nach 900 wurden auch Wörter aus slawischen Sprachen, dem Türkischen, dem Deutschen und einigen romanischen Sprachen übernommen. Mit dem Türkischen teilt die ungarische Sprache nicht nur eine Reihe gemeinsamer Wörter und Namensbezeichnungen, sondern auch den agglutinierenden Sprachaufbau.

Der früheste erhaltene Text in ungarischer Sprache ist die so genannte „Leichenrede“ (Halotti Beszéd) aus dem 13. Jahrhundert. In der frühen Zeit war auch die Keilschrift róvásírás in Verwendung, die von rechts nach links gelesen wurde. 19. Jahrhundert wurden von Spracherneuerern zahlreiche Fachbegriffe geschaffen, um den Anschluss an westeuropäische Technik, Naturwissenschaft und Philosophie zu sichern.

Die uralischen Sprachen (also auch Ungarisch und Finnisch) haben komplexe Fallsysteme (15 im Finnischen, 17 im Ungarischen gegenüber 6 im Lateinischen und noch weit weniger in anderen indoeuropäischen Sprachen). Mit diesen Fällen werden z. B. räumliche Bezeichnungen wie „hinauf“ und „weg von“ ausgedrückt, die man in anderen Sprachen mit Präpositionen umschreibt. (Quelle: Weikopf: Sprachfamilien)

1.3 Sprachbrücken Ungarisch – Deutsch

Zwischen der deutschen und der ungarischen Sprache besteht seit Jahrhunderten ein enger Sprachkontakt. Im westlichen Teil von Ungarn leben noch heute deutsche Minderheiten (z. B. Sopron-Umgebung: Ágfalva/Agendorf, Fertőrákos/Kroisbach).

Eine bedeutende Anzahl von Ungarischsprachigen lebt in Österreich vor allem in der Hauptstadt Wien. Im Burgenland, insbesondere in den vier Ortschaften Oberpullendorf (Felsőpulya), Oberwart (Felsőőr), Siget in der Wart (Őrsziget) und Unterwart (Alsóőr), sind autochthone Burgenlandungarn beheimatet.

Ein aktuelles EU-finanziertes Forschungsprojekt (ELDIA) soll demnächst genauere Zahlen zur Ungarisch sprechenden Bevölkerung in Österreich ermitteln. Die Zahl wird auf 50.000 bis zu 100.000 geschätzt.

Die deutsche Sprache hat vom 16. bis zum 19. Jahrhundert deutliche Spuren im Ungarischen hinterlassen. Viele Wörter wurden dem Deutschen zunächst entlehnt und dann ungarisiert. Man findet auch eine ganze Reihe von Sprichworten und Redewendungen, die im  deutschen Sprachraum bekannt sind.

Grund für diese reiche Fülle an deutschen Wörtern in der ungarischen Sprache ist, außer der geografischen Nähe, eine jahrhundertelange geschichtliche Beziehung, die ihren Ausdruck zwischen 1867 und 1918 in der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie fand. In der Vergangenheit war es in Ungarn durchaus üblich, dass gebildete Leute untereinander Deutsch sprachen, und die meisten wissenschaftlichen Werke erschienen in Ungarn in früherer Zeit in deutscher Sprache.

Hier einige Beispiele für deutsche Lehnwörter:
bál (Ball)
bódé (Bude)
börze (Börse)
dajer/dauer (Dauerwelle)
drót (Draht)
eszcájg (Esszeug = Besteck) (veralt.)
fácán (Fasan)
früstök/früstökölni (Frühstück/frühstücken) (veralt.)
giccs (Kitsch)
kóstolni (kosten)
koffer (Koffer)
kuncsaft (Kundschaft) (umgangssprachlich)
mester (Meister)
muszáj (muss sein)
nokedli (Nockerl)
paradicsom (Österreich: Paradeiser = Tomate)
pech (Pech = Unglück)
prézli (Brösel = Semmelbrösel)
saccolni (schätzen)
sámli (Schemel)
seftelni (Geschäfte machen)
snidling (Schnittlauch)
tusolni (duschen)
vekker (Wecker)
vicc (Witz)
vigéc („Wie geht's?“ = Keiler, Werber) (veralt.)
vircsaft (Wirtschaft) – im Sinne von etwas treiben (umgangssprachlich)
virsli (Würstel)
zihereisztű (Sicherheitsnadel) (veralt.)
zsemle (Semmel)

Einige ungarische Lehnwörter im Deutschen:
Husar – huszár
Puszta – puszta
Gulasch – gulyás
Tollpatsch – talpas

1.4 Namen und Anrede

Personennamen werden im Ungarischen nicht wie im Deutschen angegeben. Der Familienname steht an der ersten Stelle, dann der Vorname, z. B. Szabó István.
Eine ungarische Frau stelllt sich z. B. als Szabó Istvánné vor. Das Suffix „-né” bedeutet: die Frau von ...