1. Kurzer Überblick über die Sprache

1.1 Wie die Sprache genannt wird

Laut Verfassung der jeweiligen Staaten

  • in Bosnien-Herzegowina:
    - bosanski jezik – die bosnische Sprache, Bosnisch
    - hrvatski jezik – die kroatische Sprache, Kroatisch
    - srpski jezik – die serbische Sprache, Serbisch
  • in Kroatien: hrvatski jezik – die kroatische Sprache, Kroatisch
  • in Serbien: srpski jezik – die serbische Sprache, Serbisch
  • in Montenegro (seit 2007): crnogorski jezik – die montenegrinische Sprache, Montenegrinisch
  • im ehemaligen Jugoslawien: srpskohrvatski oder hrvatskosrpski – Serbokroatisch oder Kroatoserbisch
  • im internationalen Gebrauch (so auch in Österreich) häufig auch: Bosnisch/Kroatisch/Serbisch (abgekürzt: BKS)


Bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts waren die binationalen Sprachbezeichnungen Serbokroatisch, Serbo-Kroatisch, Serbisch und Kroatisch (bzw. Kroatoserbisch, Kroato-Serbisch, Kroatisch und Serbisch) im Gebrauch und verwiesen somit auf den bis dahin plurizentrischen Ansatz in der Sprachenpolitik. In der Praxis war es auch üblich, in Kroatien diese Sprache als Kroatisch und in Serbien und Montenegro als Serbisch zu bezeichnen. Am häufigsten verwendete man den Namen Serbokroatisch bzw. Kroatoserbisch in Bosnien und Herzegowina.

In der Sprachwissenschaft wurden Kroatisch und Serbisch lange Zeit als eine Sprache betrachtet, wobei von einer westlichen Variante (lateinisch geschriebenes Kroatisch mit dem Zentrum in Zagreb) und einer östlichen (kyrillisch geschriebenes Serbisch mit dem Zentrum in Belgrad) gesprochen wurde. In der Linguistik wird auch der Begriff „südmittelslawisches Diasystem“ verwendet, der alle Dialekte zwischen den slowenischen im Westen und den makedonischen im Osten umfasst. 

Nach dem Zerfall Jugoslawiens in verschiedene Einzelstaaten wurde die Sprachenpolitik neu definiert und man ging letztendlich zu einer nationalstaatlichen Sprachenpolitik über. Heute sprechen die einzelnen Verfassungen vom Serbischen, Kroatischen und Bosnischen. Die heutigen Standardsprachen basieren alle auf dem štokavischen Dialekt.

Laut Bildungsdokumentationsgesetz (BilDok) sind folgende Sprachbezeichnungen vorgesehen: Bosnisch, Kroatisch, Serbisch und Serbokroatisch. Der muttersprachliche Unterricht an österreichischen Schulen wird in der Regel für alle SprecherInnen dieser Varietäten bzw. Sprachen gemeinsam erteilt.

1.2 Wo Bosnisch/Kroatisch/Serbisch gesprochen wird

Die Zahl der SprecherInnen dieser Sprache(n) wird auf 22 Millionen geschätzt. Dabei ist zu betonen, dass die Staatsgrenzen keine Sprachgrenzen bilden.

Bosnisch
Ca. 4 Millionen SprecherInnen. Außer in Bosnien-Herzegowina wird Bosnisch auch in Serbien, Kroatien, Makedonien, Montenegro, Slowenien und im Kosovo gesprochen, sowie als Migrantensprache in Österreich, Deutschland, Frankreich, Kanada, USA, Schweden, Australien etc.

Kroatisch
Ca. 6,2 Millionen SprecherInnen. Davon 4,8 SprecherInnen in Kroatien. Weiters wird Kroatisch in Bosnien und Herzegowina, Serbien und Slowenien gesprochen und als Minderheitensprache in Österreich (Burgenlandkroatisch), Ungarn und Italien, sowie als Migrantensprache in Österreich, Deutschland, Frankreich, Kanada, USA, Schweden, Australien etc.

Serbisch
Ca. 11,2 Millionen SprecherInnen. Davon ca. 7 Millionen in Serbien, darüber hinaus in Montenegro, Bosnien und Herzegowina (Republika Srpska) und Makedonien. Weiters als Minderheitensprache in Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Griechenland und Albanien und als Migrantensprache in Österreich, Deutschland, Frankreich, Kanada, USA, Schweden, Australien etc.

1.3 Sprach- und Kulturbrücken Bosnisch/Kroatisch/Serbisch – Deutsch

Die beiden Sprachen standen und stehen in einem engen Sprachkontakt. Viele BKS-Wörter sind Germanismen, obwohl sie manchmal wegen der anderen Schreibweise nicht mehr als solche zu erkennen sind, z.B. šrafciger (Schraubenzieher), escajg (Esszeug = Besteck), oder Lehnübersetzungen aus dem Deutschen, wie z.B. izlet (Ausflug). Umgekehrt stammt aus dem Serbischen z.B. das deutsche Wort Paprika und aus dem Kroatischen das Wort Krawatte. Viele neue und alte Internationalismen sind diesen Sprachen gemeinsam, z.B. gramatika (Grammatik), telefonirati (telefonieren), kompjuter oder kompjutor (Computer), etc. Es gibt auch eine Reihe an Wörtern, die auf den gemeinsamen indoeuropäischen Stamm dieser Sprachen verweisen, wie z.B. stajati – stehen, jesti – essen, brat – Bruder, etc.

Auch im kulturellen Bereich sind die Beziehungen eng. Viele Gelehrte, Literaten und Künstler aus Bosnien, Kroatien, Montenegro und Serbien lebten und wirkten in Österreich, überwiegend in Wien, und trugen zu einem ständigen Kulturaustausch bei. Für viele von ihnen war Wien das Zentrum ihrer Arbeitstätigkeit, für andere nur eine wichtige Station. Der Klang dieser slawischen Sprachen ist keinesfalls erst seit der Arbeitsmigration in der 60er Jahren auf den Wiener Straßen zu hören.

Vertretend für SprecherInnen der südslawischen Sprachen, die eine Zeit in Österreich gelebt und gewirkt haben, werden hier nur einige Namen genannt: Vatroslav Jagić und Vuk Stefanović Karadžić (Philologen), Petar II Petrović Njagoš (Dichter und Staatsmann), Petar Preradović (Dichter, Vater von Paula Preradović), Uroš Predić und Paja Jovanović (Maler), Nikola Tesla, Ruđer Bošković und Jovan Cvijić (Wissenschafter), Ivan Zajc und Franz von Suppé (Komponisten) und zahlreiche Schriftsteller: Jovan Jovanović Zmaj, Branko Radičević, Antun Gustav Matoš, Safetbeg Bašagić, Isak Samokovlija, Ivo Andrić, Miloš Crnjanski, Miroslav Krleža, Milo Dor etc. Wie Wien auf manche von ihnen wirkte, kann man z.B. in den folgenden zwei Büchern nachlesen: „Wien als Magnet?“ von Gertraud Marinelli-König und Nina Pavlova (Hg.) oder in „Wien – ein Wintergarten an der Donau“ von Stanislav Vinaver, übersetzt und herausgegeben von Milo Dor.

Bei Spaziergängen durch Wien trifft man auf Gedenktafeln, die an diese Menschen erinnern. Eine interessante Sammlung farbiger Wappen der altösterreichischen Adriahäfen findet sich z.B. am Gebäude des ehemaligen k.u.k. Reichskriegsministeriums-Marine-Sektion in Wien 3, Vordere Zollamtstraße. Im 3. Wiener Bezirk in der Rasumofskygasse ist eine Büste des Begründers der serbokroatischen Standardsprache, Vuk Stefanović Karadžić, aufgestellt. In den Arkaden der Universität Wien finden sich viele Büsten von Südslawen, die an das andauernde Zusammenleben erinnern. Auch heute ist das Wirken vieler Wiener bosnischer, kroatischer, montenegrinischer und serbischer Herkunft in unterschiedlichsten Bereichen zu spüren.

1.4 Namen und Anrede

Personennamen werden wie folgt angegeben:

Vater: Petar Savić
Mutter: Milena Savić
Tochter: Ana Savić (Selten tragen die Kinder einen Doppelnamen)
Sohn: Branislav Savić

Bei Doppelnamen wird üblicherweise zuerst der Mädchenname angeführt:
Milena Matić(-)Savić (Der Bindestrich ist nicht obligatorisch.)

Weibliche Vornamen enden hauptsächlich auf -a, männliche auf einen Konsonanten. Viele Familiennamen enden auf die Silbe -ić, die ursprünglich die Verkleinerungsform eines Vornamens darstellte (z. B. Marko → Marković = der Kleine von Marko). Etliche Familiennamen weisen andere Endungen auf (Šapina, Pećo, Babalj, Kranjčar, Guzina, Balta ...).

Familiennamen werden nicht dekliniert, wenn sie nach einem weiblichen Vornamen stehen, z.B. Nominativ: Milena Savić, Genetiv: Milene Savić, Dativ: Mileni Savić

Im Gegensatz dazu werden Familiennamen nach dem männlichen Vornamen dekliniert, z.B.: Nominativ: Petar Savić, Genetiv: Petra Savića, Dativ: Petru Saviću

Anrede

Es wird zwischen einer vertraulichen Anrede (ti = du) und einer Höflichkeitsform (Vi = wörtlich: Ihr) unterschieden, die sich anders als im Deutschen nicht der 3. Person Plural (Sie), sondern der 2. Person Plural bedient. Das entsprechende Possessivpronomen ist Vaš, Vaša, Vaše (wörtlich: Euer, Eure).

Titel werden nur im beruflichen Kontext verwendet (in Dokumenten wie im Reisepass, in der Heiratsurkunde etc. werden sie nicht angeführt).

Beispiele:
Kroatisch: mr dr (Mag. Dr.) ohne Punkt am Ende
Serbisch: mr. dr. (Mag. Dr.) mit Punkt am Ende