3. Sprache und Gemeinschaft

Weltweit mangelt es an systematisch erhobenen Daten zu gehörlosen Populationen. Vielerorts wird daher ein Schlüssel angewandt, der eine Schätzung zulässt: Man geht von 1 Promille, also 0,01 %, der Bevölkerung aus. Das bedeutet, dass es in Österreich cirka 8.000 gehörlose ÖGS-BenutzerInnen gibt, die die Gehörlosengemeinschaft formen. Hinzu kommt eine (wachsende) Gruppe von hörenden, ÖGS-kompetenten oder lernenden Personen. Wir können also davon ausgehen, dass in Österreich rund 10.000 Personen ÖGS verwenden.

ÖGS wird im ganzen Bundesgebiet gebärdet. Wie in jeder Sprache gibt es in der ÖGS dialektale Varianten, die jedoch – soweit bis dato bekannt – vorrangig auf der Ebene des Wortschatzes verschieden sind. Das bedeutet: Einzelne Gebärden unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland. ÖGS ist sicherlich mit DGS verwandt und es scheint auch eine historisch begründete Verwandtschaft zu Gebärdensprachen in den ehemaligen Kronländern zu geben. Die k. k. Gehörlosenschule befand sich in Wien und gehörlose SchulabsolventInnen aus vielen Regionen der Monarchie nahmen die hier erlernte Wiener Variante nach dem Schulaustritt in ihre Herkunftsorte mit. Systematische, vollständig vergleichende Studien zu ÖGS und den Gebärdensprachen der Nachbarländer Österreichs gibt es bis jetzt nicht.

3.1 Gebärdensprachenpolitik

ÖGS ist eine Minderheitensprache in dem Sinne, als eine zahlen- und einflussmäßig minorisierte Gruppe die Sprache verwendet. Seit dem 1. September 2005 ist ÖGS in § 8, Abs. 3 der österreichischen Bundesverfassung genannt:

„Die Österreichische Gebärdensprache ist als eigenständige Sprache anerkannt. Das Nähere bestimmen die Gesetze.“ (§ 8, Abs 3 BV-G)

Diese rechtliche Verankerung der ÖGS als eine österreichische Sprache ist das Ergebnis fast zwei Jahrzehnte währender Bemühungen der Sprachgemeinschaft und ihrer UnterstützerInnen um die Absicherung von alltagsrelevanten Sprachenrechten. Bis dato hat diese Anerkennung keine „Gesetze“ nach sich gezogen, es sind also keine konkreten Rechte gesetzlich verankert worden, die von gehörlosen Personen einklagbar wären. Eine Ausnahme bilden hier einerseits das zeitgleich mit der Verfassungsänderung beschlossene Bundes-Behinderten-Gleichstellungsgesetz (das z. B. das Recht auf Kostenersatz für Dolmetschleistungen in bestimmten Kontexten regelt) und das Recht auf ÖGS-DolmetscherInnen in Straf- und Zivilprozessen, das seit 1998 verankert ist.

Die Dolmetschsituation ist gegenwärtig in Österreich im Vergleich mit anderen europäischen Ländern noch immer schwierig: Im ganzen Land gibt es nur ca. 80 ausgebildete und geprüfte ÖGS-Deutsch-DolmetscherInnen, die im Berufsverband organisiert sind (www.oegsdv.at). An der Universität Graz kann das ÖGS-Dolmetschen universitär erlernt werden (http://translationswissenschaft.uni-graz.at/de/). In Kooperation mit der Universität Graz bieten der ÖGSDV sowie die Fachschule GESDO in Linz außeruniversitäre Ausbildungslehrgänge an.

Weltweit haben rund 40 Staaten eigene Gesetze zu ihren nationalen Gebärdensprachen, wobei es hier große Unterschiede gibt: Manche Staaten, wie etwa Schweden, kennen keine offizielle „Anerkennung“ ihrer Gebärdensprache, jedoch eine ausgezeichnete Verankerung als Bildungs- und Unterrichtssprache. Andere Länder haben die Rechte der Mitglieder ihrer Gehörlosengemeinschaft innerhalb von Behindertengleichstellungsgesetzten abgesichert, z. B. Deutschland.

Zahlreiche internationale Organisationen haben sich zum Recht gehörloser BürgerInnen auf ihre Gebärdensprache geäußert: Seitens des Europäischen Parlaments gibt es zwei Resolutionen (1988 und 1998), der Europarat hat Empfehlungen verabschiedet und die Vereinten Nationen haben in der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (siehe www.un.org/disabilities/) sehr klare Empfehlungen abgegeben – insbesondere für den Einsatz von Gebärdensprachen im Bildungsbereich. Diese Konvention wurde von der Republik Österreich im Mai 2008 ratifiziert, die Lehrpläne der Sonderschule für Gehörlose und die Lehrerausbildung wurden aber bisher nicht dementsprechend modifiziert.

3.2 Verschriftungsmöglichkeiten

Gebärdensprachen gehören zur Gruppe der nicht-geschriebenen Sprachen. Daher sind historische Informationen über Gebärdensprachen oft lückenhaft: Es handelt sich entweder um Beschreibungen oder um Zeichnungen, denen aber natürlich der Aspekt der Bewegung fehlt. Erst mir der Erfindung des Mediums Film wurde es möglich, Gebärdensprachen vollständig zu dokumentieren. Der erste bekannte und erhaltene Film zeigt American Sign Language und stammt aus dem Jahr 1913, siehe www.nad.org/news/2010/12/historic-nad-film-selected-preservation-library-congress.

ForscherInnen bemühen sich seit den 1960er Jahren, Verschriftungsarten zu finden, die vorrangig der Dokumentation ihrer Sprachforschung dienen. Aufgrund der Schwierigkeit, die Verwendung des Raumes und der Mimik präzise und doch schnell entschlüsselbar zu beschreiben, hat sich bis jetzt kein System als für den Alltag benutzbar erwiesen. Es gibt auch Versuche, alltagstaugliche Verschriftungswege zu erfinden, von denen derzeit SignWriting / GebärdenSchrift das populärste und ausgefeilteste zu sein scheint, siehe www.gebaerdenschrift.de/.

Seit dem Aufkommen von einfach benutzbaren und schnellen visuellen Kommunikationstechnologien (Videotelefon, Chat etc.) ist die Kommunikation auf Distanz wesentlich leichter geworden. Digitale Videoformate erleichtern heute die Dokumentation von Gebärdentexten, ermöglichen ein „Lesen“ an einem anderen zeitlichen und geografischen Ort, jedoch nur für sprachkundige ZuseherInnen.

3.3 Kindlicher Spracherwerb und Bilingualität

Lautsprachen sind für ein gehörloses / hörbehindertes Kind nur schwer oder begrenzt zu erfassen und müssen daher – zumindest teilweise – systematisch gelehrt und bewusst erlernt werden. Gehörlose Kinder brauchen gesteuerten Unterricht und die Möglichkeit, die Sprache visuell, also geschrieben, wahrzunehmen. Deswegen ist es sinnvoll, hörbehinderten LernerInnen die Zweitsprache Deutsch und andere Fremdsprachen in ihrer schriftlichen Form anzubieten.

Forschungsergebnisse belegen, dass Gebärdensprachen exakt so wie auch Lautsprachen in einem natürlichen Prozess innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens, nach regelhaften Mustern erworben werden. Gebärdensprachen können problemlos von klein auf angeboten und erworben werden. Für viele Eltern und PädagogInnen ist die Frage des Spracherwerbs eines gehörlosen Kindes geprägt von großer Unsicherheit. In Österreich hat der Gehörlosenbund daher 2007 einen fundierten, aber leicht verständlichen Informationsaufsatz dazu publiziert („Die wichtigsten Fragen & Antworten zum Spracherwerb hörbehinderter Kinder“, siehe www.oeglb.at/?id=LH2007-01-30-4013).

Es gibt zahlreiche empirische Belege dafür, dass die Kenntnis einer Gebärdensprache sehr hilfreich ist und sich positiv auf Schriftsprachkompetenzen gehörloser SchülerInnen auswirkt.

Auch die neuesten medizin-technischen Entwicklungen, wie ständig verbesserte Innenohr-Implantate, lösen die Frage des altersgemäßen, natürlichen Spracherwerbs hörbehinderter Kinder nicht vollständig. Rund 47 % der Kinder die so ein Cochlea Implantat tragen, durchlaufen nicht einen Spracherwerb, der dem von gleichaltrigen hörenden Kindern entspricht, schreibt die deutsche Forscherin Gisela Szagun („Sprachentwicklung bei Kindern mit Cochlea-Implantat“, siehe http://giselaszagun.com/de/publications.de.html).

Auch für die Verwendung im Unterricht scheint ÖGS ausgezeichnet geeignet zu sein: Nur eine visuelle Sprache ist für hörbehinderte Kinder zu 100 % barrierefrei wahrnehmbar, nur so können Inhalte ohne eine zusätzliche Anstrengung aufgenommen werden, leicht Fragen gestellt, beantwortet und Gespräche geführt werden. Gebärdensprachen werden in vielen Ländern der Welt im Rahmen von bilingualem Unterricht mit hörbehinderten Kindern selbstverständlich als Unterrichtssprachen eingesetzt.

Hörende Kinder gehörloser Eltern wachsen meist zweisprachig auf. Man nennt sie CODAs, Children of Deaf Adults (siehe http://coda-international.org/blog).

3.4 Kultur

Aus dem bisher über ÖGS Gesagten ergibt sich logisch, dass die VerwenderInnen von Gebärdensprachen Gruppen bilden. Mit der gemeinsamen Sprache, die von der dominanten Sprache Deutsch abweicht, geht auch in der ÖGS-Gemeinschaft eine Kultur einher, verbunden mit bestimmten Umgangsformen und einer eigenen Identität als gehörloser Mensch in einer dominanten, hörenden Welt. Es können hier nur ganz wenige Aspekte der Gehörlosenkultur genannt werden. Um zu unterstreichen, dass diese Minderheitenkultur sich wirklich von der Mehrheitskultur unterscheidet, sei z. B. Höflichkeit genannt: Regeln der Höflichkeit sind unter gehörlosen ÖsterreicherInnen anders als unter hörenden. ÖGS hat, so wie die englische Sprache, keine Form, um zwischen Du und Sie zu differenzieren. Höflichkeit, Hierarchiegefälle etc. werden anders ausgedrückt, z. B. indem die Person mit „Herr“ / „Frau“ angebärdet wird. Viele gehörlose Menschen haben Schwierigkeiten, wenn sie in deutscher Schriftsprache kommunizieren, die Höflichkeitsform „Sie“ korrekt einzusetzen.

Speziell der Prozess und die Regeln der Namensgebung sind eine Besonderheit der Gehörlosenkultur: Personen werden nicht mit dem im Fingeralphabet durchbuchstabierten, vollen Namen bezeichnet. In der ÖGS-Gemeinschaft werden Personen Namensgebärden zugewiesen. Auch berühmte Personen oder Persönlichkeiten, die oft Gesprächsthema sind, so wie PolitikerInnen, erhalten Namensgebärden. Eine Namensgebärde hat oftmals etwas mit einem auffallenden äußeren Merkmal oder einer Gewohnheit zu tun, (eher seltener) mit dem tatsächlichen Familiennamen. So wurde der frühere Bundeskanzler Schüssel in ÖGS nicht SCHÜSSEL genannt, sondern – aufgrund seiner Kleidungsvorliebe – mit der Gebärde für FLIEGE benannt. Die Namensgebärde der grünen Parlamentsabgeordneten Helene Jarmer ist abgeleitet aus dem Haarschnitt, den sie als Kind und Jugendliche trug.

Wie andere Sprachen und Gruppen hat selbstverständlich auch die Gebärdensprachgemeinschaft zahlreiche spezifische Kunstformen. Die Bandbreite der sprachbezogenen Kunst ist – so wie in Lautsprachen – sehr groß. Vom Auszählreim über das romantische Gedicht bis zum Rap gibt es alles. Weltweit besonders populär ist derzeit der gehörlose finnische Rapper SignMark, siehe http://www.signmark.biz/

Eine Besonderheit in poetischen Formen sind die ABC-Stories. Hierbei wird eine ganze Geschichte erzählt, die die Handformen von Buchstaben nützt, entweder von A bis Z oder so, dass sie wiederum „nebenbei“ ein lautsprachliches, z. B. deutsches Wort ergeben. Hier kann man gehörlose Kinder ihre Gedichte in DGS gebärden sehen: www.deafkids.de/blogs/2010/01/31/neue-abc-filme-aus-hamburg/

Und hier kann man schließlich bekannte Bücher, wie z. B. ‚Das kleine Ich bin Ich’ in ÖGS (und andere Gebärdensprachen) übertragen bewundern: http://signlibrary.equalizent.com/.