1. Kurzer Überblick über die Sprache

1.1 Wie die Sprache genannt wird

  1. ukrajins’ka mova
  2. [ukrajinska mowa]
  3. українська мова – die ukrainische Sprache


Die Sprachbeispiele werden in diesem Sprachsteckbrief in drei verschiedenen Schreibweisen angegeben:

  1. ist die so genannte „wissenschaftliche Bibliothekstransliteration“, d. h. die normierte Wiedergabe der ukrainischen Buchstaben durch lateinische Buchstaben;
  2. ist eine populäre (nicht wissenschaftliche) lautliche Umschrift, die sich in der Praxis für Deutschsprechende bewährt hat – diese Aussprachehilfe wird hier in eckige Klammern gesetzt, die Betonungsstelle ist durch Fettdruck gekennzeichnet;
  3. ist die Schreibweise in ukrainischen Buchstaben (zur ukrainischen Schrift siehe 2.2.).


Ja rozmovl'aju ukrajins’koju (mowoju). [Ja rosmowljaju ukrajinskoju (mowoju).] – Ich spreche Ukrainisch. Я розмовляю українською (мовою).

1.2 Wo Ukrainisch gesprochen wird: Eckdaten zu SprecherInnen und Sprache

Ukrainisch ist nach dem Russischen und Polnischen die drittgrößte slawische Sprache. Die Zahl der Personen mit ukrainischer Muttersprache wird auf ca. 40–42 Millionen geschätzt, davon leben ca. 30 Millionen in der Ukraine; durch Migrationsbewegungen im zaristischen Russland und in der Sowjetunion sowie durch Grenzverschiebungen im 20. Jahrhundert gibt es bedeutende Bevölkerungsanteile mit ukrainischer Muttersprache in Russland, Belarus und Kasachstan sowie kleinere Gruppen in Polen, in der Slowakei, in Moldawien, in Rumänien, in Kanada, in den USA, in Brasilien und in Argentinien.

Ukrainisch ist die offizielle und einzige Amtssprache der Ukraine (seit 1996 in der Verfassung festgelegt).

In Österreich ist Ukrainisch vor allem in Wien sowie in touristischen Zentren in Salzburg, Tirol und Kärnten zu hören. Eine starke Migration von Arbeitskräften mit ukrainischer Muttersprache gibt es nach Italien, Portugal, England und Polen.

Unter den slawischen Sprachen bildet Ukrainisch zusammen mit Russisch und Weißrussisch die Untergruppe der ostslawischen Sprachen und weist eine Reihe von Gemeinsamkeiten mit den anderen Sprachen dieser Untergruppe auf. Es gibt eine Reihe von dialektalen Unterschieden innerhalb des Ukrainischen; die ukrainische Standardsprache wird innerhalb und außerhalb der Ukraine als gemeinsame Norm anerkannt. Eine Besonderheit der Umgangssprache in der Ukraine ist das Bestehen einer Sprachmischung des Ukrainischen mit dem Russischen, der so genannte Surschyk.

Erste bekannte schriftliche Dokumente einer ostslawischen Literatursprache datieren aus dem 12. Jahrhundert. Die heute bekannte ukrainische Literatursprache entwickelte sich ab dem Ende des 18. Jahrhunderts und erreichte einen ersten Höhepunkt in der Mitte des 19. Jahrhunderts durch den Klassiker der ukrainischen Literatur, Taras Schewtschenko. Restriktionen zur Verwendung des Ukrainischen im zaristischen Russland bremsten die weitere Entwicklung. In der heutigen Westukraine, dem historischen Galizien, hatte das Ukrainische unter österreichischer Herrschaft bessere Entwicklungsbedingungen, insbesondere im Zentrum Lemberg / L'viv. In diese Zeit fällt auch das Wirken eines zweiten bedeutenden Dichters des 19. Jahrhunderts, Iwan Franko, der u. a. in Wien Slawistik studierte. Während der kurzen Zeit von Versuchen zur Gründung eines ukrainischen Nationalstaates nach dem 1. Weltkrieg war Ukrainisch erstmals Amtssprache und in der Folge neben Russisch die zweite offizielle Sprache der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik.

Das kyrillische Alphabet der ukrainischen Standardsprache in der heute verwendeten Form wurde im Jahr 1993 normiert. Davor gab es eine Reihe von Orthographiereformen (in sowjetischer Zeit z. B. 1933).

Die gute Beherrschung der ukrainischen Schriftsprache durch alle BürgerInnen der heutigen Ukraine stellt ein wichtiges Ziel der staatlichen Bildungspolitik dar. Aufgrund der multiethnischen Zusammensetzung der Ukraine gibt es einen bedeutenden Bevölkerungsanteil mit russischer Mutter- oder Umgangssprache (ca. 10 Millionen). Als zahlenmäßig bedeutende Minderheitensprachen sind in der Ukraine neben Rusinisch (einer kleinen slawischen Sprache in den Karpaten) auch Rumänisch, Bulgarisch, Ungarisch und Polnisch vertreten sowie Sprachen der Völker der ehemaligen Sowjetunion, darunter vor allem Tatarisch, Belarussisch und Armenisch. Zu den kleineren Minderheitensprachen zählen u. a. Romani, Griechisch, Georgisch und Deutsch.

1.3 Sprachbrücken Ukrainisch – Deutsch, Französisch, Englisch

Zum Deutschen: [farba] Farbe, [majster] Meister, [schtab] Stab, [schtraf] Strafe, [zukor] Zucker
Zum Französischen: [walisa] valise, [asambleja] assemblée, [awantjura] aventure, [ekipasch] équipage, [schofer] chauffeur, [schose] chaussée, [turne] tournée
Zum Englischen: z. B. [mitynh] meeting und zahlreiche Internationalismen.

Zwischen der deutschen und der ukrainischen Sprache bestand nur relativ wenig und zeitlich begrenzter Sprachkontakt. Eine wichtige Rolle spielten Wechselbeziehungen des Ukrainischen mit den beiden großen slawischen Nachbarsprachen, dem Polnischen (in der Westukraine) und dem Russischen (in der Ostukraine). Dementsprechend groß sind die Anteile von polnischen und russischen Lehnwörtern im ukrainischen Wortschatz.

1.4 Namen und Anrede

Personennamen werden im Ukrainischen anders als im Deutschen angegeben. Die volle Namensform setzt sich aus Vorname, Vatersname und Familiename zusammen:

Mann:
Vоlоdymyr Volodymyrovyč Makarenko / Vorname des Vaters: Volodymyr
Володимир Володимирович Макаренко
[Wоlоdymyr Wolodymyrovytsch Makarenko]

Frau:
L'udmyla Oleksandrivna Makarenko / Vorname des Vaters: Oleksandr
Людмила Олександрiвна Макаренко
[Ljudmyla Oleksandriwna Makarenko]

Typische ukrainische Familienamen enden auf -енко [-enko]. Bei Familiennamen mit anderen Endungen, z. B. mit -iн/-iна [-in/-ina], -iв/-iва [-iw/-iwa] und -ський/-ськая
[-skyj/-skaja] unterscheiden sich die Namen von Mann und Frau in der Endung.

Bei höflicher Anrede mit sozialer Distanz und beim Erzählen über Personen werden Vor- und Vatersname verwendet. In der Anrede steht dabei der sogenannte Vokativ-Fall:

Володимирe Володимировичу, скажiть, будь ласка, … – …, sagen Sie, bitte, …
[Wоlоdymyre Wolodymyrovytschu, skaschiz, bud laska …]

Von und gegenüber AusländerInnen wird der Familienname in Verbindung mit Herr пан [pan] bzw. Frau панi [pani] verwendet, in der Anrede in der Vokativform:

Панe Бергерe, вибачте, будь ласка, …    ..., entschuldigen Sie, bitte, …
[Pane Bergere, wybatschte, bud laska … ]

In der Anrede sozial gleichgestellter GesprächspartnerInnen und beim Erzählen ohne soziale Distanz wird der Vorname gebraucht, häufig in einer abgewandelten Form, die persönliche Vertrautheit ausdrückt:

Володимир – Володя – Вова – Вовчик
[Wolodymyr – Wolodja – Wowa – Woftschyk]

Людмила – Люда – Мила – Людочка
[Ljudmyla – Ljuda – Myla – Ljudotschka]

Im Ukrainischen wird zwischen ,du’ ти [ty] und der Höflichkeitsform ,Ihr’ Ви [Wy] unterschieden. Die Anwendung der beiden Formen entspricht weitgehend dem Deutschen.