1. Kurzer Überblick über die Sprache

1.1 Wie die Sprache genannt wird

bălgarski ezik, bălgarski

1.2 Wo Bulgarisch gesprochen wird: Eckdaten zu SprecherInnen und Sprache

Die bulgarische Sprache ist die offizielle Amts- und Verwaltungssprache der Republik Bulgarien. Laut der Volkszählung 2001 bezeichnen sich 7.271.200 EinwohnerInnen, ca. 85 Prozent der Bevölkerung, als bulgarischsprachig. In dieser Zahl sind jedoch auch Minderheitenangehörige enthalten, für die Bulgarisch eigentlich die Zweitsprache ist, die aber nicht den so genannt ethnischen Gruppen (Türken, Roma, Armenier, Griechen, Rumänen und Juden) zugerechnet werden. Dies ist auf die Zeit des Sozialismus zurückzuführen, in der eine sprachliche Homogenisierung betrieben wurde und viele Angehörige von Minderheiten „bulgarisiert” wurden. Das gilt in besonderem Maß für die türkische Minderheit.

Außerhalb der Republik Bulgarien ist Bulgarisch auch die Sprache von Minderheiten in einigen anderen Ländern, vor allem in der Ukraine und in Moldawien. Die Vorfahren der hier ansässigen BulgarInnen wanderten bereits im 18. Jahrhundert aus. Weitere bulgarischsprachige Gruppen findet man in den benachbarten Ländern Makedonien, Serbien, Rumänien, Griechenland und in der Türkei. Alles in allem wird die Zahl der SprecherInnen auf ca. neun Millionen Menschen geschätzt.

Das Bulgarische gehört mit Slowenisch, Kroatisch, Bosnisch, Serbisch und Makedonisch zu den südslawischen Sprachen. Die Sprache hat mehrere Dialekte und ist mit dem heutigen Makedonisch eng verwandt. Obwohl sich das Makedonische mittlerweile als eigene Literatur- und Amtssprache etabliert hat, wird es in Bulgarien oft noch als bulgarischer Dialekt bezeichnet. Ebenso werden zwischen den zwei Ländern Diskussionen über die Zugehörigkeit bestimmter AutorInnen und geschichtlicher Persönlichkeiten geführt, da diese, insbesondere im 19. Jahrhundert, auf dem gesamten Territorium agiert haben.

Die Ursprünge des Protobulgarischen sind bis heute unklar. Man erachtet es als erwiesen, dass es sich um keine slawische Sprache gehandelt hat. Die Protobulgaren waren ein Nomadenvolk, das möglicherweise der Turksprachfamilie zuzurechnen ist und sich im Laufe des 6. und 7. Jahrhunderts mit slawischen Stämmen auf dem Balkan vermischt hat. Nur einige wenige protobulgarische Ausdrücke sind bis heute in der bulgarischen Sprache erhalten geblieben (u.a. einige Eigennamen).

Die Anfänge der slawischen Schriftlichkeit gehen zurück auf die Slawenapostel Kyrill und Method, beide aus dem Gebiet von Thessaloniki stammend. Die Brüder sprachen neben Griechisch auch eine slawische Dialektvariante und verbreiteten ihre Schrift, die Glagolica oder das Glagolitische, auch im heutigen Bulgarien. Einer ihrer Schüler, Kliment von Ohrid, welcher in der heute makedonischen Stadt Ohrid gelebt und gewirkt hat, entwickelte ausgehend von dieser Schrift eine  neue, vereinfachte Variante. Seinem Lehrer zu Ehren benannte er sie „Kyrillisch“. Seine Schüler verbreiteten diese Schrift quer über das heutige Bulgarien, wo sie bis heute die offizielle Schrift des Landes ist.

Das moderne Bulgarisch weist eine große Nähe zum Altkirchenslawisch auf. Es hat sich in drei Etappen herausgebildet: Die altbulgarische Periode (9. bis 11. Jahrhundert) ist die Zeit der  Slawenapostel. In der zweiten Periode (12. bis 14. Jahrhundert) ersetzte das Kyrillische langsam die alte glagolitische Schrift. Mit der Eroberung durch die Osmanen im Jahre 1396 begann die Schriftsprache zu stagnieren, erst in der dritten Periode (ab dem 15. Jahrhundert) erlebte das Bulgarische wieder einen Aufschwung, sowohl als Schrift- als auch als Literatursprache.

Die Anfänge der bulgarischen Literatur verlaufen parallel zur Entwicklung der Sprache. Erste Texte, alle mit einem religiösen Inhalt, fallen in die Zeit der Slawenapostel und deren Schüler. Wichtige Namen sind hier Konstantin Preslavski, Ijoan Ekzarh und Černorizec Hrabăr.

Die nächste Periode ist ebenfalls in erster Linie religiösen Texten und Schriften gewidmet, später auch Erzählungen, Heiligengeschichten und -biographien. Gegen Ende der 500-jährigen osmanischen Herrschaft entstanden Widerstandsgruppen, die mit der Zeit stärker wurden und aus denen die „văzroždenska literatura“ (Deutsch: Widerstandsliteratur) hervorging. Der Mönch Paisij Hilendarski brachte 1762 die „Slavobulgarische Geschichte“ heraus. Das Werk leitete eine allgemeine Welle der nationalen Wiedergeburt ein, die sich nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Kultur widerspiegelte. Kirche, nationale Bildung und Kultur wurden immer wichtiger. Bedeutende Vertreter der nationalen Freiheitsbewegung dieser Zeit sind u.a. Vasil Levski, Hristo Botev und Ljuben Karavelov.

In der dritten Periode, nach der Befreiung von der osmanischen Herrschaft im Jahre 1878 entwickelt sich eine Literatur, die in erster Linie Memoirencharakter hat, und sich mit der geschichtlichen Vergangenheit und der Überwindung des osmanischen Jochs beschäftigt. Zu den Klassikern der bulgarischen Literatur gehören Ivan Vazov, Aleko Konstantinov, Penčo Slavejkov, Petko Todorov, Pejo Javorov, gefolgt von Nikolaj Liliev, Kiril Hristov, Dimčo Debeljanov, Geo Milev und viele mehr.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird aus der bulgarischen Monarchie ein sozialistischer Staat unter der Regierung von Todor Živkov. Im Unterschied zum benachbarten Jugoslawien ist das Land gegenüber dem westlichen Europa hermetisch abgeschlossen, das Regime richtet sich in seinem diktatorischen Ansatz nach dem großen Vorbild UdSSR. Die Sprachenpolitik des Landes wird streng probulgarisch. Das geht so weit, dass man im Jahre 1986 Angehörige der großen türkischen Minderheit zwingt, slawische Namen anzunehmen und sich zu assimilieren. Der muttersprachliche Unterricht in Türkisch wird verboten.

Ähnlich wie in der UdSSR können sich Kultur und Literatur offiziell nur nach den von der Partei vorgeschriebenen Postulaten entwickeln. So entstehen auch hier zwei Strömungen: eine offizielle und eine inoffizielle Kultur- und Literaturszene. Einige berühme Namen aus Literatur, Kultur und Wissenschaft sind z. B. Dimităr Talev, Emilian Stanev, Blaga Dimitrova, Dora Gabe, Damjan Damjanov, Cvetan Todorov, Julija Krăsteva. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs werden immer mehr AutorInnen auch ins Deutsche übersetzt, in jüngster Zeit etwa Ilija Trojanov, Dimitre Dinev, Rumjana Zaharieva, Todora Radeva, Georgi Gospodinov, Alek Popov und viele mehr.

1.3 Sprach- und Kulturbrücken

Verbindungen zum deutschsprachigen Europa waren für Bulgarien immer sehr wichtig. Das letzte bulgarische Königshaus war Teil der Dynastie Sachsen-Coburg-Gotha. Auch weil viele Gelehrte, WissenschaftlerInnen, LiteratInnen etc. zum Lernen und Forschen in die deutschsprachigen Länder geschickt wurden, waren die bulgarisch-deutschen Beziehungen sehr eng. Auch zu sozialistischen Zeiten pflegte man weiterhin diesen Kontakt, allerdings lange Zeit nur mit der DDR. In den 1960er Jahren begannen auch Kontakte zur BRD, die nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch kultureller und wissenschaftlicher Natur waren. Diese engen Beziehungen halten bis heute an.

Im heutigen Bulgarisch gibt es einige Germanismen. Diese werden wie bulgarische Wörter behandelt, meist phonetisch geschrieben –  z. B. auspuf, bormašina, šibedak, štrudel, lebervurst etc. – und sind nicht immer als Germanismen zu erkennen.

Wien war bei bulgarischen Intellektuellen, SchriftstellerInnen, MusikerInnen, WissenschaftlerInnen und Reisenden schon im 19. Jahrhundert ein beliebter Ort. Auch scheint sich die österreichische Literaturszene in den letzten Jahren immer mehr für das Land auf dem Balkan zu interessieren, was u.a. durch Übersetzungen und Lesungen bulgarischer AutorInnen zum Ausdruck kommt.

1.4 Namen und Anrede

Personennamen werden im Bulgarischen ähnlich wie im Deutschen angegeben, allerdings haben die meisten Nachnamen die männliche Endung -ov oder die weibliche Endung -ova. Wenn sich die Frau für einen Doppelnamen entscheidet, steht üblicherweise der Mädchenname zuerst: Ivajla Zlateva-Atanasova.

Vater: Mihail Zlatev
Mutter: Velislava Zlateva
Tochter: Ivajla Zlateva
Sohn: Kalojan Zlatev

Wie im Deutschen gibt es im Bulgarischen neben der Du-Form „ti“ die Höflichkeitsform „Vie“ (Ihr). Die Anwendung ist ähnlich wie im Deutschen.

Einen Unterschied zum Deutschen bildet das Ausschreiben der akademischen Titel. Diese werden im Bulgarischen nur im beruflichen Kontext verwendet. In Dokumenten (z. B. Reisepass, Heiratsurkunde etc.) werden sie nicht angeführt, auch werden die TrägerInnen im Alltag (z. B. beim Arztbesuch) nicht mit dem Titel angesprochen.