1. Kurzer Überblick über die Sprache

1.1 Wie die Sprache genannt wird

Romanes und Romani sind die allgemein gebräuchlichen Bezeichnungen für die Sprache der Roma, Sinti, Kale und aller anderen europäischen Bevölkerungsgruppen, die eine indische bzw. indoarische Sprache sprechen oder gesprochen haben und die häufig unter der meist abwertend verwendeten Bezeichnung ‚Zigeuner‘ zusammengefasst werden:

  • Die von einem Adverb abgeleitete Bezeichnung Romanes wird hauptsächlich im deutschsprachigen Raum verwendet: z.B. Džanes romanes? „Kannst du ‚roma‘?“ Auch die meisten Roma selbst nennen ihre Sprache Romanes.
  • Bei der Bezeichnung Romani handelt es sich um ein substantiviertes Adjektiv: romani čhib ‚Roma-Zunge, Roma-Sprache‘. Romani, in englischen Texten häufig auch Romany geschrieben, wird international verwendet.
  • Roman ist die Eigenbezeichnung der Burgenland-Roma für ihre Romani-Varietät. Die Gruppe der Sinti bezeichnet ihre Varietäten als Rómanes (Betonung auf dem ó) oder Sintitikes.

In weiterer Folge wird ausschließlich Romani verwendet. Einzelne Varietäten werden als Burgenland-Romani, Kalderaš-Romani, Lovara-Romani, Sepečides-Romani, Sinte-Romani, Ursari-Romani etc. bezeichnet.

1.2 Wo Romani gesprochen wird: Eckdaten zu SprecherInnen und Sprache

Anzahl der Romani-SprecherInnen
Fundierten Schätzungen zufolge leben in Europa 8–12 Millionen Roma, von denen ungefähr 6–10 Millionen Romani sprechen. Verlässliche SprecherInnenzahlen liegen aber nicht vor.

Namen und Bezeichnungen der SprecherInnen – Roma, Sinti, Kale etc.
Das Ethnonym Roma (auch Řoma) ist der Plural von Rom (Řom) ‚Ehemann, Mann‘. Die meisten Gruppen verwenden Rom und Romni sowohl als Verwandtschaftsbezeichnungen mit der Bedeutung ‚Ehemann‘ bzw. ‚Ehefrau‘ als auch als allgemeine Bezeichnung für Personen, die zur Gruppe gehören – Rom ‚Mann‘, Romni ‚Frau‘. Bei den Sinti beispielsweise fehlen letztere Bedeutungen jedoch, weshalb Roma als Allgemeinbezeichnung für die meisten Sinti nicht akzeptabel ist. Um allgemein verbreiteten Irrtümern entgegenzuwirken, sei angemerkt, dass Rom nicht ‚Mensch‘ bedeutet. Für ‚Mensch‘ steht manuš.
Einige Gruppen bezeichnen sich selbst als Sinti, Manuš, Romaničal und Kale. Die Bezeichnung Sinti verwenden Gruppen, die relativ früh in den deutschsprachig-mitteleuropäischen Kulturkreis gekommen sind. Als Manuš bzw. Manouche bezeichnen sich die heute in Frankreich lebenden Sinti. Romaničal findet man häufig bei britischen oder britisch-stämmigen Gruppen, die z.T. aber auch das Ethnonym Gypsies für sich beanspruchen. Unter Kale ‚Schwarze‘ versteht man primär zwei Gruppen: die bereits lange auf der iberischen Halbinsel lebenden Calé bzw. die lange in Skandinavien (Finnland, Schweden) ansässigen Kaale. Roma steht für alle in Zentral- und Osteuropa beheimateten bzw. im 19. und 20. Jhdt. von dort nach Westeuropa und Übersee ausgewanderten Gruppen.
Andere gruppenspezifische Bezeichnungen beziehen sich auf die traditionellen Beschäftigungen ihrer Träger und wurden aus anderen Sprachen übernommen. Beispiele dafür sind Kalderaš ‚Kupferschmiede‘ (von Rumänisch căldărar), Sepeči ‚Korbflechter‘ (von Türkisch sepetçi), Bugurdži ‚Bohrermacher‘ (von Türkisch bugurcu), Arli oder Erli ‚sesshaft‘ (von Türkisch yerli) und Lovara ‚Pferdehändler‘ (von Ungarisch lo ‚Pferd‘).
Nicht-Roma werden im Romani normalerweise als gadže (Pl.) bezeichnet (gadžo ‚Nicht-Roma-Mann‘, gadži ‚Nicht-Roma-Frau‘). Dies ist eine alte Bezeichnung für Nicht-Gruppenangehörige. In einigen Gegenden werden auch andere Bezeichnungen verwendet. Am Balkan werden Muslime (inklusive Türken und Albaner) von den Roma als Xoraxane-Roma bezeichnet.

Herkunft der Roma
Durch linguistische Evidenz gilt es als erwiesen, dass die Roma ursprünglich aus Indien kamen und über Persien, Armenien und Kleinasien, das Teil des Byzantinischen Reichs war, nach Europa zogen. Da historische Dokumente fehlen, lässt sich nur grob rekonstruieren, dass die Roma den indischen Subkontinent zwischen dem 3. und 10. Jahrhundert verlassen haben – eine genauere Datierung ist nicht möglich. Aus demselben Grund gibt es nach wie vor zahlreiche Diskussionen zur Frage der Herkunft der Roma, die von wissenschaftlichen Theorien bis hin zu wilden Spekulationen reichen.
Nach ihrer Ankunft in Europa im 15. Jahrhundert verteilten sich einzelne Roma-Gruppen im Laufe der Jahrhunderte über die verschiedenen Länder Europas und wanderten im Zuge späterer Migrationsbewegungen teilweise bis nach Nord- und Südamerika und Australien. Die Geschichte dieses Volkes ist von jahrhundertelanger Diskriminierung, Stigmatisierung und Verfolgung geprägt, deren negativen Höhepunkt schließlich der Nazi-Genozid darstellt.
Für genauere Ausführungen zur Geschichte der Roma sei an dieser Stelle auf Quellen mit detaillierteren Informationen verwiesen (z.B. http://romafacts.uni-graz.at).

Soziolinguistische Situation des Romani
Romani ist eine bis in die jüngste Zeit nicht verschriftlichte, ausschließlich mündlich tradierte Sprache, die keinen kodifizierten Standard und folglich auch keinerlei präskriptive Normen entwickelt hat. Diese sprachliche Situation ist ein Reflex der soziopolitischen Situation der Roma, Sinti und Kale: politisch, wirtschaftlich und kulturell marginalisiert, ethnisch stigmatisiert, diskriminiert und bis zum Genozid verfolgt, war ein Überleben nur in Kleingruppen möglich, woraus auch die bis heute bestehende geographische und soziale Heterogenität resultiert. Aufgrund dessen fiel und fällt es den Betroffenen auch schwer, politisch-ökonomische Großstrukturen aufzubauen oder an politischer und wirtschaftlicher Macht teilzuhaben. Berücksichtigt man, dass Standard-Varietäten in der Regel Folge der Herausbildung politisch-ökonomischer Machtzentren sind, wird klar, warum das Romani über keinen kodifizierten Standard verfügt und, u.a. auch aufgrund der erwähnten sprachlichen Heterogenität, in absehbarer Zeit voraussichtlich keinen allgemein akzeptierten Standard wird entwickeln können.
Für die meisten Roma ist ihre jeweilige Romani-Varietät in der Regel auf die gruppeninterne Kommunikation und somit nur auf bestimmte Domänen beschränkt (d.h. auf den privaten/informellen Kontext, also vor allem auf den familiären Rahmen und den engen Freundeskreis). Das Romani fungiert in erster Linie als Intimvariante, seine Sprecher sind in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle zwei- oder mehrsprachig und verwenden die Sprache der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung in der gruppenübergreifenden Kommunikation, in öffentlichen und zumeist auch in halböffentlichen Domänen (d.h. im Kontakt mit Behörden, in der Schule bzw. im Kontakt mit Bekannten, am Arbeitsplatz etc.).
Diese Beschränkung in den Funktionsdimensionen im Zusammenhang mit dem fehlenden Standard und der „Schriftlosigkeit“ sind die Hauptgründe dafür, dass Romani nicht nur bei der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung über geringes Prestige verfügt, sondern dass auch viele Roma ihre eigene Sprache im Vergleich mit der Sprache der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung als minderwertig betrachten. Geringes Sprachprestige, Domänenreduktion, Bilingualismus und Assimilationsdruck seitens der Mehrheitskultur machen das Romani zu einer „dominierten Sprache“, woraus Sprachkontakt- und Sprachabbauphänomene – von lexikalischen Entlehnungen aus der Mehrheitssprache bis zu Monolingualismus, Sprachverlust bzw. der Aufgabe des Romani zugunsten der Mehrheitssprache – resultieren.
Dennoch zeigen die verschiedenen Varietäten – auch wenn man die Marginalisierung ihrer SprecherInnen berücksichtigt – eine erstaunliche Vitalität, die hoffen lässt, dass das Romani weiterhin zur sprachlichen und damit auch kulturellen Vielfalt Europas beiträgt. Dazu ist jedoch notwendig, dass ihren SprecherInnen die über Jahrhunderte verweigerte Gleichberechtigung und Gleichbehandlung endlich zugestanden wird.

Zugehörigkeit zu größeren Sprachgruppen und dialektale Gliederung
Romani gehört (neben Bengali, Gujarati, Hindi etc.) zum indoarischen Zweig der indoeuropäischen Sprachfamilie und ist die einzige neuindoarische Sprache, die ausschließlich außerhalb des indischen Subkontinents gesprochen wird.
Für die Ausdifferenzierung der Dialekte im Romani sind unterschiedliche Faktoren verantwortlich, darunter die Migration der Romani sprechenden Bevölkerung in ganz Europa (zu unterschiedlichen Zeitpunkten), die geographische Ausbreitung strukturellen Sprachwandels (die zur Entstehung sogenannter „Isoglossen“ führt), der Einfluss von Kontaktsprachen sowie spezifischer Wandel, der auf die Struktur einzelner Dialekte beschränkt ist.
Die moderne Romani-Linguistik tendiert zu folgender Dialektgruppierung: Balkandialekte, Vlach-Dialekte, Zentrale Dialekte, Nordwestliche Dialekte, Nordöstliche Dialekte, Britische Dialekte und Iberische Dialekte.

 

(Pararomanivarietäten) / DIALEKTCLUSTER

 

Die Balkanvarietäten (auch: „Südliche Balkangruppe“, „Südbalkan 1“) des Romani werden in der Türkei, in Griechenland, in Bulgarien, in der Republik Mazedonien, in Albanien, in Serbien (Kosovo), in Rumänien, in der Ukraine und im Iran gesprochen. Zu den Dialekten dieser Gruppe gehören unter anderem Arli (Republik Mazedonien, Kosovo, Griechenland), Sepečides (Griechenland, Türkei), Ursari (Rumänien), Krim-Romani (Ukraine) etc.
Die Romani-Varietäten der „Bugurdži-Drindari-Kalajdži Gruppe“ auf dem Balkan (auch: „zis-Dialekte“, „Südbalkan 2“) werden in Nord- und Zentralbulgarien sowie in der Republik Mazedonien gesprochen. Dazu gehören die Dialekte der Drandari/Drindari, Kovački, Kalajdži und Bugurdži.

Die Südvlach-Dialekte werden in Serbien, in Montenegro, in Kroatien, in Bosnien-Herzegowina, in der Republik Mazedonien, in Südrumänien, in Bulgarien, in Griechenland, in Albanien und in der Türkei gesprochen. Diese Gruppe umfasst u.a. die Dialekte der Gurbet, Kalburdžu und Čergar.

Die Nordvlach-Dialekte werden in Rumänien, Moldawien, Ungarn und Serbien sowie von Migranten auf der ganzen Welt gesprochen. Zu den am weitesten verbreiteten und bekanntesten Dialekten der Nordvlach-Gruppe gehören Kalderaš (Kelderaš), Lovari und der in den USA gesprochene Dialekt der Mačvaja.

Südliche Zentrale Dialekte des Romani werden in Ungarn, in der Slowakei, in Nordslowenien, in Ostösterreich, in der Ukraine und in Rumänien gesprochen. Zu diesen Dialekten zählen das Roman (Burgenland-Romani), das Vend-Romani in Ungarn, das slowenische Prekmurje-Romani und die Romungro-Varietäten Ungarns und der Slowakei.

Die Nördlichen Zentralen Dialekte werden in der Slowakei, in der Tschechischen Republik, in Polen und in der Ukraine gesprochen. Dazu zählen Ost-Slowakisches Romani und der Dialekt der Bergitka Roma aus Polen.

Die Nordwestlichen Dialekte werden in Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Belgien und Finnland gesprochen. Zu diesen Dialekten gehören die Sinti-Manuš-Dialekte in Deutschland, Frankreich und den umliegenden Regionen sowie das Finnische Romani der Kaale.

Die Nordöstlichen Dialekte werden in Polen, Litauen, Lettland, Estland, Russland, Weißrussland und in der Ukraine gesprochen und beinhalten unter anderem Polska-Romani, Xaladitka-Romani, das lettische Lotfitka-Romani, die litauischen Dialekte etc.

Einige weitere Dialekte weisen ihre eigenen distinktiven Merkmale auf. Dies ist entweder auf längere Zeiträume der Isolation von anderen Dialekten zurückzuführen oder auf die Herausbildung von Merkmalen, die mit mehreren Dialektgruppen geteilt werden. Folgende Gruppen können als separate Gruppen definiert werden:
Britisches Romani umfasst Englisches Romani und Walisisches Romani. Diese Dialekte sind bereits ausgestorben, Überreste davon sind nur als Spezialvokabular im sogenannten „Angloromani“ vorhanden.
Iberisches Romani umfasst Spanisches Romani, Katalonisches Romani und Errumantxela (Baskisches Romani). Diese Dialekte sind ebenfalls ausgestorben. Die Überreste davon sind nur als Spezialvokabular im sogenannten „Caló“ vorhanden.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Varietäten:
Obwohl Romani als heterogenes Varietätenbündel ohne homogenisierenden Standard beschrieben werden kann, haben alle diese Varietäten einige gemeinsame Charakteristika, die als Kernromani bezeichnet werden können. Dieser Kern betrifft sowohl das Lexikon als auch die Morphologie. Syntax und Phonologie (genauer gesagt Phonetik) der einzelnen Varietäten sind größtenteils an die Strukturen der primären Kontaktsprache(n) – also der Sprache / den Sprachen, die von (unterschiedlichen Gruppen) der Mehrheitsbevölkerung im jeweiligen Gastland gesprochen werden – angepasst oder diesen zumindest ähnlich.
Diese Entwicklung ist die Folge der Mehrsprachigkeit aller Roma-Gruppen, die wiederum eine Folge des seit Jahrhunderten auf die Roma ausgeübten Drucks ist, sich an die Kulturen und Sprachen der Mehrheitsbevölkerung anzupassen.

Geschichte der Sprachforschung
Bis Ende des 18. Jahrhunderts waren in Europa sowohl Herkunft als auch Sprache der Roma Thema wildester Spekulationen. Anhand vergleichender Methoden der Sprachwissenschaft konnte die Herkunft schließlich geklärt werden.
Die erste seriöse Auseinandersetzung mit der Thematik begann mit der von Johann Christian Christoph Rüdiger im Jahr 1782 verfassten Schrift „Von der Sprache und Herkunft der Zigeuner aus Indien“. Darin erbrachte er den wissenschaftlichen Beweis für die Verwandtschaft des Romani mit indischen Sprachen und versuchte mit diskriminierenden und romantisierenden Vorurteilen aufzuräumen. In dem im Jahr 1783 erschienenen Buch „Die Zigeuner“ von Heinrich M. G. Grellmann wurden Rüdigers Studien auf breiterer Basis fortgesetzt. Im Gegensatz zu Rüdiger übernahm Grellmann aber kritiklos die stereotypisierenden und diskriminierenden Vorurteile seiner Zeit und prägte die öffentliche Meinung nachhaltig. Meilensteine in der sprachwissenschaftlichen Behandlung des Romani im 19.Jahrhundert waren August Friedrich Potts Werk „Die Zigeuner in Europa und Asien“, in dem er feststellte, dass das Romani zu den nordindischen Sprachen zu rechnen sei, und die Arbeiten des Slawisten Franz Miklosich, der in seinen zwischen 1872 und 1881 erschienenen Artikelserien das Romani zum ersten Mal in verschiedene Dialekte untergliederte. Im Jahr 1926 erschienen Ralph L. Turners Untersuchung „The Position of Romani in Indo-Aryan“, im Zuge derer er einen Vergleich zwischen Romani und dem Sanskrit bzw. verschiedenen neuindischen Sprachen anstellte und auch John Sampsons „Dialect of the Gypsies of Wales“, ein bis heute gültiges Standardwerk.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts intensivierte sich die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Romani. Dies äußert sich sowohl in der Quantität als auch in der Qualität der diversen Publikationen, wie deskriptive Grammatiken, Sammelbände zu verschiedenen Aspekten des Romani und soziolinguistische Studien. Mit der 2002 veröffentlichten umfassenden Beschreibung „Romani: a linguistic introduction“ von Yaron Matras hat sich die Romani-Linguistik endgültig als integraler Teil der modernen Sprachwissenschaft etabliert.

Situation des Romani in Österreich:
Die österreichischen Roma wurden im Dezember 1993 offiziell als sechste Volksgruppe anerkannt. Sie sind jedoch nur bedingt mit den anderen österreichischen Volksgruppen vergleichbar. Im Gegensatz zu Kroaten, Slowenen, Ungarn, Tschechen und Slowaken haben die Roma u.a. keinen Nationalstaat, der sich für ihre Anliegen einsetzt und zum Kultur- und damit Identitätserhalt beiträgt. Weiters verfügen die österreichischen Roma nur bedingt über ein geschlossenes Siedlungsgebiet und sind keineswegs als homogen zu betrachten.

Fundierten Schätzungen zufolge leben mindestens 50.000 Roma in Österreich, die sich aus  mehreren Gruppen – solchen mit autochthonem und solchen mit allochthonem soziopolitischen Status – zusammensetzen.

In der folgenden Tabelle wird ein Überblick über die Vielfalt der österreichischen Roma-Bevölkerung gegeben:

 

 

Die Sprachkompetenz im Romani betreffend, kann man folgende Tendenz feststellen: je kürzer eine Roma-Gruppe in Österreich lebt und/oder je älter die jeweiligen SprecherInnen sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie mehrere Sprachen – Romani, Deutsch und die Sprache(n) des Emigrationslandes – sprechen. Je länger sich eine Gruppe jedoch bereits in Österreich aufhält und je jünger die jeweiligen SprecherInnen sind, desto eher besteht die Wahrscheinlichkeit, dass diese monolingual deutsch sind.
Sprechen Gruppenangehörige noch Romani, ist die Sprachkompetenz heterogen. Die Romani-Kompetenz unter den SprecherInnen reicht von der bloßen Kenntnis einiger Romani-Wörter bis hin zu voller Sprachkompetenz, wenn Romani als Sozialisationssprache erworben wurde.
Die Heterogenität in der Romani-Kompetenz und die unterschiedlichen Sprachen, in denen die Sprecher sozialisiert werden, haben großen Einfluss auf die Spracheinstellung:
Bei Kalderaš und Gurbet, den beiden Gruppen mit Kontinuität in der Sprachtradierung, ist das Romani selbstverständlicher Teil der Identität, ohne dabei ein bewusster Identitätsmarker zu sein. Ihre Sprache ist vielmehr nur ein Faktor unter mehreren gleichwertigen, die in Summe das ethnische Selbstbewusstsein ausmachen. In der Gruppe der Lovara stellt sich die Situation etwas anders dar. Einerseits wird – v.a. von Angehörigen der älteren Generationen – immer wieder betont, wie wichtig die eigene Sprache für das Selbstverständnis und die Gruppenidentität sei, andererseits wird das Romani aber meist nicht an die jüngere Generation weitergegeben. Ein Teil der Jungen ist bereits sprachlich assimiliert und hat – wenn überhaupt – nur noch passive Kompetenz im Romani. Ähnlich ist die Situation bei den Sinti. Auch bei ihnen ist ein Teil der jüngeren Generationen de facto monolingual deutschsprachig. Im Gegensatz zu den jungen Lovara ist das Romanés bzw. Sintitikes aber auch für diese sprachlich assimilierten Jugendlichen in der Regel Identitätsfaktor. Das hängt höchstwahrscheinlich mit der unter den österreichischen Sinti vorherrschenden Spracheinstellung zusammen: Für sie ist Rómanes ein tabuisierter In-Group-Marker, der vor der Mehrheitsbevölkerung „geheim gehalten“ werden muss. Daher ist das Romanés sowohl in der Öffentlichkeit als auch im Bildungsbereich nahezu „unsichtbar“. Zwar findet man diese aus dem Holocaust-Trauma resultierende Einstellung z.T. auch bei älteren Lovara und Burgenland-Roma, aber nicht in dieser Konsequenz und mit den gleichen Auswirkungen wie bei den Sinti. Kalderaš, Gurbet und Arli sehen das Romani hingegen selten als „Schutzsprache“. Sie haben keinerlei Ressentiments gegenüber Gadže, die Interesse an ihrer Sprache zeigen und diese lernen wollen. Für die Burgenland-Roma ist ihre Sprache Roman primärer Identitätsmarker – auch für Gruppenangehörige, die nach eigener Einschätzung über geringe oder nur passive Sprachkompetenz verfügen. Diese positive Spracheinstellung ist Resultat der Selbstorganisation, wodurch Repräsentanten der Burgenland-Roma mit Angehörigen anderer Roma-Gruppen in Kontakt gekommen sind. Spracherhaltende Aktivitäten, wie der Roman-Unterricht in Schulen und im außerschulischen Bereich, wurden zum Hauptanliegen in der Kulturarbeit.
Auffällig ist, dass die Bedeutung des Romani als Identitätsfaktor parallel dem Rückgang in der Sprachverwendung steigt. Ausgenommen von dieser Tendenz sind Gruppen, bei denen ein Sprachwechsel stattgefunden hat und Romani in seiner identitätsstiftenden Funktion von der Mehrheitssprache des jeweiligen Herkunftslands abgelöst wurde, wie beispielsweise bei den in Wien lebenden Arli aus Prilep (Mazedonien).

1.3 Sprachbrücken Romani–Deutsch

Im Deutschen finden sich kaum Romani-Elemente. Dies lässt sich auf die Dominanz des Deutschen und die soziale Distanz der Mehrheitsbevölkerung zu den Romani-SprecherInnen zurückführen. Nur über Varietäten des Deutschen mit Sonderlexikon (wie dem Jenischen oder dem Rotwelsch), die häufig als „Geheimsprachen“ oder „Gaunersprachen“ bezeichnet werden und von ebenfalls marginalisierten und stigmatisierten Gruppen verwendet wurden bzw. z.T. werden, fanden Elemente aus dem Romani Eingang ins Deutsche bzw. in die „deutsche Umgangssprache“.

Beispiele:

Sprachbrücken Romani–Deutsch
Bock< rom. bokh
< ai. bubukṣā
dt. ‚Hunger‘, ‚keinen Bock auf etwas haben‘
Kaschemme< rom. kačima
< slaw. krčma
dt. ‚Gasthaus‘, ‚schäbiges, zwielichtiges Gasthaus‘
Zaster< rom. saster
< ai. śastram
dt. ‚Eisen‘, ‚Geld‘

Aufgrund der o.e. Dominanz des Deutschen, weisen die Romani-Varietäten der SprecherInnen, die bereits länger im deutschsprachigen Raum leben, auf allen linguistischen Ebenen starke Prägungen durch die primäre Kontaktsprache Deutsch auf.

1.4 Namen und Anrede

Wie alle anderen Europäer haben auch Roma einen Vornamen und einen Nachnamen. In fast allen Ländern wurden sie gezwungen, sich an örtliche Regeln und Gesetze zu halten und somit statt den früher häufig verwendeten Roma-Namen „bürgerliche“ Namen anzunehmen. So erließ Kaiserin Maria Theresia 1761 beispielsweise ein Assimilierungsedikt, das unter anderem bestimmte, dass Roma „christliche Namen“ (Vor- und Nachnamen) annehmen mussten.
Typisch für die Anrede im Romani ist, dass vor den jeweiligen Personennamen der bestimmte Artikel gesetzt wird: der maskuline Artikel <o> vor männlichen Namen, der feminine Artikel <e> oder <i> vor weibliche Namen (z.B. o Hansi; i Mitzi).
Grundsätzlich wird als Anrede für eine einzelne Person tu (‚du‘) verwendet, für mehrere Personen tume bzw. tumen (‚ihr‘). Eine eigene Form für die höfliche Anrede ‚Sie‘ gibt es nicht, allenfalls wird die 2. Person Plural als Höflichkeitsform verwendet (dies ist aber eher eine Angleichung an Mehrheitssprachen, die über eine Höflichkeitsform verfügen).
Die höfliche Anrede innerhalb der Roma-Gemeinschaft gestaltet sich etwas differenzierter als im Deutschen. Je nach Alter des Gesprächspartners / der Gesprächspartnerin verwendet man Anredeformen, die Verwandtschaftsbeziehungen ausdrücken. Einen Jungen bzw. einen Mann, der jünger oder ungefähr im selben Alter ist wie der/die SprecherIn selbst, spricht man mit phrala (‚Bruder‘) an, zu einem etwas älteren Mann sagt man kako (‚Onkel‘). Einen Mann ab ca. 65 Jahren nennt man auch papo (‚Großvater‘). Zu einem sehr jungen Mädchen sagt man mi čhaj (‚meine Tochter‘), eine gleichaltrige Frau wird phene (‚Schwester‘) und eine etwas ältere Frau bibije (‚Tante‘) genannt. Diese Formen auf -a und -e entsprechen dem Vokativ. Es ist aber auch möglich, statt des echten Vokativs (also statt phrala!) mo phral! (‚mein Bruder‘) und (statt phene!) mi phen! (‚meine Schwester‘) zu sagen.