2. Besonderheiten und Struktur der ÖGS

ÖGS gehört zur Familie der visuell-gestischen Sprachen, die weltweit hunderte oder tausende (sie sind nicht gezählt) Sprachen umfasst. Die Gebärdensprachen der Welt haben verschiedene Grammatiken, völlig unterschiedliches Vokabular, sie sind sogar auf phonologischer Ebene verschiedenartig. Ebenso wie die deutsche Lautsprache zum Teil gänzlich andere Laute benötigt als die japanische Lautsprache, kommen in ÖGS andere Handformen zum Einsatz als zum Beispiel in Pakistanischer Gebärdensprache.

Wie alle anderen Gebärdensprachen der Welt ist ÖGS eine natürliche Sprache, die aus einer Gemeinschaft entsprungen ist und sich über die Jahrhunderte entwickelt hat und sich weiterhin – so wie alle lebenden Sprachen – verändert.

Die Satzstellung der ÖGS ist grundsätzlich S-O-V (Subjekt – Objekt – Verb): Das Verb wird also am Ende eines Satzes positioniert. Komplexe Satzstrukturen oder non-manuelle Markierungen lassen aber auch andere Satzstellungen zu.

Die einzelnen Bestandteile (Gebärden) und die Grammatik sind in Gebärdensprachen sowohl ökonomisch als auch sinnvoll im Raum organisiert. Wie alle Gebärdensprachen nützt ÖGS den Raum, um sowohl Gebärden auszuführen, als auch für grammatische Funktionen. Jede Gebärde kann analysiert und in vier Parameter zerlegt werden. Die Bestandteile der manuellen Komponente sind die vier Parameter: Handform, Orientierung, Ausführungsstelle und Bewegung. Zusätzlich zu den manuellen Komponenten sind in Gebärdensprachen aber auch die non-manuellen Komponenten von großer Relevanz. Der non-manuelle Bestandteil umfasst u. a. Bewegungen der Augenbrauen, Blickrichtung, Augenzwinkern, Mundbewegungen, Kopfbewegung und Orientierung des Oberkörpers. Mimik stellt in ÖGS also nicht einfach non-verbale Zusatzinformationen von Emotionen dar, sondern non-manuelle Signale erfüllen entweder eine syntaktische oder adverbiale Funktion. All diese manuellen und non-manuellen Bestandteile von Gebärden/sätzen müssen korrekt ausgeführt werden, um die gewünschte Bedeutung zu transportieren.

Die Forschung zu ÖGS begann in den 1990er Jahren, doch bis heute sind viele Aspekte der Grammatik nicht umfassend ergründet und dokumentiert und es sind viele Fragen offen. Noch immer gibt es keinen Lehrstuhl bzw. kein Studienfach „Gebärdensprachforschung“ oder „Deaf Studies“ an einer österreichischen Universität.

Das Fingeralphabet ist ein Teil von ÖGS. Es umfasst die in der deutschen Schrift verwendeten 29 Buchstaben plus einen Buchstaben für SCH. Das Fingeralphabet wird eingesetzt, um Namen, Fremdwörter und unbekannte Begriffe, für die es u. U. noch keine Gebärde gibt, zu buchstabieren. Buchstabiert wird also in einer Lautsprache, zum Beispiel Deutsch. Ergo ist die Voraussetzung, um ein buchstabiertes Wort zu verstehen, die Kenntnis der deutschen Sprache. Um mit Kindern, die noch nicht lesen können, zu kommunizieren, ist das Fingeralphabet deshalb nicht geeignet. Überhaupt wird das Fingeralphabet in der Alltagskommunikation nicht zum Formulieren von ganzen Sätzen verwendet, da dies viel zu umständlich wäre.

Derzeit verwenden vor allem ältere gehörlose ÖsterreicherInnen noch ein Zweihand-Alphabet, jüngere Generationen das international gebräuchliche Einhand-Fingeralphabet. Und in der Steiermark gibt es ein regional verwendetes, dialektales Fingeralphabet.

Auch die in den verschiedenen Gebärdensprachgemeinschaften gebräuchlichen Fingeralphabete sind nicht alle gleich. (So wird z. B. in British Sign Language ein völlig anderes Alphabet verwendet als In Europa; ein weiterer Hinweis auf die Relevanz von geographischen Gegebenheiten für die Entwicklung von sprachlichen und dialektalen Varietäten.)

Abbildung: Internationales Fingeralphabet plus die deutschen Umlaute. Quelle: www.fingeralphabet.org
Abbildung: Internationales Fingeralphabet plus die deutschen Umlaute. Quelle: www.fingeralphabet.org

Nicht nur in Wortschatz und Syntax sondern auch bezüglich Zahlen gibt es weltweit eine riesige Bandbreite an Systemen. So wird z. B. in Österreich von 1 bis 10 mit zwei Händen gezählt, in American Sign Language aber nur mit einer Hand.

ÖGS lernen
Eine bewegte, dreidimensionale Sprache aus Büchern zu lernen ist schwer. Österreichische Gebärdensprache kann man daher sinnvollerweise nur in einem Kurs erlernen. In Österreich werden diese Kurse grundsätzlich von ausgebildeten, gehörlosen SprachlehrerInnen geleitet. Die KursleiterInnen sollten entweder einen dementsprechenden Kurs an der Universität Graz oder den Universitätslehrgang ÖGS-LehrerIn an der Universität Klagenfurt absolviert haben.