1. Kurzer Überblick über die Sprache

1.1 Wie die Sprache genannt wird – wie ihre SprecherInnen genannt werden

polski – Polnisch
język polski – die polnische Sprache
Mówię po polsku. – Ich spreche (auf) Polnisch.

„polszczyzna“ („das Polnische“) ist eine Möglichkeit, die sprachliche Gemeinschaft ohne explizitem Verweis auf das Land, die Nation oder den Staat zu benennen.

Polska – Polen
Polacy, Polka, Polak – die Polen, die Polin, der Pole
polonia – Bezeichnung für die polnische Diaspora, unabhängig vom Zielland
polonia w Austrii – polnische EmigrantInnen in Österreich

niemiecki – Deutsch
Ja żyję w Austrii. – Ich lebe in Österreich.
Mówię dwoma językami. – Ich verwende zwei Sprachen.

1.2 Wo welches Polnisch gesprochen wird: Eckdaten zu SprecherInnen und Sprache

Bis zu 60 Millionen Menschen sprechen heute Polnisch als eine ihrer Erstsprachen. Außerhalb von Polen (ca. 38 Millionen EinwohnerInnen) findet man eine größere Anzahl an SprecherInnen in Argentinien, Australien, Belgien, Brasilien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Irland, Israel, Kanada, Kasachstan, Lettland, Litauen, den Niederlanden, Schweden, der Slowakei, Österreich, Russland, Tschechien, Ungarn, der Ukraine, den USA, und in Weißrussland.

Als Amtssprache fungiert Polnisch in Polen und somit auch in der Europäischen Union. In Österreich ist Polnisch als Volksgruppensprache nicht anerkannt. In Deutschland ist die polnischsprachige Minderheit im Nachbarschaftsvertrag von 1991 erwähnt. Als Minderheitensprache ist Polnisch in Lettland, Litauen, der Slowakei, Tschechien, der Ukraine und Ungarn anerkannt. In Weißrussland ist trotz der erheblichen Zahl an Polnischsprechenden die Minderheit nicht anerkannt.

Auf den ersten Blick erscheint das Polnische als eine in sich kaum variierende Sprache, aber auf der gesprochenen Ebene der Sprache lassen sich zahlreiche Variationen finden. So werden in der Literatur folgende polnische Dialekte angeführt, die weitere kleinräumigere Mundarten umfassen:

  • małopolski (Kleinpolnisch) in Südpolen: Kraków, Podhale, Nowy Sącz, Żywiec
  • śląski (Schlesisch) im Südwesten: Katowice, Gliwice, Wrocław, Bielsko Biała
  • wielkopolski (Großpolnisch) im Norden und Westen: Poznań, Szczecin
    mazowiecki (Masowisch) in Mittel- und Nordostpolen, Warszawa, Białystok
  • północnokresowy („Nordostrandpolnisch" ) in nordöstlichen Grenzgebieten
  • południowokresowy („Südostrandpolnisch") südöstliche Grenzgebieten

Vor allem die letzten beiden Dialektgruppen sind gesprochene slawische Übergangssprachen, für die keine eindeutige Grenzziehung möglich ist. Die SprecherInnen nennen ihre Sprache zumeist „język tutejszy“ („hiesige Sprache“), oder meinen, sie würden „po prostemu“ („auf einfache Art“) sprechen.

Kaszubski (Kaschubisch) wird in Gdańsk (Danzig) und in der umliegenden Region verwendet, ist eigens standardisiert und als Unterrichtssprache in Gebrauch, jedoch in der Fachliteratur ein Streitfall zwischen Dialekt und Sprache. Łużycki (Sorbisch) ist hingegen als Sprache anerkannt, und wird in Deutschland an der Grenze zu Polen und Tschechien gesprochen. (Kaschubisch, Polnisch, Tschechisch, Slowakisch und Sorbisch werden als „westslawische Sprachen“ bezeichnet.)

Eine Grenze zu den ostslawischen Sprachen bilden die Karpaten Polens, der Slowakei und der Ukraine. (Ostslawische Sprachen sind u.a. Russisch, Ukrainisch und Weißrussisch.) Die Karpaten beherbergen eine Vielfalt an Klein- und Kleinstsprachen. Es handelt sich u.a. um rusinski (Russinisch), welches zum Großteil als Dialekt des Ukrainischen erachtet wird. Die SprecherInnen des eng verwandten łemkowski (Lemkisch) sind sich uneinig über ihren Status als eigene Sprachnation oder ukrainische bzw. russische Volksgruppe. Góralski (Goralisch) hatte ähnliche Einflüsse, ist dem Polnischen jedoch wesentlich näher und wird dementsprechend zumeist als polnischer Dialekt gewertet.

Zur polszczyzna litewska („litauisches Polnisch“) gehören ca. 250.000 SprecherInnen. Die Fachliteratur lässt auf ein hohes Selbstbewusstsein der litauischen Polonia schließen. Während sich Teile von ihr, offenbar auf Grund des Wunsches nach Sprach- und Kulturerhalt, heute am Standard Polens orientieren, scheinen andere Polnischsprachige in Litauen den Standard zu meiden.

Auf Grund der in Polen stark verbreiteten Orientierung und Stilisierung der Schriftsprache sind Dialekte oder Kleinsprachen sozial äußerst stigmatisiert: Die Hochsprache wird mit höherer Bildung assoziiert und vermittelt höheres Sozialprestige.

Die polnische Sprachpolitik hat sich dem Schutz des „richtigen“ Polnisch vor „Provinzialismen“ verschrieben. Sprachwissenschaftlichen Arbeiten liegt ein normativer Charakter zugrunde. Sie sollten „sprachliche Wirklichkeit" verbreiten und die Verwendung der Sprache regulieren. Der bekannte Sprachwissenschafter Miodek bringt den Polen in einer regelmäßigen Fernsehsendung das „korrekte“ Polnisch bei.

Die „Rada Języka Polskiego“ („Rat der polnischen Sprache“) ist eine 38-köpfige Kommission, die sich seit 1996 als Teil der Polnischen Akademie der Wissenschaften sprachpolitischen Fragen widmet. Ihre Arbeit wurde im Gesetz über die polnische Sprache 1999 festgesetzt, welches zudem Vorschriften zur Verwendung des Polnischen und anderer Sprachen im öffentlichen Leben vorsieht.

Mit der Übersetzung von religiösen Texten und Predigten um das Jahr 1000 begann die Kodifizierung des bislang nicht geschriebenen Polnisch. Das Kirchenlatein beeinflusste nicht nur die Wahl des Alphabets, sondern auch die Grammatik. Eine erste polnische Rechtschreibung gab es im 13. Jahrhundert. Im 15. und 16. Jahrhundert verdrängte das Polnische Latein, und es begann die Entwicklung der polnischen Literatursprache.

Obwohl die polnische Sprache gerade während der Teilungen Polens ab 1772 für ca. 150 Jahre ein verbindendes Element für die SprecherInnen war, trat der überregionale Standard während dieser Zeit zum Teil in den Hintergrund. Ab 1918 wurde  das Polnische im neuen polnischen Staat einer weiteren Standardisierung unterzogen.

Als bekannte SchriftstellerInnen polnischer Literatur gelten Adam Mickiewicz („Pan Tadeusz“, „Herr Thaddäus“), Henryk Sienkiewicz („Quo Vadis?“), Maria Dąbrowska, Witold Gombrowicz, Czesław Miłosz, Sławomir Mrożek, Wisława Szymborska (Literaturnobelpreis 1996) Zeitgenössische polnische LiteratInnen stellen Wojciech Kuczok, Andrzej Stasiuk und Olga Tokarczuk dar. Zweisprachige Autoren sind Dariusz Muszer und Radek Knapp.

In Polen wird von drei bis fünf Prozent Angehörigen sprachlicher Minderheiten gesprochen. Erst im Jahr 2005 wurden gesetzliche Minderheitenbestimmungen für „ethnische“, „nationale“ oder „regionale“ Gruppen eingeführt. Diese sind Armenier, Deutsche, Juden, Karaimen, Kaschuben, Lemken, Litauer, Roma, Russen, Slowaken, Tataren, Tschechen, Ukrainer, Weißrussen. Minderheitensprachen dürfen als Amtssprache in Gemeinden mit mindestens zwanzig Prozent Minderheitsanteil verwendet werden. Griechen und griechische Macedonen, Masuren, Schlesier, Roma, Warmiaken, Wilamowinen blieben bei der Frage der Anerkennung erfolglos. Jiddisch und Hebräisch sind als Minderheitensprachen nicht explizit anerkannt, kommen aber im Bildungswesen zum Einsatz.

Trotz einer erheblichen Anzahl polnischsprachiger Bevölkerung zu Zeiten der k.u.k.Monarchie und in der ersten Republik bis zum zweiten Weltkrieg resultiert die polnischsprachige Bevölkerung in Österreich im Wesentlichen aus der politischen Fluchtbewegung in den Siebziger und Achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts bzw. der Arbeitsmigration aus Polen seit 1960. Bei der Volkszählung 2001 gaben beinahe 30.600 Personen an, Polnisch als Umgangssprache zu verwenden.

Die gelebte Mehrsprachigkeit führt oft zu Mischformen im Sprachgebrauch, die mitunter amüsant empfunden werden. Zur Mehrsprachigkeit kommt häufig eine so genannte „hybride“ Identität hinzu: Man fühlt eine starke Verbundenheit zu Polen und fühlt sich in Österreich zu Hause.

1.3 Sprachbrücken Polnisch – Deutsch

Polnische Entlehnungen aus dem Deutschen liegen der Anzahl nach hinter dem Lateinischen, Französischen und Griechischen, sind aber trotzdem erheblich:

anioł (Engel), budować (bauen), burmistrz (Bürgermeister), bursztyn (Bernstein), cegła (Ziegel), cel (Ziel), cukier (Zucker), drut (Draht), farba (Farbe), fracht (Fracht), giełda („Gilde“, Börse) gmina (Gemeinde), grunt (Grund, Boden), gwałt (Gewalt), hamować ('hemmen', bremsen), handel (Handel), jarmark (Jahrmarkt), klasztor (Kloster), knajpa (Kneipe), kosztować (kosten), kuchnia (Küche), krysztal (Kristall), ładowac (laden), malarz (Maler), maszerować (marschieren), mur (Mauer), msza (Messe), obcas (Absatz), olej (Öl), panierować (panieren), papież (Papst),  pędzel (Pinsel), pielgrzym (Pilger), ratować (retten), ratusz (Rathaus), rodzynek (Rosine), smak (Geschmack), szlafrok (Schlafrock), sznur (Schnur), szpitał (Spital), szwagier (Schwager), szyba (Scheibe), szynka (Schinken), talerz (Teller), urlop (Urlaub), waga (Waage), warsztat (Werkstatt), wihajster (Bezeichnung für Gegenstände, deren Name vergessen wurde, von: „Wie heißt er?“), zupa (Suppe), żeglarz (Segler)

Lehnübersetzungen bzw. idiomatische Entlehnungen aus dem Deutschen lassen sich u.a. in folgenden Beispielen finden:

czasopismo (Zeitschrift), dworzec kolejowy (Bahnhof), korkociąg (Korkenzieher), listonosz (Briefträger), miarodajnie (maßgebend), miłosierdzie (Barmherzigkeit), odszkodowanie (Entschädigung), parowóz (Dampfwagen), światopogląd (Weltanschauung); rozumieć coś pod czymś (etwas unter etwas verstehen), nie być w stanie (nicht im Stande sein), od przypadku do przypadku (von Fall zu Fall)

Das Deutsche (und im besonderen Maße das österreichische Deutsch) besitzt ebenfalls Entlehnungen aus dem Polnischen:

Grenze (granica), Gurke (ogórek), Peitsche (pejcz), Penunze (pieniądze), Pintsch („nicht genügend", von „pięć“, „Fünf“), schetzko jedno („egal", von „wszystko jedno“), Dalli (von „dalej“)

Die Mehrsprachigkeit von Familien und Freundschaften, in denen Sprechende des Polnischen und des Deutschen vorkommen, bewirkt oft eine Übernahme von deutschen Ausdrücken in das Polnische:

szafnąć („schaffen" statt „udać się“), arbajtować (statt „pracować“), flizband (statt „taśma“), dostać dziecko („Kind bekommen“) statt „urodzić dziecko“, („Kind gebären“)

Spezifische lokale Bezeichnungen werden ebenfalls übernommen:

Jadę ubanem do fundamtu w pierwszym becyrku po führerschein. (Ich fahre mit der U–Bahn aufs Fundamt in den ersten Bezirk, um meinen Führerschein zu holen.)

Zum Vergleich: In Warschau heißt „U-Bahn“ „metro“, „Bezirk“ „dzielnica“, „Fundamt“ „biuro rzeczy znalezionych“ und „Führerschein“ „prawo jazdy“.

1.4 Namen, Anrede, Höflichkeit

Familiennamen werden (bis auf wenige Ausnahmen) je nach Zahl bzw. Geschlecht abgewandelt: pani Zamachowska (Frau Zamachowska), pan Zamachowski (Herr Zamachowski), państwo Zamachowscy (Frau und Herr Zamachowscy).

In der Emigration sind Nachnahmen mit multiplen Formen aus behördlichen Gründen häufig nicht möglich. So müssen meist Ehefrauen bzw. Töchter die maskuline Form des Nachnamens verwenden (Frau Zamachowski).

Personen spricht man im Vokativ (vgl. das Kapitel „Das grammatisches Geschlecht“) mit Panie (Herr) bzw. Pani (Frau) an. Die Kombination mit dem Vornamen ist besonders gebräuchlich und ermöglicht höfliche Vertrautheit auszudrücken, z.B. Panie Krzysztofie (Herr Christoph). Bei einander fremden Personen wird der Nachname verwendet: Pani Kieślowska (Frau Kieślowska). Handelt es sich um eine fremde Person mit Titel bzw. besonderer Berufsbezeichnung, verwendet man den Titel ohne Namen: Panie Reżyserze (Herr Regisseur).

Um das deutsche „Sie“ auszudrücken, wird ebenfalls Pani bzw. Pan verwendet. So heißt z.B. „Wissen Sie?“ im Polnischen „Czy Pani wie?“ („Weiß die Dame?"): Unter Umständen wird auch eine Verwandtschaftsbezeichung oder ein Titel benutzt: „Czy Ciocia wie?“ (Weiß die Tante?) oder „Czy Ksiądz wie?“ (Weiß der Priester?). Die wörtliche Entsprechung von „Sie“ (nämlich Wy) wird mit kommunistischem Sprachgebrauch assoziiert.

Proszę Pani.Entschuldigen Sie, Dame.
Proszę Pana.Entschuldigen Sie, Herr.
Proszę Pań.Entschuldigen Sie, Damen.
Proszę Panów.Entschuldigen Sie, Herren.
Proszę Państwa.

Entschuldigen Sie, Damen und Herren.

Im informellen, freundschaftlichen Umgang wird der Vokativ inzwischen seltener benützt (Piotr – Piotrze). Vornamen werden fast immer in mehreren Koseformen verwendet (Jan – Janek/Janeczek/Jaś/Jasio/Jasiek) und ebenfalls in den Vokativ gesetzt (Janku/Janeczku/Jasiu/Jaśku).