Dieser Sprachensteckbrief richtet sich sowohl an Personen, für die Deutsch Zweit- oder Fremdsprache ist, als auch an ErstsprachlerInnen. Von einem solchen wurde er auch verfasst. Die Perspektive ist jedoch eine „von außen“, eine, die sich aus der jahrelangen Beschäftigung mit Menschen ergibt, die diese Sprache als Zweit- oder Fremdsprache erwerben. Besonderes Gewicht wird auf die Schwierigkeiten beim Erlernen der deutschen Sprache gelegt.

1. Kurzer Überblick über die Sprache

1.1 Wie die Sprache genannt wird (DaM, DaZ, DaF)

Die oben angeführten Abkürzungen kursieren in Kreisen, die sich mit dem Deutschen als zu lernender Fremdsprache beschäftigen:

DaM (Deutsch als Muttersprache) hat die Zielgruppe, die Deutsch meist von deutsch-sprachigen Eltern bzw. Elternteilen von klein auf erlernt, vor Augen.

DaZ (Deutsch als Zweitsprache) bezieht sich auf jene Menschen, die in einer anderen Erstsprache aufwachsen, zugleich aber Deutsch aus einem deutschsprachigen Umfeld erwerben, einem Umfeld, in dem sie aus freien Stücken leben oder leben müssen. DaZ ist gekennzeichnet durch starke Anteile natürlichen Erwerbs, durch sozialen Druck, eine breite Streuung des Lernalters, eine lebensweltliche Zweisprachigkeit und die Lernsituation in einem deutschsprachigen Land.

DaF (Deutsch als Fremdsprache) betrifft eine Lernsituation, die sich entweder durch die Entfernung vom deutschsprachigen Umfeld auszeichnet bzw. die eine Distanz zum Erstsprachengebrauch und zur Erstsprachenkompetenz aufweist. DaF wird überwiegend schulförmig erworben; DaF-Lernende haben eine eher instrumentelle Motivation und ein mittleres Lernalter.

Über den Beherrschungsgrad des Deutschen sagen die Begriffe DaZ und DaF nichts aus. Dieser kann von praktisch muttersprachlichem Niveau bis zu sehr basalen sprachlichen Fertigkeiten reichen.

Der Name „Deutsch“

Das vom Westfränkischen *theodisk („Volkssprache“) abgeleitete Wort Deutsch findet sich, in abgewandelter Form, in verschiedenen Sprachen wieder (Niederländisch: duits, Chinesisch: deyu, Vietnamesisch: đức, Japanisch: doitsu(no), Schwedisch: tyska, Italienisch: tedesco).

Ein weiterer Begriff leitet sich von den Alemannen ab (Türkisch: almanca, Spanisch: alemán, Arabisch: almâni), auch die Sachsen (Finnisch: saksa, Estnisch: saksa) und die Germanen allgemein (Englisch: German, Swahili: kijerumani) fungieren als Begriffgeber.

In den slawischen Sprachen hat die Bezeichnung für Deutsch die Wurzel n(j)em: Russisch: немецки, „njemjetzki“, Tschechisch: nemec, Polnisch: niemiecky, Bulgarisch: nemski, was unter anderem auf das slawische Wort für „stumm“ (Polnisch: niemy), also die, die man nicht versteht, zurückgeführt wird. Auch die ungarische Sprache hat dieses Wort übernommen (Ungarisch: német).

1.2 Wo Deutsch gesprochen wird: Eckdaten zu SprecherInnen und Sprache

Deutsch ist eine mitteleuropäische Sprache mit rund 100 Millionen SprecherInnen in einem Gebiet, das Deutschland in seinen Grenzen nach der Wiedervereinigung, Österreich und die deutschsprachige Schweiz sowie Liechtenstein umfasst. Hinzu kommen Gebiete mit nennenswerten Bevölkerungsanteilen mit Deutsch als Erstsprache in Luxemburg, im französischen Elsass, in Belgien und Italien (Südtirol). Deutsch-ErstsprachlerInnen finden sich aus historischen Gründen auch in Sprachinseln in den ost- und südosteuropäischen Ländern, dort allerdings in einem durch die politische Entwicklung im 20. Jahrhundert zusehends sich verringernden Ausmaß. Weiters gibt es auch noch Emigrantenkolonien in Übersee, die das Deutsche weiter pflegen (z.B. in Brasilien, in Chile, in den USA oder in Namibia).

Deutsch wird weltweit als Fremdsprache gelernt, wobei der Anteil an Deutschlernenden in den osteuropäischen Staaten generell höher ist als in Westeuropa. Durch den unaufhaltsamen Boom bei Englisch als erster Fremdsprache zeichnet sich insgesamt eine Entwicklung ab, die Deutsch auf den zweiten oder dritten Platz als Lernsprache in Europa verweist.

Zählt man ErstsprachlerInnen des Deutschen und DaF/DaZ-SprecherInnen und -LernerInnen zusammen, beträgt die Zahl Deutschsprechender weltweit etwa 145 Millionen Personen.

International gesehen liegt Deutsch entweder an 11. Stelle (nach der Zahl der ErstsprachlerInnen: an erster Stelle steht Chinesisch) oder an 6. Stelle (nach seiner Stellung als staatliche Amtssprache: an erster Stelle steht hier Englisch), hat aber seine Bedeutung als Weltsprache schon seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts auf Grund verschiedenster Faktoren (durch zwei deutsche Kriege, Aufstieg der USA usw.) immer mehr eingebüßt.

Sprachpolitisch gesehen sind verschiedene Institutionen (für Deutschland: das Goethe-Institut/Inter Nationes, der DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) usw., für Österreich: die Abteilung Kultur und Sprache des Unterrichtsministeriums, die Österreich Institute, die Österreich-Kooperation, Lehrstühle für DaF/DaZ in Wien und Graz etc.) bemüht, das Deutsche als Fremdsprache durch internationale Kooperationen europa- und weltweit zu fördern. Der mitttel-, ost- und südosteuropäische Sprachenmarkt ist aber durch die Bedeutung der deutschsprachigen Länder der Kernbereich für DaF/DaZ. Vor allem auch dann, wenn die Kultur der Mehrsprachigkeit, die im Rahmen der Europäischen Union immer mehr an Boden gewinnt, ein fester Bestandteil der Bildungssysteme aller europäischen Länder geworden sein wird.

Varietäten

Deutsch ist eine plurizentrische Sprache, die durch eine deutsche, österreichische und schweizerische standardsprachliche Varietät charakterisiert ist. Diese drei Varietäten unterscheiden sich voneinander vor allem im Bereich der Lexik und Phonetik, weniger in der Grammatik, werden aber im gesamten deutschen Sprachraum verstanden. Anders verhält es sich mit den Dialekten bzw. den dialektal gefärbten Umgangssprachen. Diese stellen für DaF- und DaZ-Lernende mit nur standardsprachlichen Kenntnissen eine nicht zu unterschätzende Herausforderung dar.

Standard und Dialekt

Im Bereich der größeren Städte tendiert die gesprochene Sprache in Österreich immer mehr zur Standardsprachlichkeit, während im ländlichen Raum die Dialekte noch sehr lebendig sind und dort eine Art Zweisprachigkeit gegeben ist. In der Standardsprache wird geschrieben. Sie wird „am Land“ vorwiegend in der Schule und teilweise im öffentlichen Bereich verwendet. Der Dialekt wird prinzipiell in allen Bereichen verwendet, außer im Schriftlichen. Durch die zunehmende Durchdringung auch des ländlichen Raumes mit audiovisuellen Medien (Internet, Film, Satellitenfernsehen, digitale Speichermedien) ist auch dort längerfristig eine standardsprachliche Durchdringung der gesprochenen Sprache, vor allem durch die aus Deutschland kommenden Medien, abzusehen.

Charakteristisch für österreichische Verhältnisse ist eine je nach Gesprächssituation (sehr familiär, privat, halb offiziell, offiziell...) unterschiedliche Sprachkomposition, mit (falls es sich noch um eine/n kompetente/n DialektsprecherIn handelt) individuell abgemischter Sprache (reiner Dialekt, ein regionaler Standard / Regiolekt, Standard mit dialektalen Elementen, Standard). Dies betrifft im Wesentlichen ErstsprachlerInnen untereinander. Im Umgang mit NichterstsprachlerInnen greifen Gebildete eher zu einer standardnahen Varietät, weniger Gebildete verfallen bisweilen in ein vereinfachtes Deutsch mit vielen Infinitiven. Ob durch dieses miserable sprachliche Vorbild tatsächliche bessere Verständlichkeit erzielt wird, sei bezweifelt.

Grundsätzlich kann davon ausgegangen werden, dass alle ÖsterreicherInnen mit deutscher Erstsprache neben der österreichischen auch die deutsche und schweizerische Standardvarietät verstehen und – abhängig davon, wie sehr sie ihn in ihrem alltäglichen Lebensumfeld (z.B. in der Arbeit) verwenden müssen – den österreichischen Standard auch, mehr oder weniger gewandt, aktiv gebrauchen können. Sie können sich somit im gesamten deutschsprachigen Raum gut verständigen. Dies ist für den schulischen und außerschulischen DaF/DaZ-Unterricht in der österreichischen Standardsprache von nicht unerheblicher Bedeutung.

1.3 Sprachbrücken

Die deutsche Sprache schlägt, vor allem zu den umliegenden Sprachen, viele Brücken, über die der Wortschatz sowohl von der deutschen zur nichtdeutschen Seite als auch umgekehrt wandert. Der österreichische Wortschatz ist hier, auch auf Grund von historischen Verbindungen in der Habsburgermonarchie, besonders reich an Wörtern, die in benachbarte Sprachen übernommen oder aus ihnen entlehnt wurden.

Deutsche Wörter in anderen Sprachen

Einige leicht verständliche Beispiele aus einer langen Liste (wobei hier keine Aussage über die Verwendungshäufigkeit der genannten Wörter getroffen werden kann) aus anderen Sprachen wären: Albanisch lajtmotiv, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch rostfraj, Englisch: katzenjammer, Finnisch: wursti, Französisch rucksac, Griechisch: froilain (φροϊλάιν),  Italienisch: speck, Japanisch: arubaito (Studentenjob), Polnisch: kinderstuba, Rumänisch: şnur, Russisch: kurort (курорт), Slowenisch: cil, Tschechisch: líbesbríf, Türkisch: otoban, Ungarisch: vicc, Weißrussisch: rychtyk (рыхтык).

Wörter aus anderen Sprachen im Deutschen

Beispiele für Wörter aus anderen Sprachen im Deutschen sind natürlich alle Ausdrücke griechischen, lateinischen, französischen und in den letzten Jahrzehnten besonders stark englischsprachigen Ursprungs. Hier sei auf diverse Fremdwörterbücher verwiesen. Charakteristisch für das Deutsche ist, dass sehr oft sowohl ein Fremdwort als auch ein ursprünglich deutsches oder eingedeutschtes Wort (z.B. Terminus/Ausdruck) zur Verfügung stehen, was deutschsprachige Texte sehr wortschatzreich machen kann. Die in den letzten Jahrzehnten vehement ins Deutsche eindringenden englischsprachigen Ausdrücke (download, homepage, laptop, joy stick usw.) stellen eine große Herausforderung an die Aufnahme- und Integrationsfähigkeit der Sprache dar. Hier wird sich zeigen, ob diese neuen Termini auch weiterhin phonetisch (englisch ausgesprochen) und im Schriftbild als Fremd-wörter bestehen bleiben, oder ob ein Versuch gemacht wird, den Zufluss neuer Wörter zu regulieren und durch bestimmte Maßnahmen (z.B. Schreibung, Lehnübersetzung, Anpassung an die deutsche Aussprache) besser zu integrieren.

Beispiele von Wörtern, die aus anderen Sprachen ins Deutsche übernommen wurden, lassen sich bei den Steckbriefen der jeweiligen Sprache finden.

1.4 Namen und Anrede

Im Deutschen gibt es eine klare Unterscheidung zwischen du und ihr für Kinder und Jugendliche, den familiären Bereich, den Freundes- und Bekanntenkreis sowie z. T. dem Arbeitsumfeld, und Sie für die offizielle Anrede von Unbekannten, nicht näher befreundeten Personen, Vorgesetzten oder Untergebenen. Die Durchlässigkeit zwischen den beiden Bereichen (Duzen in der Hierarchie auch nach oben, schnelleres du beim Kennenlernen von Personen) ist in den vergangenen Jahren merklich größer und lockerer geworden. Im Vergleich etwa zu den Verhältnissen in Spanien (häufiges Duzen auch von Unbekannten oder im Bereich des Arbeitsplatzes) sind die Hierarchien durch die Anrede noch deutlicher markiert. Gab es in der Anrede früher noch die Unterscheidung zwischen Frau und Fräulein, so wird letzteres heute – auch schon fast ironisch – nur noch in Kaffeehäusern als Anrede für die Kellnerin verwendet.

Obwohl Österreich für die gehäufte Verwendung aller möglichen Anredetitel (Amtstitel, Ehrentitel, akademische Titel) berühmt und berüchtigt ist, zeichnet sich auch hier eine Mäßigung ab und die einfache Anrede mit Herr (+ Familienname) oder Frau (+ Familienname) wird häufiger. Allerdings ist z.B. die Anrede mit „Herr/Frau Magister“ in Österreich noch durchaus üblich, in Deutschland überhaupt nicht.