1. Kurzer Überblick über die Sprache

1.1 Wie die Sprache genannt wird

العربيةal-carabijja – das Arabische (formale Variante)
عربي  c arabi – Arabisch (kolloquiale Variante)

Da in den verschiedenen arabischen Ländern mitunter sehr unterschiedliche Varianten des Arabischen gesprochen werden (siehe dazu 1.2), könnten auch Bezeichnungen dieser regionalen Varianten verwendet werden, z.B. daridscha maghribijja دارجة مغربية) (marokkanische Umgangssprache) oder ammijja misrijja  (عامية مصرية) (ägyp­tische Umgangssprache). Für gewöhnlich wird jedoch von den SprecherInnen immer Ara­bisch als Muttersprache angegeben.

1.2 Wo Arabisch gesprochen wird: Eckdaten zu SprecherInnen und Sprache

Varianten des Arabischen, darunter auch Kreolsprachen, werden schätzungsweise von 300 Millionen Menschen gesprochen, davon sprechen ca. 240 Millionen Arabisch als Muttersprache und ca. 50 Millionen als Zweitsprache (vgl. Wikipedia, Ara­bische Sprache). Einzelne Varianten sind für SprecherInnen aus anderen Regionen teilweise schwer verständlich.

Zu dieser regionalen Diversität kommt noch ein soziolinguistisches Phänomen, das meist als Diglossie bezeichnet wird. In einer solchen Sprachsituation unterscheidet man zwischen einem schriftsprachlichen Standard, der nur zum Schreiben und für we­nige formale Kommunikationssituationen verwendet wird, und einer Umgangssprache, die, durchaus auch national überdachend, als mündlicher Standard gelten kann. Darin besteht im Wesentlichen der Unterschied zu einer soziolinguistischen Situa­tion, wie sie etwa in Österreich herrscht, wo die regionalen Dialekte nicht als Stan­dard­varianten gelten. Eher ist die Situation im arabischen Raum mit jener in der Schweiz vergleichbar, wo für schriftliche Belange Hochdeutsch, für die mündliche Kom­munikation – z. B. auch als Sprache in Medien – jedoch Schwyzerdütsch ver­wen­det wird.

Dieser Umstand ist umso bedeutender, als die schriftsprachliche Variante erst in der Schu­le gelehrt wird. Das bedeutet natürlich, dass Kinder im Vorschulalter noch nicht in vollem Umfang mit dem „Standardarabischen“ in Berührung gekommen sind, aber auch, dass nicht alphabetisierte MigrantInnen diese Sprache nicht beherrschen.

In den einzelnen arabischen Ländern entwickeln sich überregionale Varietäten der Lan­dessprache, meist orientiert am Dialekt der Hauptstadt oder einer anderen Metropole (Kairo, Amman, Damaskus, Casablanca), die für DialektsprecherInnen anderer Re­gio­nen als Prestige- und Normvariante fungieren. Trotz der teilweise erheblichen Un­ter­schiede zwischen diesen Varietäten können sich SprecherInnen aus unter-schiedlichen Ländern zum Teil problemlos verständigen. Das liegt zum einen an beträchtlichen sprachgeschichtlichen Gemeinsamkeiten, zum anderen auch an der den gesamten Sprachraum überdachenden Schriftsprache und nicht zuletzt an der zunehmenden Mobilität der Bevölkerungen, die immer inten­si­ve­re Sprachkontakte mit sich bringt. Die Verständigung zwischen SprecherInnen einer westlichen (maghrebinischen) und einer östlichen Variante (z. B. Ägyptisch, Levantinisch, Irakisch) gelingt jedoch nicht ohne Weiteres, ganz zu schweigen von peri­phe­ren Varianten wie Uzbeki oder nigerianischem Arabisch. Hier ist es oft nötig, auf die Schriftsprache, in der Praxis jedoch häufiger auf eine europäische Fremdsprache (ehe­malige Kolonialsprache) auszuweichen.

Geografisch erstreckt sich das Arabische von Mauretanien und Marokko im Westen bis zum Irak und dem arabisch-persischen Golf im Osten und von der Türkei im Norden bis zum Sudan im Süden, mit zahlreichen Sprachinseln auch außerhalb dieses Gebiets. Arabischsprachige Minderheiten leben in afrikanischen Staaten (Nigeria, Niger, Mali, Tschad), in Vorder- und Zentralasien (Iran, Afghanistan, Usbekistan, Türkei) und im Mittelmeerraum (Zypern). Das Maltesische ist eine Mischsprache, die struk­tu­rell anderen arabischen Umgangssprachen sehr ähnlich ist. Darüber hinaus exis­tie­ren große arabophone Migrantengemeinschaften in Europa und Amerika, vor al­lem in den USA.

Standardarabisch (Schriftsprache) ist eine der sechs offiziellen UNO-Sprachen und ist Amts­sprache (teils allein, teils gemeinsam mit einer anderen Sprache) in 25 afrikanischen und vorderasiatischen Staaten: Ägypten, Algerien, Bahrain, Dschibuti, Eritrea, Irak, Israel, Jemen, Jordanien, Komoren, Katar, Kuwait, Libanon, Libyen, Marokko, Mau­re­tanien, Oman, Palästinensische Autonomiegebiete, Saudi-Arabien, Somalia, Su­dan, Syrien, Tschad, Tunesien und Vereinigte Arabische Emirate. Die zah­len­mä­ßig mächtigste regionale Variante ist das ägyptische Arabisch mit ungefähr 50 Mio. SprecherInnen.

Angesichts dieser großen räumlichen Ausdehnung der arabischen Welt ist es nicht ver­wunderlich, dass auf diesem Gebiet eine große Anzahl an nicht-arabischen Sprachen gesprochen wird, von denen nur einige wichtige stellvertretend genannt seien. Im Westen gibt es, vor allem in Marokko und Algerien, in geringerer Zahl auch in Tu­ne­sien und Libyen, SprecherInnen verschiedener Berbervarietäten, im Osten (Irak, Syrien) leben große kurdische Minoritäten, im südlichen Sudan herrschen afrikanische Spra­chen vor, im Süden der arabischen Halbinsel (Jemen, Oman) sind noch einige süd­arabische Sprachen erhalten. Das Aramäische ist heute bis auf einige kleine Sprach­inseln in einigen Dörfern Nordsyriens und des Irak ausgestorben. Im ge­sam­ten arabischen Raum ist noch ein gewisser Einfluss der ehe­ma­li­gen Kolonialsprachen zu erkennen, wobei hier das Französische im maghre­bi­ni­schen Raum eine Sonderstellung einnimmt, da es hier teilweise immer noch als Bil­dungs­sprache fungiert. Das gilt – wenn auch nicht im selben Ausmaß – auch für den Libanon.

Nach den Angaben von Statistik Austria gaben im Jahr 2001 17.592 in Österreich leben­de Personen Arabisch als Umgangssprache an. Die größte arabischsprachige Ge­meinschaft in Österreich ist ägyptischer Herkunft, wobei zwischen 2004 und 2007 die Anzahl der MigrantInnen aus Ägypten um über 1.300 stieg. Dementsprechend nimmt auch die ägyptische Va­riante des Arabischen eine besondere Stellung ein.

Arabisch gehört dem westsemitischen Zweig der semitischen Sprachfamilie an und ist mit Hebräisch und Aramäisch verwandt. Die ersten schriftlichen Dokumente des Ara­bischen datieren aus dem 3. bis 4. Jh., das älteste bekannte, eine Grabinschrift aus An-Namara (Syrien), stammt aus dem Jahr 328.

Besondere Bedeutung erlangte das Arabische als Sprache des Koran (7. Jh.), der hei­ligen Schrift der Muslime. Der Koran gilt für die AnhängerInnen dieser Reli­gions­ge­mein­schaft als Gottes Wort, das auf Arabisch offenbart wurde und nicht verändert werden darf. Die Sprache des Koran ist das Klassische Arabisch, dessen Regeln auch heute noch als Norm für die schriftsprachliche Grammatik dienen. Die Heiligkeit des gött­li­chen Worts ist auch der Grund dafür, dass Versuche einer Sprachreform immer wieder scheitern und sich so ein tausend Jahre alter Sprachtyp bis heute als grammatische Norm er­hal­ten konnte. Dadurch ergibt sich auch die erhebliche Differenz zu den ge­spro­che­nen Varianten, die im Gegensatz zur Schriftsprache ständiger Veränderung unter­lie­gen; andererseits beruht darauf  auch die Bewahrung einer einheitlichen Dachsprache von Nordafrika bis Vorderasien.

In der arabischen Kunst spielt die Sprache eine herausragende Rolle. Nicht zuletzt durch das Bilderverbot im Islam hat sich eine regelrechte Kultur des Wortes heraus­ge­bildet. Dichter und Literaten sind seit jeher hoch angesehen, und die Hochsprache ge­nießt außerordentliches Prestige, wohingegen die tatsächlich gesprochenen Umgangs­sprachen meist als minder abgewertet werden.

Besonderen Stellenwert hat die Dichtung in der arabischen Literatur. Hier reicht eine rei­che Tradition von der vorislamischen Zeit (622 nach Chr.: Beginn der islamischen Zeit­rechnung) über die Hofdichtung der islamischen Periode bis in die Moderne. Ein be­kanntes Zeugnis mittelarabischer Literatur ist 1001 Nacht, das, zum Großteil nicht-ara­bischen Ursprungs, innerhalb der arabischen Literatur aber keinen großen Stellenwert hat. Die Zahl der zeitgenössischen Schriftsteller ist so groß, dass es kaum möglich ist, einen knappen Überblick über die wichtigsten Vertreter zu geben. Erwähnt sei jedoch, dass sich neben den im Mutterland lebenden Literaten, zu denen auch der Nobelpreisträger Nagib Mahfuz (1911–2006) aus Ägypten zählt, eine starke Tra­dition der Exilliteratur, beginnend mit dem in die USA ausgewanderten Libanesen Khalil Gibran (1883–1931), entwickelt hat. Arabische Schriftsteller schreiben auch nicht immer in arabischer Sprache. Beispiele für die reiche frankophone Literatur Nord­afrikas sind die Schriften des Marokkaners Taher Ben Jelloun (*1944) oder der Al­gerierin Assia Djebar (*1936). Auf Deutsch schreibt der in Deutschland lebende Syrer Rafik Schami (*1946). Auch in Österreich leben arabische Schriftsteller, darunter der in Ägypten aufgewachsene Sohn sudanesischer Eltern Tarek Eltayeb (*1959). Abschließend seien hier noch einige wichtige Verlage im deutschsprachigen Raum ge­nannt, die eine Auswahl an übersetzter Literatur bieten: die Schweizer Verlage Lenos, Union und Lisan, der deutsche Verlag Hans Schiler in Berlin sowie der Palmyra Ver­lag in Heidelberg und edition selene in Wien.

Angesichts der ungeheuren Vielfalt arabischer Prosa und Poesie bietet die übersetzte Li­teratur nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Schaffen der arabischen LiteratInnen, von dem häufig behauptet wird, er sei nicht repräsentativ. Immerhin sind viele be­rühm­te Werke in deutscher Übersetzung erhältlich. Viele der übersetzten Autoren kom­men aus Ägypten (Nagib Mahfuz, Gamal-Al-Ghitani, Alifa Rifaat), dem Li­ba­non (Elias Khoury), Syrien (Adonis) und Palästina (Sahar Khalifa). Der Übersetzer Hart­mut Fähndrich, der im Lenos-Verlag für die arabische Reihe verantwortlich ist, widmet sich heute zunehmend neuerer, noch nicht so bekannter Literatur, wie beispielsweise dem in einem Tuareg-Stamm aufgewachsenen Ibrahim al-Koni. Der in Österreich leben­de Tarek Eltayeb wird von seiner Frau Ursula Eltayeb übersetzt.

Eine kleine Auswahl übersetzter Literatur

Nagib Mahfuz: „Die Midaq-Gasse“, „Die Kinder unseres Viertels“: das alte Kairo in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, beinahe unberührt von der Moderne – eine Welt, die mit dem Kairo der Hochhäuser und Autobahnbrücken nicht viel gemein hat.

Salwa Bakr (Stimme der Entrechteten und Marginalisierten, besonders der Frauen): „Der goldene Wagen fährt nicht zum Himmel“: Eine Frau in mittleren Jahren, die we­gen Mordes an ihrem Stiefvater, der sie jahrelang missbraucht hat, im Gefängnis ist, träumt davon, mit einer goldenen Kutsche in den Himmel zu fahren.

Elias Khoury: „Das Tor zur Sonne“: ein hautnahes Zeugnis des ersten verlorenen Pa­läs­tinakrieges 1948, bei dem ungefähr 800.000 Palästinenser vertrieben wurden.

Abdelrahman Munif: „Salzstädte“. Ein modernes Beduinenepos – die Frühgeschichte der europäischen Kolonisierung der arabischen Halbinsel und der Beginn der Erdöl­ma­nie aus arabischer Innensicht.

Tayyib Salih: „Sains Hochzeit“ oder „Die Hochzeit des Zain“ (zwei Übersetzungen erhält­lich): die berührende Geschichte eines behinderten jungen Mannes in einem klei­nen sudanesischen Dorf, der ein wenig verspottet wird, aber dennoch liebevoll in der länd­li­chen Gesellschaft aufgehoben ist.

Tarek Eltayeb: „Das Palmenhaus“ (Migrantenroman): Nach einigen Jahren in Wien, die von Einsamkeit und einem perspektivlosen Alltag am Rande der Gesellschaft ge­prägt sind, lernt Hamza, der Protagonist des Romans, Sandra kennen, die ihm eine völ­ig neue Welt eröffnet: Sie zeigt ihm das Palmenhaus, das für ihn zum Ort der Ge­bor­genheit und der Wärme, zum Ort der Träume und Erinnerungen an sein früheres Le­ben im Sudan und in Ägypten wird.

Kinder- und Jugendliteratur

  • Abdel-Qadir, Ghasi (1993) Spatzenmilch und Teufelsdreck. Hamburg: Erika Klopp Verlag.
  • Begag, Azouz (1998) Azouz, der Junge vom Stadtrand. Zürich: Verlag Nagel & Kimche (Reihe BAOBAB).
  • Jelloun, Tahar Ben (1999) Papa, was ist ein Fremder? Gespräch mit meiner Tochter. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 2. Aufl.

1.3 Sprachbrücken Arabisch – Deutsch

Es gibt Dutzende deutsche Wörter, die aus dem Arabischen stammen und die man auf den ersten Blick gar nicht als Lehnwörter erkennen würde. Gut nachvollziehbar ist die arabische Herkunft von Wörtern wie Algebra (ar. al-gabr), Alchemie (ar. al-kiimyaa’) oder Alkohol (ar. al-kuħuul), weniger schon an Zucker (ar. sukkar) und Kaffee (ar. qahwa). Aber wer weiß schon, dass Kabel, Adel oder Jacke auch aus dem Ara­bischen kommen?

1.4 Namen und Anrede

Arabische Personennamen können sich grundlegend von deutschen unterscheiden. Zwar gibt es auch die in Österreich übliche Struktur von Vornamen und Fa­mi­lien­-namen, wobei der Vorname zumeist zuerst genannt wird. In Marokko zum Beispiel ist es jedoch auch üblich, den Familiennamen voranzustellen. Arabische Familien-namen beginnen häufig mit Al- oder El-, was in etwa dem deutschen Artikel entspricht.

Die alte arabische Struktur des Personennamens, die auch heute noch häufig an­zu­tref­fen ist, weist allerdings keinen richtigen Familiennamen auf. Sie besteht aus dem Vor­namen der Person und den Namen der väterlichen Ahnen in chronologischer Rei­hen­folge, also Name, Name des Vaters, Name des Großvaters usw. Manche dieser Na­men sind daher sehr lang. Im Allgemeinen beschränkt man sich jedoch auf die Nen­nung von drei Namen.

Der Name der Mutter wird nicht weitergegeben, Frauen behalten nach der Heirat jedoch ihren Familiennamen bei und werden, abhängig von Region und Gesell­schaftsschicht, manchmal auch mit dem Namen des Ehemannes ange­sprochen.

In traditionellen Gesellschaften bzw. Gesellschaftsschichten ist es üblich, Mutter und Va­ter mit dem Titel Umm „Mutter von“ und Abu „Vater von“ und dem Namen des ältes­ten Sohnes (ggf. auch der ältesten Tochter) anzusprechen, also z. B. Umm Ali, Abu Ali. Beim Vornamen genannt zu werden, ist für viele Frauen oft peinlich und unan­genehm. Besonders für ältere Personen, wenn sie Muslime sind, steht die Anrede Hadsch, Hadscha (äg. Hagg, Hagga) „Pilger, Pilgerin“ zur Verfügung, die dem Namen vorgeschaltet wird. Jeder Muslim, der die Pilgerreise nach Mekka vollzogen hat, wird so genannt.

Im Arabischen gibt es zwar keine Unterscheidung zwischen ‚du’ und ‚Sie’. Dies wird aber durch eine Vielzahl von unterschiedlichen Anredeformen ausgeglichen. Ältere Per­sonen und Respektspersonen werden nicht einfach mit „inta“ „du“ (m.) oder „inti“ (w.)’ an­gesprochen. Hier unterscheiden sich die arabischen Länder voneinander. Die Not­wendigkeit, das bloße „du“ zu vermeiden, gilt ganz besonders für Ägypten, während die Anrede beispielsweise im Libanon nicht so formell sein muss.

Titel sind beliebt und werden immer genannt. Bei den akademischen Graden gibt es al­ler­dings keinen Magistertitel als Anredeform.