1. Kurzer Überblick über die Sprache

1.1 Wie die Sprache genannt wird

  • russkij jazyk
  • [ruskij jisyk]
  • русский язык – die russische Sprache

Die Sprachbeispiele werden in diesem Sprachsteckbrief in drei verschiedenen Schreibweisen angegeben:

  • ist die so genannte „wissenschaftliche Bibliothekstransliteration“, d.h. die normierte Wiedergabe der russischen Buchstaben durch lateinische Buchstaben;
  • ist eine populäre (nicht wissenschaftliche) lautliche Umschrift, die sich in der Praxis bewährt hat (vgl. Seyr, Bernhard und Smirnov, Aleksandr (2000) Russisch im Tourismus. Linz: Trauner Schulbuch Verlag) – diese Aussprachehilfe wird hier in eckige Klammern gesetzt, die Betonungsstelle ist durch Fettdruck gekennzeichnet;
  • ist die Schreibweise in russischen Buchstaben (zur russischen Schrift siehe 2.2.)

Ja govorju po-russki. [Ja gavarju pa-russki.] – Ich spreche Russisch.
Я говорю по-русски.

1.2 Wo Russisch gesprochen wird

Russisch ist die am weitesten verbreitete slawische Sprache. Die Zahl der Personen mit russischer Muttersprache wird auf ca. 145 Millionen geschätzt, davon leben ca. 118 Millionen in Russland (in der Russischen Föderation). Große Bevölkerungsanteile mit russischer Muttersprache gibt es auch in der Ukraine und in Kasachstan. Zu den MuttersprachlerInnen kommen ca. 80 Millionen Menschen, die Russisch als Zweitsprache (Verkehrssprache) verwenden, um sich mit Personen auf oder aus dem Staatsgebiet der ehemaligen Sowjetunion zu verständigen.

Russisch ist Amtssprache der Russischen Föderation und die zweite Amtssprache in Belarus (Weißrussland). Im internationalen Rahmen ist Russisch eine der offiziellen Amtssprachen der UNO. Innerhalb der EU ist Russisch die Muttersprache von über einer Million EinwohnerInnen der drei EU-Staaten Estland, Lettland und Litauen.

Durch die Migrationsbewegungen des 20. Jahrhunderts ist Russisch die Muttersprache von über zwei Millionen Menschen in folgenden Regionen: Europa außerhalb der ehemaligen Sowjetunion (ca. ½  Million, die meisten in Deutschland), Nordamerika (¾ Million), Israel (ca. ¾ Million) u.a.

In Österreich ist Russisch vor allem in Wien sowie in touristischen Zentren in Salzburg, Tirol und Kärnten zu hören. Dazu kommen Gebiete im Umkreis von Heimen für AsylbewerberInnen (wo Russisch der Verständigung unter Angehörigen verschiedener Nationalitäten der ehemaligen Sowjetunion dient).

In Deutschland ist Russisch in Berlin und in vielen anderen Städten zu hören (oft als Umgangssprache von UmsiedlerInnen deutscher Nationalität aus der Sowjetunion).

Unter den slawischen Sprachen bildet Russisch zusammen mit Ukrainisch und Weißrussisch die Untergruppe der ostslawischen Sprachen und weist eine Reihe von Gemeinsamkeiten mit den anderen Sprachen dieser Untergruppe auf. Die dialektalen Unterschiede innerhalb des Russischen sind relativ gering, die russische Standardsprache wird innerhalb und außerhalb Russlands als gemeinsame Norm anerkannt. Neben der Standardsprache gibt es eine gehobene Umgangssprache und eine Substandardvariante (das so genannte Prostrečie).

Erste bekannte schriftliche Dokumente in russischer Sprache datieren aus dem 12. Jahrhundert (Altrussisch). Die im 18. Jahrhundert entwickelte und zu Beginn des 19. Jahrhunderts – vor allen durch den Klassiker der russischen Literatur, Alexander Puschkin – ausgebaute Literatursprache gilt als Grundlage der modernen russischen Schriftsprache. In der Zeit zwischen dem 12. und 17. Jahrhundert bestand auf dem Gebiet des heutigen Russland eine so genannte Diglossie-Situation: Für kirchliche Texte wurde das Kirchenslawische verwendet (welches bis heute als Sprache der russisch-orthodoxen Kirche in Gebrauch ist), während nicht-kirchliche Texte in volkstümlicher, oft dialektal geprägter Sprache verfasst wurden.

Das kyrillische Alphabet der russischen Standardsprache in der heute verwendeten Form wurde im Jahr 1918 normiert. In zaristischer Zeit war seit der Normierung durch Peter den Großen (1708) die so genannte „bürgerliche Schrift“ im staatlichen Bereich in Verwendung, die einige Buchstaben mehr als die heutige Schrift hatte. Die orthodoxe Kirche verwendet bis heute die so genannte kirchenslawische, aus dem Mittelalter stammende älteste Form der kyrillischen Schrift.

Die einwandfreie Beherrschung der russischen Schriftsprache und eine gute Kenntnis der russischen Literatur haben einen hohen kulturellen Stellenwert. Gebildete Menschen können Gedichte auswendig rezitieren, kennen Zitate aus der Literatur und verwenden auch in der Umgangssprache Phraseologismen und Sprichwörter.

Die russische Literaturgeschichte des 19. bis 21. Jahrhunderts kennt mehrere Perioden: das „Goldene Zeitalter“ (die Zeit von Puschkin im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts), das Zeitalter der Romantik und des Realismus im zweiten und dritten Drittel des 19. Jahrhunderts (die Zeit von Fjodor Dostoevskij und Lev Tolstoj), das „Silberne Zeitalter“ (die Zeit der Jahrhundertwende), die Zeit der Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die Zeit der frühen Sowjetliteratur von 1918 bis 1934, die Zeit des Sozialistischen Realismus von 1934 bis 1985. Parallel dazu bestand zur Sowjetzeit eine Literatur des Untergrunds, der Dissidentenbewegung und der Emigration. Nach 1985 spricht man von der Literatur der Perestrojka und der Postmoderne.

1.3 Sprachbrücken Russisch – Deutsch (Französisch, Englisch)

Zwischen der deutschen und der russischen Sprache bestand nur relativ wenig und zeitlich begrenzter Sprachkontakt. Zur Zeit von Peter dem Großen (erstes Drittel des 18. Jahrhunderts) war Deutsch die wichtigste Sprache der kulturellen und wissenschaftlich-technischen Kontakte zwischen Russland und Europa. Dadurch kamen bis heute verwendete deutsche Lehnwörter ins Russische. Beispiele in Transliteration: abzac (Absatz), buterbrod (belegtes Brot), ciferblat, parikmacher (Frisör), šlagbaum. Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts war das Französische sowohl im Wortschatz als auch im Satzbau Vorbild für die Entwicklung der modernen russischen Literatursprache (Beispiele: avangard, menju (Speisekarte), pal’to (Mantel), pejzaž (Landschaft), žest (Geste). In der Sprache des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts sind Entlehnungen aus dem Englischen für das Russische ebenso charakteristisch wir für das Deutsche. Beispiele: biznes, imidž (image), komp’juter, sejf (safe), šou (show). Umgekehrt sind nur wenige Wörter aus dem Russischen ins Deutsche übernommen worden. Beispiel: Pogrom.

Schlüsselwerke der russischen Literatur wurden und werden laufend ins Deutsche übersetzt, wobei – je nach Qualität der Übersetzung – einige Besonderheiten auffallen, darunter z.B. die Vielfalt russischer Namensformen.

1.4 Namen und Anrede

Personennamen werden im Russischen anders als im Deutschen angegeben. Die volle Namensform setzt sich aus Vorname, Vatersname und Familiename zusammen:

Mann:
Vladimir Vladimirovič Bunin (Vorname des Vaters: Vladimir)
Владимир Владимирович Бунин
[Wladimir Wladimirawitsch Bunin]

Frau:
Ljudmila Aleksandrovna Bunina (Vorname des Vaters: Aleksandr)
Людмила Александровна Бунина
[Ljudmila Aliksandravna Bunina]

Beim Familiennamen unterscheiden sich der Mann und die Frau in der Endung. Russische Familiennamen enden oft auf -ин/-ина (-in/-ina), -ов/-ова (-ov/-ova) und -ский/-ская (-skij/-skaja).

In höflicher Anrede und beim Erzählen über Personen in sozialer Distanz werden Vor- und Vatersname verwendet:
Владимир Владимирович, скажите, пожалуйста , …     …, sagen Sie, bitte, …
[Wladimir Wladimirawitsch, skaschizi, paschalsta …]

Von und gegenüber AusländerInnen wird der Familienname in Verbindung mit Herr господин [gaspadin] bzw. Frau госпожа [gaspascha] verwendet:
Господин Бергер, простите, пожалуйста , …    ..., entschuldigen Sie, bitte, …
[Gaspadin Bjergjer, prastizi, paschalsta … ]

In der Anrede sozial gleichgestellter Gesprächspartner und beim Erzählen ohne soziale Distanz wird der Vorname gebraucht, häufig in einer abgewandelten Form, die persönliche Vertrautheit ausdrückt:
Владимир – Володя – Вова – Владик    Людмила – Люда – Людодчка – Мила
[Wladimir – Walodja – Wowa – Wladik]    [Ljudmila – Ljuda – Ljudatschka – Mila]

Im Russischen wird zwischen ,du’ ты [ty] und der Höflichkeitsform ,Ihr’ Вы [Wy] unterschieden. Die Anwendung der beiden Formen entspricht weitgehend dem Deutschen.